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Chinas Corona-Politik schwächt die Weltwirtschaft - und sorgt auch bei uns für steigende Preise

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Von: Sven Hauberg

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Im Hafen von Shanghai - hier ein Archivbild von 2021 - geht derzeit nicht viel.
Im Hafen von Shanghai - hier ein Archivbild von 2021 - geht derzeit nicht viel. © Chinatopix via AP/dpa

Lockdowns ohne Ende: Chinas Anti-Corona-Maßnahmen belasten die Weltwirtschaft - und werden wohl auch bei uns zu steigender Inflation führen.

München/Shanghai/Peking - Chinas Regierung hält weiter an ihrer Null-Covid-Politik fest - trotz aller Auswirkungen auf die Bevölkerung, die unter den harten Maßnahmen leidet. Nachdem Shanghai bereits Anfang April in einen Lockdown geschickt wurde, machen sich nun auch in der Hauptstadt Peking Sorgen vor weitreichenden Ausgangssperren breit. Konsequenzen hat Chinas knallharter Kurs längst auch auf die Weltwirtschaft. Im März hatte die chinesische Regierung für das laufende Jahr ein Wirtschaftswachstum von lediglich 5,5 Prozent als Ziel vorgegeben - „ein wirklich ambitioniertes Ziel und eines, das sehr schwer zu erreichen sein wird“, wie der Analyst Nis Grünberg von der China-Denkfabrik Merics unlängst sagte.

Die vielen Lockdowns - landesweit waren seit März mehr als 70 Städte von mehr oder weniger strengen Ausgangssperren betroffen - machen die Lage nicht einfacher. Am deutlichsten sieht man das derzeit in Shanghai - beziehungsweise im Hafen der Wirtschaftsmetropole und im angrenzenden Meer. Daten der Seite MarineTraffic zeigen Hunderte Containerschiffe, die sich dort stauen. Schätzungen zufolge ist das Exportvolumen des größten Hafens der Welt bereits um rund 40 Prozent zurückgegangen. „Eine Lieferkette funktioniert nur, wenn alle Glieder gleichmäßig zusammenarbeiten“, sagte Tu Le, Geschäftsführer der Mobilitätsberatung Sino Auto Insights, der South China Morning Post. „Dazu gehören die Arbeiter bei den Herstellern und Zulieferern und die Lkw-Fahrer auf der Eingangs- und Ausgangsseite. Wenn eines dieser Glieder ausfällt, kann das gesamte System nur langsam oder gar nicht funktionieren.“

Bisweilen reicht den Behörden ein einziger positiver Corona-Fall, um eine Stadt in den Lockdown zu schicken, wie etwa in der Industriestadt Wuhu in der Provinz Anhui. Der Zulieferer Foxconn, der unter anderem Apple beliefert, stoppte Anfang der Woche die Produktion in zwei Fabriken in der ostchinesischen Stadt Kunshan, nachdem von dort neue Covid-Fälle gemeldet worden waren.

China: Lockdown in Shanghai führt weltweit zu Lieferengpässen

„Auch in Deutschland werden die Lieferengpässe jetzt zu spüren sein“, sagte Maximilian Butek, der Delegierte der Deutschen Wirtschaft in Shanghai, vor wenigen Tagen der Nachrichtenagentur dpa. Butek befürchtet, dass die Auswirkungen des Lockdowns auf die weltweiten Handelsströme auch in Deutschland zur Verteuerung vieler Produkte und damit zur Inflation führen werden. Laut Butek bekommen viele Unternehmen ihre Produkte seit mehr als drei Wochen nicht aus China heraus. Alternativen zum Transport der Waren per Schiff gibt es kaum. Das Flugzeug ist zu teuer, und auch die Schienenverbindungen zwischen Deutschland und China sind unterbrochen.

Kamen zu Beginn des Jahres noch etwa 60 Güterzüge aus China in Duisburg an, dem deutschen Endbahnhof der Neuen Seidenstraße, sind es derzeit etwa 30 Prozent weniger - Tendenz weiter fallend. „Wir gehen davon aus, dass der Verkehr auf 40 bis 50 Prozent des bisherigen Volumens zurückgehen könnte“, sagte Markus Bangen, der Chef des Hafenbetreibers Duisport, der Süddeutschen Zeitung. Der Grund: Die Schienenverbindungen zwischen China und Deutschland führen vor allem durch russisches Staatsgebiet. Viele Produzenten würden aufgrund des Ukraine-Kriegs nun aber „die Ware nicht über Russland transportieren wollen“, so Bangen, obwohl der Schienentransport bislang nicht von den westlichen Sanktionen gegen Moskau betroffen ist.

In Shanghai selbst erlaubten die Behörden zuletzt 666 wichtigen Unternehmen – darunter Tesla und Chinas größter Chiphersteller SMIC -, die Produktion wieder hochzufahren. Getan haben das bis Sonntag allerdings nur rund 70 Prozent dieser Firmen, wie chinesische Medien berichteten. Die Gründe dafür sind vielfältig. So wartete Tesla in der vergangenen Woche auf die Lieferung von Akkus, weswegen der Bau von Elektroautos zunächst nicht wieder aufgenommen werden konnte.

China: Mitarbeiter von Unternehmen müssen auf Firmengeländer schlafen

Außerdem verlangt die Regierung, dass die Mitarbeiter der 666 Unternehmen auf dem Firmengelände schlafen und keinen Kontakt zu Menschen von außerhalb haben. Vielen Firmen ist es allerdings nicht möglich, ihren Mitarbeitern ausreichend Schlafplätze anzubieten, weswegen diese oftmals daheim blieben anstatt zu arbeiten. „Eine große Zahl von Arbeitnehmern ist immer noch zu Hause eingeschlossen, und die Kapazitäten werden nicht voll genutzt, bis alle Techniker und Arbeitnehmer in die Werke zurückkehren“, sagte ein Mitarbeiter des Automobilzulieferers ZF TRW der South China Morning Post.

Der lange und harte Lockdown in Shanghai und anderen chinesischen Städten führt unterdessen auch bei vielen ausländischen Fachkräften in China zu einem Umdenken. War das Land bislang für viele ein Ort, an dem sich gut Geld verdienen und angenehm leben ließ, sind nun die Schattenseiten der chinesischen Diktatur unübersehbar. Wer in seiner Wohnung eingesperrt oder in ein überfülltes Quarantänelager gebracht wird, der blickt anders auf China.

Im März ergab eine Umfrage der US-Handelskammer, dass mehr als 80 Prozent der Unternehmen derzeit Schwierigkeiten haben, ausländische Arbeitskräfte für den Einsatz China zu gewinnen. Ein Drittel der Firmen habe außerdem ihre ausländische Belegschaft in China um mindestens zehn Prozent reduziert. Laut Zahlen aus dem vergangenen Jahr leben in Shanghai rund 164.000 Ausländer. Jens Hildebrandt von der deutschen Auslandshandelskammer in Peking warnte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, die Lockdown-Maßnahmen würden „langfristig Spuren hinterlassen“.

China: Börsen stürzen ab

Auch auf die Börsen hat der Lockdown in Shanghai Auswirkungen. Am Montag fiel der Aktienindex Shanghai Composite um mehr als fünf Prozent auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren. Dabei hatte Peking eigentlich das Ziel ausgegeben, aus Shanghai bis zum Jahr 2035 ein „internationales Finanzzentrum mit großem globalen Einfluss“ zu machen. Einer Analyse der Financial Times zufolge steht dem aber nicht nur der freie Fluss von Finanzströmen und von Informationen entgegen - sondern zunehmend auch die chinesische Corona-Politik. Diese mache es ausländischen Unternehmen schwer, Personal - und damit auch Geld - nach China zu bringen. Der Lockdown habe zudem gezeigt, dass für die Kommunistische Partei im Zweifel innenpolitische Entscheidungen wichtiger seien als die Interessen von Wirtschaftsvertretern, so die Analyse.

Tatsächlich scheint die Partei von ihrem vor mehr als zwei Jahren eingeschlagenen Kurs kaum mehr abweichen zu können - allen wirtschaftlichen Begleiterscheinungen zum Trotz. Die Idee der Null-Covid-Strategie wird Staats- und Parteichef Xi Jinping persönlich zugeschrieben, ein Umschwenken würde den 68-Jährigen, der im Herbst in eine historische dritte Amtszeit starten will, als wankelmütig erscheinen lassen.

Mit dem Festhalten an der Null-Covid-Politik will Peking vor allem eines unter Beweis stellen: die angebliche politische und moralische Überlegenheit des chinesischen Systems, das es geschafft habe, Hunderttausende Corona-Tote zu verhindern, während den westlichen Demokratien das Leben ihrer Bürger egal sei. So zumindest lautet das Narrativ, das Staatsmedien seit Monaten verbreiten. Das immense Leid, das die endlosen Lockdowns über die Menschen bringen, spielt in diesen Überlegungen nur eine untergeordnete Rolle. Und selbst das Wirtschaftswachstum, bislang eine der wichtigsten Legitimationsquellen der Parteidiktatur, muss offenbar hinten anstehen. (sh)

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