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China drosselt Magnesium-Produktion: Gefahr für Lieferketten in aller Welt - vor allem Autobauer betroffen

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Von: Christiane Kühl

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Arbeiter in der Werkstatt der Fugu Taida Coal Chemical Co., Ltd in Fugu, Provinz Shaanxi, China
Arbeiter in Chinas Magnesium-Hauptstadt Fugu: Produktion langsam wieder hochfahren © Liu Hewei/Imago/Xinhua

China hat in seiner Stromkrise die energieintensive Produktion von Magnesium gedrosselt. Nun droht weltweite Knappheit bei dem wichtigen Rohstoff für die Aluminiumindustrie - vor allem in Europa.

Peking/München — Chinas Stromkrise zieht immer weitere Kreise. Nun geht der Welt im Gefolge dieser Krise plötzlich das Nichteisenmetall Magnesium verloren. Der Grund: Zwei chinesische Provinzen haben die Produktion bis Jahresende gestoppt oder reduziert. Sie müssen Pekings Energiesparziele für dieses Jahr erreichen, und waren weit davon entfernt. Die Gewinnung von Magnesium ist sehr energieintensiv; mit einem Aus lässt sich deshalb viel Strom sparen. Das Problem ist, dass die beiden Provinzen Shaanxi und Shanxi den allergrößten Teil des chinesischen Magnesiums produzieren. Und China* hat mit einem Anteil von 87 Prozent an der globalen Magnesiumproduktion heute ein nahezu vollständiges Monopol. 

Magnesium ist ein wesentlicher Rohstoff der Aluminium-Industrie. Es erhöht als so genanntes Legierungsmittel die Festigkeit des Aluminiums. Etwa 45 Prozent aller chinesischen Ausfuhren sind für Europa bestimmt. China stillt 95 Prozent des europäischen Magnesium-Bedarfs. Die EU* ist also besonders schwer getroffen. Die USA haben immerhin noch einen eigenen Produzenten, US Magnesium. Die Knappheit des Stoffs belastet nun die Lieferketten vieler Branchen, darunter die bereits schwer unter dem weltweiten Chipmangel leidende Autoindustrie.

Chinas Magnesium-Stopp beschäftigt die EU

Doch es kommt erste Bewegung in die Lage. Die EU-Kommission verhandelt seit Freitag mit China über Lösungen. Laut dem US-Nachrichtenportal Politico gaben EU-Beamte an, mit ihren chinesischen Amtskollegen Kontakt aufgenommen zu haben, bislang nur wenige Garantien aus Peking zu bekommen. Demnach haben auch Bundeskanzlerin Angela Merkel* und der tschechische Ministerpräsident Andrej Babiš — als Regierungschefs von Autostaaten — das Thema auf dem EU-Gipfel vergangene Woche angesprochen. Babiš habe dabei gesagt, die Autoindustrie stehe vor einer “Katastrophe”.

Derzeit steigt die Magnesium-Produktion in China nach einem Bericht des lokalen Wirtschaftsmagazins Caixin zwar wieder leicht an. Trotzdem wird es dauern, bis sich die Lieferketten für den Stoff wieder entspannt haben.

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Die Magnesiumproduktion in China ist so stark konzentriert, dass eine einzige Region die Krise auslösen konnte. Ein Großteil des Metalls stammt aus einer einzigen Stadt namens Fugu im Kreis Yulin der Provinz Shaanxi. Ende September ordnete die lokale Regierung von Yulin die Schließung von 35 ihrer 50 Magnesiumhütten bis Ende des Jahres an. Den Rest forderte sie auf, die Produktion um 50 Prozent zu drosseln. Auch in kleineren Produktionsstandorten der benachbarten Provinz Shanxi gibt es ähnliche Vorgaben.

China: Magnesiumproduktion benötigt in der Stromkrise zuviel Elektrizität

Dazu muss man wissen, dass zur Herstellung vieler Nichteisenmetalle vor allem Strom benötigt wird — und weniger Brennstoffe. Die Produktion einer Tonne Magnesium verbraucht 35-40 Megawattstunden (MWh) Elektrizität. Für eine Tonne Primäraluminium sind es zwischen 15 und 20 MWh pro Tonne. Andere Metalle wie Kupfer, Zink oder Blei brauchen weit weniger Strom. 

Neben Magnesium-Produktionen wurden daher auch Aluminiumschmelzen zur Drosselung ihrer Produktion aufgefordert, etwa in den Provinzen Yunnan, Guangxi und Xinjiang*. Mehr als zwei Millionen Tonnen aktiver Alu-Kapazität waren seit September betroffen, schreibt die Analystin Yao Wenyu von der Bank ING. Yao sieht dies in direkter Verbindung mit den Klimazielen der Regierung — zumal bei Aluminium laut ihrer Studie der Ausstoß von Treibhausgasen pro Tonne wesentlich höher ist als bei allen anderen Metallen.

Bei Magnesium kommt erschwerend hinzu, dass es nicht lange gelagert werden kann: Es beginnt nach drei Monaten zu oxidieren. Die jetzigen Magnesiumvorräte in Deutschland und Europa seien spätestens Ende November 2021 erschöpft, erwartet die Wirtschaftsvereinigung (WV) Metalle. „Die Lage ist schwer einzuschätzen”, sagt VW Metalle-Hauptgeschäftsführerin Franziska Erdle zu Merkur.de*. „Denn die Unternehmen wissen nicht, ob die noch zugesicherten Lieferungen, die auf dem Schiffsweg nach Europa sein sollen, auch tatsächlich ankommen.”

Autobranche besonders hart getroffen

Die Lieferengpässe gefährden die gesamte globale Aluminium-Wertschöpfungskette – Branchen wie Auto, Bau, Verpackung oder Maschinenbau. Abseits vom Aluminium findet Magnesium zudem auch in der Eisen- und Stahlerzeugung sowie im Druckguss Verwendung. 

Besonders betroffen ist die Autoindustrie. 35 Prozent der Nachfrage nach Magnesium sei für Autobleche, zitiert die britische Financial Times einen Analysten der Barclays Bank, Amos Fletcher. Bei Alu-Blechen gebe es für das Material keinen Ersatz: “Wenn die Magnesiumversorgung versiegt, wird möglicherweise die gesamte Automobilindustrie zu einem Halt gezwungen.” Alu-Legierungen mit Magnesium kommen neben den Blechen auch in Getrieben, Lenksäulen, Sitzrahmen und Tankdeckeln zum Einsatz.

Die vielen Rohstoffengpässe und die Chipkrise machen sich bereits bemerkbar. „Der Automarkt zeigte sich im Oktober mit 178.700 Pkw-Neuzulassungen und damit 34,9 Prozent weniger als im Vorjahresmonat mehr als düster”, teilte der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeugsgewerbe (ZDK) diese Woche mit. Neuwagen-Käufer müssen in Deutschland wegen der vielen Rohstoffengpässe zudem immer länger auf ihre Autos warten. Bei einem Großteil der Fahrzeuge liege die Wartezeit inzwischen bei drei bis sechs Monaten, zitierte die Nachrichtenagentur dpa Marcus Weller vom ZDK. In der Folge steigen die Preise, auch für Gebrauchtwagen.

Magnesiumkrise: Verbände fordern Verhandlungen mit China

Die WV Metalle und andere Verbände — darunter auch der europäische Autoherstellerverband ACEA — forderten die Bundesregierung daher in einem offenen Brief auf, „dringend diplomatische Gespräche mit China einzuleiten.” Magnesium steht seit 2017 auf der Liste der kritischen Rohstoffe der EU. Politisch-strategische Überlegungen und Maßnahmen zur Sicherstellung des Lieferflusses blieben laut WV Metalle bislang jedoch aus. 

Dass Brüssel inzwischen mit Peking spricht, dürften die Verbände zumindest vorsichtig begrüßen. Der Verband European Aluminium, dem viele Großkonzerne wie Norsk Hydro oder Alcoa angehören, hatte gefordert, Magnesium sollte von der EU-Kommission in denselben Foren diskutiert werden wie die Halbleiterkrise. Die aktuelle Krise sei „ein klares Beispiel für das Risiko, das die EU eingeht, indem sie ihre Binnenwirtschaft von chinesischen Importen abhängig macht”, so der Verband in einem Positionspapier

2001 hatte Europa die letzte heimische Magnesiumproduktion aus Kostengründen aufgegeben, da sie mit billigen Importen aus China nicht mithalten konnten. Diese Einfuhren bezeichnen WV Metalle und European Aluminium heute als „Dumping”. “Magnesium ist kein seltener Rohstoff. Er kommt weltweit vor”, sagt Erdle. „Die Herstellung in Europa ist jedoch auf wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen angewiesen.” Diese seien in Europa nicht gegeben. Einer Wiederansiedlung der energieintensiven Produktion in der EU stehen nach Ansicht des Verbands die „aktuell drastisch gestiegenen Industriestrompreise und die unabsehbare Entwicklung der Energiekosten” entgegen.

Nun sind auch die Preise für Magnesium aus China zumindest vorübergehend gewaltig stiegen: Die dortigen Fabrikpreise hatten sich im Laufe des Jahres nach einigen Berichten mehr als verdoppelt und gipfelten laut Caixin Ende September bei umgerechnet gut 9.400 Euro pro Tonne. Seither haben die Preise demnach zwar wieder deutlich nachgegeben. Doch die Lage bleibt unsicher.

Auswege aus der Magnesium-Krise

Belastbare Informationen über weitere Bezugsquellen für Magnesium außerhalb Chinas liegen WV Metalle nach eigenen Angaben nicht vor. Kurzfristig müssen sich also alle mit der Lage arrangieren. Der Verband fordert aber langfristig „eine industriepolitische Strategie Deutschlands für den gesicherten Zugang zu Industriemetallen.” Gemeinsam mit der EU müssten „mittel- und langfristige wirksame Maßnahmen zur Aufrechterhaltung funktionierender und zukunftsfähiger Wertschöpfungsketten ergriffen werden.” European Aluminium forderte etwas direkter formuliert Maßnahmen zur Verteidigung gegen unfair subventionierte Importe aus China.

Der Metallverband Eurometaux fordert derweil, prüfen zu lassen, ob sich die heimische Magnesiumproduktion längerfristig nicht doch wiederbeleben ließe. Auch ein stärkerer Fokus auf Recycling-Aluminium erscheint als Ausweg. In den USA durchflöhen Hersteller laut der Financial Times verstärkt Aluschrott nach Magnesium, das extrahiert werden kann. In Deutschland wird bereits mehr recyceltes Aluminium hergestellt als Primäraluminium. Doch für den Moment können alle nur hoffen, dass Shaanxi und Shanxi die Magnesiumproduktion wieder hochfahren lassen. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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