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Chinas Agrarpolitik und der Ukraine-Krieg: „Peking erkauft sich Einfluss und erweitert seine Macht“

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Von: Sven Hauberg

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Bauern bei der Getreideernte in der chinesischen Provinz Hubei.
Getreideernte in der chinesischen Provinz Hubei: China hortet seit Jahren Lebensmittelvorräte. © Xinhua/Imago

Seit Jahren hortet China riesige Mengen an Getreide. Agrarexperte Hendrik Mahlkow erklärt, was das mit dem Krieg in der Ukraine zu tun hat und wie Peking die hohen Weltmarktpreise ausnutzen könnte.

München – Der russische Angriffskrieg fügt nicht nur den Menschen in der Ukraine* unsägliches Leid zu, er lässt auch die weltweiten Getreidepreise steigen. Das bekommen vor allem Menschen in ärmeren Ländern zu spüren, die schon jetzt einen Großteil ihres Einkommens für ihre Ernährung aufbringen müssen. Gleichzeitig sitzt China* auf etwa der Hälfte der weltweiten Getreidelagerbestände. Wie Peking diesen Schatz nutzen könnte, um andere Länder von sich abhängig zu machen, erklärt der Agrarexperte Hendrik Mahlkow vom Kiel Institut für Weltwirtschaft im Interview mit Merkur.de*.

Russland führt seit vier Wochen Krieg gegen die Ukraine, die als „Kornkammer Europas“ gilt. Welche Auswirkungen hat das auf die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln?

Die Auswirkungen sind erheblich. Russland* und die Ukraine sind für 25 Prozent der weltweiten Weizenexporte verantwortlich. In der Ukraine wird die Produktion für den Export aller Voraussicht nach komplett ausfallen. Zwar wurden die Felder schon im letzten Herbst bestellt. Aber jetzt müsste gedüngt werden, und das ist in weiten Teilen des Landes derzeit nicht möglich. Die Bauern haben Angst davor, dass sich die Investitionen, die jetzt getätigt werden müssten, nicht rechnen – weil die Ernte nicht eingeholt werden kann oder einfach von Panzern plattgemacht wird. Und selbst wenn im Sommer geerntet werden könnte, wären die Erträge viel niedriger, weil jetzt eben nicht gedüngt wird. Die Ukraine ist außerdem ein großer Mais-Exporteur, auch in die EU. Da müsste jetzt die Aussaat erfolgen – aber das passiert nicht.

Und wie ist die Lage in Russland?

Auch Russland* und ehemalige Sowjet-Republiken wie Kasachstan stehen derzeit vor logistischen Problemen. Denn diese Länder exportieren Getreide vor allem über das Schwarze Meer – und das ist Kriegsgebiet. Es gibt Berichte, dass dort bereits Weizentanker beschossen wurden. Die Versicherungsraten für Schiffe, die in dieser Region unterwegs sind, steigen exorbitant. Selbst wenn ein Export über das Schwarze Meer möglich wäre, würde das die Transportkosten enorm erhöhen. Außerdem hat die Russische Föderation einen Exportstopp für Getreide verhängt*. In den nächsten Monaten wird kein Weizen mehr exportiert, um die eigene Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Beides zusammen ist ein harter Schlag.

Hendrik Mahlkow
Hendrik Mahlkow forscht beim Kiel Institut für Weltwirtschaft unter anderem zum internationalen Handel. © Privat

China: Getreide als Mittel der Geopolitik

Wie wirkt sich das auf ärmere Länder aus?

Das ist von Land zu Land völlig unterschiedlich. Ägypten beispielsweise importiert 70 Prozent seines Weizens aus Russland. Das klingt zunächst nach einer sehr großen Abhängigkeit. Allerdings ist Weizen ein Gut, das auf dem Weltmarkt gehandelt wird. Man kann es also gut von woanders beschaffen. Allerdings versuchen derzeit alle Länder, ihre Vorräte aufzufüllen, weil sie befürchten, nichts mehr zu bekommen. Hier spielen sich viele Länder gerade gegeneinander aus. Dadurch steigen die Preise enorm. Der Preis für eine Tonne Weizen* hat sich seit Beginn des Krieges verdoppelt. Das ist auch für Länder ein Problem, die bislang nichts aus Russland importiert haben. Weil nun auch sie die gestiegenen Preise zahlen müssen.

Steigen nur die Preise, oder besteht die Gefahr, dass aufgrund der Ausfälle in der Ukraine nicht mehr genug Getreide auf den Märkten ist?

Das Problem ist nicht, dass nicht genug vorhanden wäre. Wir haben weltweit genügend Lebensmittel und genügend Getreide, auch wenn es enorme Verluste bei der Lagerung und beim Verbrauch gibt, also viel verschwendet wird*. Das Problem sind die steigenden Preise.

Welche Rolle spielt dabei China? Das Land bunkert seit Beginn der Corona-Pandemie enorme Mengen Getreide.

Es gehört zu Chinas Strategie, im Bereich der Lebensmittelversorgung souverän zu werden*. Deswegen hat das Land massive Lagerbestände aufgebaut. Die genauen Zahlen sind unbekannt, Analysten gehen aber davon aus, dass China 50 Prozent der weltweiten Getreidelagerbestände hält. Das sind 150 Millionen Tonnen und entspricht dem einheimischen Verbrauch von anderthalb Jahren. So will die Regierung Preisanstiege und Versorgungsknappheit verhindern. Gleichzeitig hat China damit auch ein geopolitisches Pfund in der Hinterhand: Das Land kann einerseits sein Getreide sehr lukrativ verkaufen, weil die Preise jetzt sehr hoch sind. Andererseits kann Peking seine Marktmacht sehr gut ausnutzen. Etwa, wenn Entwicklungsländer ein Hilfegesuch an China stellen, weil sie ihre Importe auf dem Weltmarkt nicht bezahlen können. So erkauft sich Peking Einfluss und erweitert seine Macht.

China: Massive Investitionen in Agrartechnik

Tut China das denn bereits?

Im Agrarsektor sehen wir dieses Verhalten noch nicht. Beobachten konnten wir das allerdings zu Beginn der Corona-Pandemie bei den Maskenexporten. Da wurden Masken einerseits teuer verkauft, gleichzeitig aber auch als Hilfen an Entwicklungsländer abgegeben. Das war klar geopolitisch motiviert.

Wie abhängig ist China denn von Getreideimporten aus Russland und der Ukraine?

China importiert seit einigen Jahren deutlich weniger Getreide als früher und konzentriert sich vielmehr darauf, Souveränität bei der Lebensmittelversorgung herzustellen. Niedrige Preise sind für das Regime extrem wichtig, da sonst ein soziales Pulverfass entstünde. Deswegen investiert China massiv in die einheimische Produktion. Nur sieben Prozent des Getreideverbrauchs in China sind importiert.

Wie schafft China das? Das Land stellt etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung, besitzt aber nur neun Prozent der weltweiten Anbaufläche.

China hat in den vergangenen Jahren massiv in moderne Agrartechnik und neue Anbaumethoden investiert, etwa in Bewässerung. Außerdem kooperiert China stark mit ausländischen Firmen, etwa im Bereich von Saatgut, Gentechnik und Landmaschinen. Durch Joint Ventures hat Peking zudem in großem Stil Wissen importiert. Deswegen ist China heute deutlich unabhängiger von ausländischer Technologie als etwa Russland. Wann sich das Land aber komplett selbst versorgen kann, ist noch offen.

Agrarpolitik: Fleischkonsum spielt entscheidende Rolle

Auch die EU will sich im Zuge des Ukraine-Kriegs unabhängiger von Getreideimporten machen.

Das stimmt, und ich persönlich sehe das ziemlich kritisch. Die EU* importiert viel Mais aus der Ukraine und will nun unabhängig vom Weltmarkt werden. Deshalb sollen beispielsweise auch Brachflächen und ökologische Ausgleichsflächen bewirtschaftet werden, was ich für nicht sinnvoll halte. Hinzu kommt: Die internationale Arbeitsteilung im Agrarsektor basiert darauf, dass eine Pflanze in einer Region angebaut wird, in der sie gut wächst. Es bringt also nichts, wenn künftig etwa in Norddeutschland Körnermais gepflanzt wird, wo hier doch Getreide viel besser wächst.

Die Unabhängigkeit, die die EU anstrebt, geht auf Kosten der Anbaumenge. Wir werden also zwar unabhängiger, insgesamt aber auch weniger produzieren, was wiederum zu höheren Preisen führt. Wir Deutschen geben weniger als zehn Prozent unseres Einkommens für Ernährung aus, da trifft uns eine Preissteigerung um fünf Prozent nicht so sehr. In Ländern, in denen die Menschen aber 80 Prozent ihres Einkommens für Ernährung ausgeben, hat das ganz andere Konsequenzen.

Welche Rolle spielt dabei der Fleischkonsum?

Die EU fokussiert sich leider nur auf eine Angebotspolitik, sie will mehr produzieren. Aber an die Nachfrage traut man sich nicht heran, dabei wäre das dringend notwendig. Wir verfüttern heute enorme Mengen an Getreide in Tiermägen für die Fleischproduktion. Das ist in diesem Ausmaß ökologisch und energetisch nicht sinnvoll, weil wir etwa bei Schweinefleisch drei bis sechsmal so viel Energie verfüttern müssen, wie wir durch Fleisch zurückbekommen. (sh) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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