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China: Stromkrise bedroht internationale Lieferketten - Auswirkung auf das Weihnachtsgeschäft befürchtet

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Von: China.Table

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Ein Bagger verlädt Kohle in einen LKW in einem Kohletagebau bei Ordos in der Inneren Mongolei, China
Kohlemine bei Ordos in der Inneren Mongolei: Wegen der Stromkrise lässt China wieder mehr Kohle abbauen. © Imago/VCG

Chinas Stromkrise stört inzwischen auch internationale Lieferketten. Noch greifen einige Unternehmen auf gelagerte Waren zurück. Doch die Engpässe verschärfen sich jeden Tag weiter.

Peking/Berlin – In China* rationiert mehr als die Hälfte aller Provinzen derzeit den Zugang zu Strom. Die Energie-Engpässe betreffen Millionen Menschen, die mitunter stundenlang im Dunkeln sitzen und ihre Handys nicht laden können. In einigen Städten steckten Menschen in Aufzügen fest, Ampeln fielen aus. Auch die Wirtschaft ächzt unter der Stromkrise.

Allein in der Industrie-Provinz Guangdong* waren im September fast 150.000 Unternehmen von der Energiekrise betroffen. Unternehmen klagen, sie würden viel zu kurzfristig von den Abschaltungen erfahren. Teilweise erhalten sie erst abends per App die Nachricht, dass am nächsten Vormittag der Strom abgeschaltet wird. Durch die Energiekrise steht die Produktion regelmäßig still. Immer mehr Unternehmen befürchten Auswirkungen auf ihre Lieferketten*. Und die Preise für das verarbeitende Gewerbe könnten in Zukunft noch stärker ansteigen.

Chinas Stromkrise: Lieferketten zunehmend betroffen - möglicherweise bald auch international

So berichtet Ioana Kraft von der EU-Handelskammer in Shanghai China.Table, dass die „Just-In-Time“-Lieferketten einiger Unternehmen durch die Energiekrise unterbrochen wurden. Auch bei der Belieferung eigener Kunden gebe es Probleme. Aufgrund der Stromabschaltungen konnte eine französische Firma für Industriegase nicht ausreichend produzieren. Das Unternehmen musste Lieferungen an die Chip-Industrie einschränken, sagt Kraft. Einige Unternehmen behelfen sich zwar mit Diesel-Generatoren, aber in bestimmten Bereichen sei das kaum ausreichend.

Hinzu kommt: Die Behörden machen keinen Unterschied zwischen einzelnen Unternehmen. Energieeffiziente Unternehmen seien von den Stromabschaltungen ebenso betroffen wie Firmen, die weniger auf Nachhaltigkeit achten. Manche Unternehmen könnten noch auf gelagerte Waren zurückgreifen. Für vier bis acht Wochen sei das ein gangbarer Weg, so Kraft. Dauert die Energiekrise jedoch weiter an, wovon viele Expertinnen und Experten ausgehen, könnte es danach knapp werden. Dann könnten sich die Stromengpässe auch zunehmend auf internationale Lieferketten auswirken, erklärt Kraft.

Auch Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel befürchtet, dass es „in der nächsten Zeit weiter zu Produktionseinschränkungen kommen“ wird. Das könnte auch Auswirkungen auf das Weihnachtsgeschäft haben. Denn die Produktion würde in den kommenden Wochen normalerweise hochgefahren werden. Es sei wahrscheinlich, dass „die hohe Nachfrage aus dem Ausland nicht vollständig bedient werden kann“. Die Lieferengpässe für das verarbeitende Gewerbe in Europa könnten sich verschärfen.

China: Energiekrise führt zu steigenden Produzentenpreise

Die Energiekrise wirkt sich auch bereits auf die Produzentenpreise aus. Schon im September nahmen die Preise für Energierohstoffe und Industrieerzeugnisse um mehr als zehn Prozent zu. Da Industrien mit hohem Energieverbrauch gezwungen sind, ihre Produktion immer wieder einzuschränken, drohen die Rohstoffpreise noch weiter zu steigen. Stefan Gätzner, Chefrepräsentant des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) in Peking, befürchtet „Preiserhöhungen oder sogar Lieferengpässe von Rohstoffen.“

Hinzu kommt die Liberalisierung des Strompreises in China. Kürzlich haben die Behörden beschlossen, dass die Preise für Kohlestrom um bis zu 20 Prozent über das staatlich festgelegte Grundniveau steigen dürfen. Vor der Reform durfte der Strompreis nur um zehn Prozent zunehmen. Kohlekraftwerke hatten ihre Produktion gedrosselt, weil sie aufgrund hoher Kohlepreise nicht wirtschaftlich arbeiten konnten. Die Preisreform soll dem entgegenwirken. Dies könnte sich zukünftig ebenfalls auf die Produzentenpreise auswirken. Und in naher Zukunft könnte das auch dazu führen, dass Produzenten steigende Preise an die Konsumenten weitergeben, falls die Kosten der Energiekrise sich aufsummieren.

China: Behörden erwägen staatliche Eingriffe beim Preis des Rohstoffs Kohle

Doch nicht nur die Strompreise steigen. Der Preis für Kohle ist in den letzten Wochen durch die Decke geschossen. Der Terminpreis für den Brennstoff an der Rohstoffbörse von Zhengzhou stieg am Dienstag zwischenzeitlich auf fast 2.000 Yuan (270 Euro) und erreichte einen neuen Höchststand. Nach Börsenschluss brach der Preis jedoch wieder um acht Prozent ein, nachdem die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC) Maßnahmen angekündigt hatte, um den Preis zu senken.

Laut NDRC erlaubt Chinas Gesetzgebung der Regierung staatliche Eingriffe in den Kohlepreis. „Der derzeitige Preisanstieg hat sich völlig von den Grundlagen von Angebot und Nachfrage entfernt“, so die NDRC. „Die Heizsaison rückt näher und der Preis zeigt immer noch einen weiteren irrationalen Aufwärtstrend.“ Seit Ende September stiegen die Preise um ein Drittel. Am Jahresanfang lagen sie noch unter 800 Yuan. Durch die hohen Kohlepreise könnte auch die Liberalisierung des Strompreises unwirksam werden.

Lauri Myllyvirta, Energieexperte vom Centre for Research on Energy and Clean Air sagt: Bei einem Kohlepreis von „1.500 Yuan pro Tonne liegen die Brennstoffkosten pro Kilowattstunde bei 0,6 bis 0,7 Yuan, während das Grundniveau des Preises bei 0,4 Yuan pro Einheit liegt“. Die von der Regierung überarbeitete, breitere Preisspanne ist Myllyvirta zufolge nur ein „bescheidenes Bonbon“ für die Kraftwerksbetreiber. Offen bleibt, ob es bald zu weiteren Anstiegen der Strompreise kommt.

China: Mehr Kohlestrom trotz Klimazusagen - Abbau der Kohle steigt wieder an

Nach Berichten der Nachrichenagentur Reuters steigt die Kohleproduktion in China langsam an. Im September wurden durchschnittlich 11,14 Millionen Tonnen am Tag gefördert. Am 18. Oktober sollen es nach Behördenangaben 11,6 Millionen Tonnen gewesen sein. Die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission NDRC kündigte an, die Kohleproduktion weiter zu steigern*. Dafür sollen 153 stillgelegte Kohleminen reaktiviert werden. Ziel sei es, mindestens zwölf Millionen Tonnen Kohle pro Tag zu fördern, so die NDRC.

Chinas Stromkrise: Provinzen reagieren unterschiedlich - kalter Winter droht

Die Provinzen reagieren sehr unterschiedlich auf die Energiekrise. In Jiangsu* soll es bald häufiger wieder Strom geben. Auch im Nordosten um die Stadt Shenyang versichern die lokalen Behörden, dass sich die Situation im November entspannen werde. In Guangdong hingegen kündigte die Verwaltung an, dass die Rationierungen weitergehen könnten. Klaus Zenkel von der EU-Handelskammer sagt China.Table, dass die Provinzregierung in Guangdong zusätzliche Kapazitäten für die Stromerzeugung mittels Dieselgeneratoren bereitstellt. Die ansässigen Firmen hätten jedoch weiterhin Bedenken, ob Kunden abspringen. Unklar ist auch, wie sich Lieferverzögerungen auswirken.

Weiter verschärft werden könnte die Situation durch das Wetter. Laut Forschern der Wetter- und Ozeanografie­behörde der Vereinigten Staaten könnte es in den nächsten Monaten zu einem La-Niña-Ereignis kommen. Durch dieses Wetterphänomen sinken die Winter-Temperaturen auf der Nordhalbkugel. Schon in den vergangenen zehn Tagen lagen die Temperaturen in viele Regionen Zentral- und Ostchinas unter den für diese Jahreszeit üblichen Temperaturen. Chinesische Banken gehen dementsprechend von weiter steigenden Preisen für Kohle und Gas aus. Viele Analysten sind sich daher einig: Die Energiekrise wird bis in den Winter dauern. Und klar ist: Je länger die Krise anhält, desto größer könnten die Folgen für internationale Lieferketten und die vernetzte Weltwirtschaft werden.

Von Nico Beckert

Nico Beckert ist seit Januar 2021 Redakteur für die Table.Media Professional Briefings. Seine Themenschwerpunkte sind die deutsch-chinesischen Beziehungen, Wirtschaft und Finanzen, die Neue Seidenstraße sowie chinesische Klimapolitik. Zuvor schrieb Beckert als freier Autor für den Tagesspiegel und den Freitag.

Dieser Artikel erschien am 20. Oktober 2021 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht er nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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