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Exportgigant China: Rohstoff-Importe nun „Schicksal der Nation“ – auch von den großen Rivalen

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Von: Christiane Kühl

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Ein Flüssiggastanker liefert LNG von Qatar Petroleum in Qingdao an.
China braucht dringend Rohstoffe aus dem Ausland: Die erste Flüssiggas-Lieferung aus Qatar am LNG-Terminal in Qingdao © Imago/VGC

China ist eine Exportnation. Doch umgekehrt ist China auch abhängig von Technologie-Vorprodukten und Rohstoffe aus dem Ausland. Vieles davon muss es bei geopolitischen Rivalen einkaufen.

Peking/München – Die „Werkbank der Welt“ steht in Asien. China beliefert große Teile der Welt mit Kleidung, Elektronik oder Haushaltsgeräten. „Made in China“ ist beim Einkaufen allgegenwärtig. Das Land verzeichnete 2021 einen Handelsüberschuss von gewaltigen 676 Milliarden US-Dollar. Bekannt ist China als Exportnation. Doch es braucht auch selbst viele Dinge aus dem Ausland. Ohne die Einfuhr von Rohstoffen und Vorprodukten würde der Exportmotor des Landes ebenso ins Stottern kommen wie sein riesiger Binnenmarkt.

Kopfschmerzen bereitet China* seit vielen Jahren vor allem ein Rohstoff: Erdöl. Die Volksrepublik ist seit 2017 der weltgrößte Ölimporteur. Und die Lücke zwischen der Ölförderung zuhause und der wachsenden Nachfrage wächst. Damit nicht genug: Öl ist nicht der einzige Rohstoff, von dem die Volksrepublik zu wenig besitzt. Es gibt weitere Schwachstellen.

China müsse eine „strategische Basis“ für die Selbstversorgung mit wichtigen Rohstoffen von Energie bis Sojabohnen schaffen, betonte Präsident Xi Jinping* im Dezember auf der jährlichen Wirtschaftskonferenz der Kommunistischen Partei*. „Für ein großes Land wie unseres ist es eine zentrale strategische Frage, dass wir die Versorgung mit Vorprodukten sicherstellen können“, beschwor Xi die Delegierten. „Sojabohnen, Eisenerz, Rohöl, Erdgas, Kupfer und Aluminiumerze sind alle verknüpft mit dem Schicksal unserer Nation.“

China: Importe von Rohstoffen und Technologie

Es sind dramatische Worte. Und tatsächlich ist China für seinen wirtschaftlichen Erfolg überraschend abhängig vom Einfuhren aus aller Welt. Und die steigen mit wachsender Wirtschaftsleistung immer weiter. 2021 legten Chinas Importe um 21,5 Prozent auf umgerechnet rund 2,4 Billionen Euro zu. Das Wirtschaftswachstum betrug indes „nur“ 8,1 Prozent*. Vor allem Chinas Hunger nach Rohstoffen für den Energiesektor sowie nach Metallen trieb die Importe in die Höhe. Das Thema gewinnt daher auf der langfristigen Agenda des Landes unter Xi immer größere Priorität.

Bei Rohstoffen wie Sojabohnen, Eisenerz, Rohöl, Erdgas, Kupfer, Bauxit und Gold stammen bis zu 80 Prozent des chinesischen Verbrauchs aus dem Ausland. Im Technologiesektor sind es vor allem Halbleiter*, die China einführen muss: Das Land ist seit 2005 der weltgrößte Chip-Importeur. Doch auch andere Technologien und Komponenten muss China weitgehend im Ausland beschaffen. Dazu gehören nach einer neuen Studie des Center for Security and Emerging Technology (CEST) der US-amerikanischen Georgetown University etwa Lidar-Systeme für selbstfahrende Autos, Motorgehäuse für Verkehrsflugzeuge oder Reagenzien für Gen-Editing-Kits.

China: Importe von geopolitischen Rivalen

Dabei muss China vieles aus Ländern importieren, die zunehmend zu geopolitischen Rivalen werden. Die USA sehen China als Konkurrenten und Systemrivalen. Von dort importierte China viele Technologieprodukte, die es selbst nicht herstellen konnte. Doch inzwischen schneidet die US-Politik der „schwarzen Listen“ viele chinesische Firmen wie etwa Huawei* von wichtigen Komponenten ab. Ex-Präsident Donald Trump hatte ab 2018 hunderte chinesische Unternehmen auf die harmlos klingende „Entity List“ des Handelsministeriums gesetzt: US-Firmen durften nichts mehr an diese chinesischen Unternehmen verkaufen. Die Biden-Regierung hat diese Liste beibehalten. Im Dezember fügte sie sogar weitere Firmen hinzu, darunter den KI-Spezialisten Sensetime und den führenden Drohnenhersteller DJI.

2018 gerieten zudem die Lieferungen amerikanischer Sojabohnen nach China in den Mahlstrom des Handelskrieges beider Staaten*. Der wachsende Fleischkonsum der Chinesen treibt die Nachfrage nach Mais und Sojabohnen als Futtermittel enorm nach oben. In den vergangenen 20 Jahren verzehnfachten sich die Sojabohnenimporte von 10,4 Millionen auf 100,3 Millionen Tonnen. Auch hier ist die Volksrepublik mit großem Abstand Spitzenreiter in der Welt. Durch den Handelskonflikt mit Washington aber halbierten sich die chinesischen Einfuhren von US-Sojabohnen von 32,9 Milliarden Tonnen im Jahr 2017 auf nur noch 16,6 Millionen Tonnen im Jahr 2018.

China wandte sich an Brasilien, um die Soja-Lücke zu schließen. Heute liefert Brasilien 60 Prozent der chinesischen Soja-Importe. 30 Prozent kommen nach wie vor aus den USA*. Doch Brasiliens Produktion kommt der Nachfrage aus China nicht mehr hinterher. Peking versucht daher, sich weitere Kanäle in Russland und Südostasien aufzubauen. Zumal der Import-Bedarf noch weiter zunehmen wird, weil im eigenen Land die Anbaufläche schrumpft: 2021 um satte 14,8 Prozent. Nach Angaben des Nationalen Statistikamtes geben viele Bauern aufgrund der niedrigen Margen den Soja-Anbau auf. Wie es weitergeht, ist völlig offen.

China braucht Technologie-Vorprodukte aus dem Ausland

Beim Thema Technologie will China künftig so viel wie möglich selbst im Inland entwickeln und produzieren, um aus dieser Situation herauszukommen. Dafür rief Peking Strategien wie „Made in China 2025“ oder „Dual Circulation“ ins Leben. China fördert als strategisch wahrgenommene Zukunftsbranchen wie KI oder Klimatechnologie. Ausländische Firmen wittern bereits eine Benachteiligung. Bislang ist in diesen Strategien aber ebenfalls noch vieles unklar. Bis auf weiteres wird China die Komponenten aus dem Ausland brauchen.

China sei bei 35 Schlüsseltechnologien auf Importe angewiesen, die es im Inland nicht in ausreichender Qualität oder Quantität produzieren könne, schrieb CEST-Forscherin Emily Weinstein Anfang Januar unter Berufung auf Chinas Bildungsministerium. Zu diesen Technologien gehören Hochleistungs-Gasturbinen, Hochdruck-Kolbenpumpen, Stahl für hochwertige Lager, Fotolithografiemaschinen, industrielle Software und mehr. Also ein ganzes Arsenal an Hochtechnologie, das eine Wirtschaftsmacht benötigt, um langfristig eine Führungsrolle in der Welt beanspruchen zu können.

Chinas Halbleiter-Importe größer als Öl-Einfuhren

Heute, in Zeiten des globalen Chipmangels, ringt Peking zudem mit der EU und den USA um Halbleiter-Lieferungen des taiwanischen Weltmarktführers TSMC*. 2020 importierte China Halbleiter im Wert von 350 Milliarden US-Dollar – mehr als sein Importvolumen für Erdöl. Laut dem Fachmagazin Technode verzeichnete China 2020 bei Halbleitern ein Handelsdefizit von 233,4 Milliarden US-Dollar. Bei Rohöl waren es „nur“ 185,6 Milliarden US-Dollar. 60 Prozent der importierten Halbleiter waren 2020 übrigens Komponenten für Chinas Exportprodukte wie Tablets und andere Elektronikwaren.

Nachdem Washington Chinas Chip-Branchenprimus SMIC aus Shenzhen 2020 auf die „Entity List“ gesetzt hatte, hatte das Unternehmen wegen fehlenden Nachschubs Mühe, moderne 7-Nanometer-Chips herzustellen. „SMIC fehlen die teuren Werkzeugmaschinen, um sie herzustellen“, schrieb Forscherin Weinstein. US-Exportkontrollen legten demnach auch die Chip-Tochter HiSilicon von Huawei lahm. Auch deshalb will China 70 Prozent der für seine Tech-Industrie und den Autosektor benötigten Chips ab 2025 selbst produzieren. Doch auch dann wird es weiterhin viele der unzähligen Vorprodukte aus dem Ausland beziehen müssen.

Trotz aller Maßnahmen zur Stärkung von Chinas Position als Wissenschafts- und Technologiezentrum tue sich die Kommunistische Partei schwer, inländische Lieferketten für wichtige Rohstoffe wie Halbleiter und Gasturbinen aufzubauen, schreibt Weinstein. China werde wahrscheinlich bis weit in die 2020er Jahre auf ausländische Ausrüstung angewiesen bleiben. Darüber hinaus führe Chinas Weg zu ausländischer Technologie vor allem über US-Verbündete wie Australien, Japan, Südkorea und Großbritannien.

Rohstoffe und die Geopolitik: Beispiel Eisenerz

Auch Rohstoffe muss China von geopolitischen Rivalen beziehen – so etwa das Erdgas für den Winter. Seit 2018 importiert China auch mehr Erdgas als jedes andere Land der Welt. Dieses bekommt es zum Teil über Pipelines wie die Power of Siberia aus Russland. Doch zugleich benötigt China viel Flüssiggas, das per Schiff an spezielle Terminals angeliefert wird. Dieses bezieht die Volksrepublik vor allem aus Australien, gefolgt von den USA und seit kurzem auch aus Katar. 

Auch 60 Prozent seiner Eisenerz-Importe bezieht China aus Australien. Pekings Beziehungen mit Canberra sind aber auf dem Tiefpunkt. China piesackt Australien mit Strafzöllen oder Einfuhrverboten etwa für Rindfleisch, Hummer, Gerste und Wein, seit Canberra eine unabhängige Untersuchung der Ursprünge von Covid-19* gefordert hat. Australien hat sich seither mehreren Sicherheitsbündnissen angeschlossen, die implizit gegen China gerichtet sind. Gerade erst besiegelte es eine Partnerschaft mit Japan.

An die Eisenerz-Importe aus Down Under wagte sich Peking bislang nicht heran. Doch missfällt China die Abhängigkeit von australischem Erz. Die Volksrepublik sucht deshalb nach Alternativen. Eine fand es 2020 in der Hügelkette Simandou im westafrikanischen Guinea. Dort soll die weltweit größte Reserve an unerschlossenem hochwertigen Eisenerz liegen. Neben der Erschließung der Mine müssen 650 Kilometer Eisenbahnstrecke und ein moderner Erzhafen gebaut werden. Das kostet viel Zeit und viel Geld. Dennoch sicherte sich China 2020 als Teil eines Konsortiums mit Firmen aus Frankreich und Singapur zwei von vier Abschnitten der geplanten Mine.

Doch Guinea ist politisch instabil. Erst im September 2021 stürzte ein Militärputsch den Präsidenten Alpha Conde. Seither regiert der Putschistenführer, Oberst Mamady Doumbouya. Peking kritisierte den Putsch – entgegen seines gewöhnlichen Mantra von der „Nichteinmischung“. Denn niemand weiß, ob die Armee nun den Minen-Vertrag anerkennt. Doch China ist schon jetzt abhängig von Guinea: Das Land liefert den Chinesen 55 Prozent seines Bauxit-Bedarfs für die Aluminiumindustrie. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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