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Angst vor China in der Chipkrise: Der Westen unterstützt Taiwan – und seinen Halbleiter-Weltmarktführer TSMC

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Von: Christiane Kühl

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TSMC-Chef Mark Liu gestikuliert im Interview mit dem US-Sender CBS
TSMC-Chef Mark Liu: Der Weltmarktführer aus Taiwan erwägt eine Chip-Produktion in Deutschland © CBS/60 Minutes / Imago / Zuma Wire

Der Chipmangel dauert an. Der Weltmarktführer für Halbleiter-Auftragsfertigung ist das Unternehmen TSMC aus Taiwan. Damit bekommt die Sicherheit der Insel plötzlich eine ganz neue Bedeutung.

Hsinchu/Brüssel/München — Die Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. erwägt den Bau einer Halbleiter-Fabrik in Deutschland. Das Unternehmen sei dazu in einem frühen Stadium von Gesprächen mit der Bundesregierung, berichtete kürzlich die Nachrichtenagentur Bloomberg. Verschiedene Faktoren wie staatliche Subventionen, Kundennachfrage und der Talentpool werden die endgültige Entscheidung beeinflussen, sagte Lora Ho, Senior Vice President of Europe and Asia Sales, am Rande eines Technologieforums in Taipeh. 

Bis vor kurzem kannte kaum jemand den Chip-Weltmarktführer aus Taiwan*, kurz TSMC. Seine Produkte sind namenlos versteckt in Produkten von Markenherstellern: Autos, Smartphones, Spielkonsolen, Haushaltselektronik. Doch heute steht TSMC stellvertretend für ein wirtschaftliches und zunehmend auch geopolitisches Problem des Westens: Die Abhängigkeit von Vorprodukten aus anderen Ländern. Das ist so lange kein Problem, wie die Lieferketten gut geölt funktionieren. Doch genau das tun sie gerade nicht: Halbleiter und Chips zum Beispiel sind knapp in der ganzen Welt. Seit Ende 2020 können Autos nicht wie geplant gebaut werden, die Spielkonsole PS5 nicht wie versprochen auf den Gabentisch, und auch andere Techprodukte sind betroffen. 

TSMC, die Chipkrise und die Geopolitik

Was hat all das mit TSMC und der Geopolitik zu tun? Das Unternehmen aus dem nordwesttaiwanischen Hsinchu ist der weltgrößte Auftragsfertiger für Halbleiter. Laut Bloomberg hält es rund 53 Prozent am Weltmarkt für Auftragschips. Zu den TSMC-Kunden zählen Apple, Qualcomm, Intel, Sony, Nvidia oder AMD. US-Handelsministerin Gina Raimondo klagte vor einigen Tagen: „Wir stellen derzeit in Amerika keinen einzigen der fortschrittlichsten Halbleiterchips der Welt her. Wir kaufen 65 Prozent dieser Chips aus Taiwan.“ Taiwan heißt: TSMC. 

Noch nie war ein Unternehmen aus Taiwan so offensichtlich wichtig für die Weltwirtschaft. Und daher steht auch das politische Schicksal der Insel im Fokus Europas und der USA wie noch nie. Die Kommunistische Partei Chinas* beansprucht Taiwan seit dem Ende des Bürgerkrieges 1949 als Teil der Volksrepublik. Jeder Staat, der mit China zusammenarbeiten will, muss Pekings “Ein-China-Prinzip”* anerkennen. Die Beziehungen des Westens zu dem seit Mitte der 1990er Jahre demokratisch regierten Taiwan sind daher informell, die Insel aus den meisten internationalen Organisationen ausgeschlossen. China rasselt seit der Demokratisierung Taiwans zunehmend mit den Säbeln. An seiner Ostküste stehen auf die Insel gerichtete Raketen. In den letzten Monaten drangen immer wieder chinesische Kampfjets in die so genannte Identifikationszone zur Luftverteidigung (ADIZ) ein, die weit größer ist als Taiwans Luftraum und sich bis an die Küste Chinas erstreckt. Taiwans Präsidentin Tsai Ing-wen will daher die Verteidigungsbereitschaft verstärken*.

Chipkrise: Wachsende Unterstützung Taiwans im Westen

Die Taiwanstraße gilt seit vielen Jahren als einer der gefährlichsten Hotspots der Welt. Immer wieder unken Militärexperten von einer baldigen Invasion durch China. Am Status Taiwans in der Welt hat das bislang nichts geändert. Doch nun spürt Taipeh Aufwind. Und den verdankt es — neben dem Ärger im Westen über Chinas aggressives Gebaren im Indopazifik* — nicht zuletzt TSMC. Der EU und den USA ist klar: Im Falle von Instabilität oder gar Krieg in der Region könnte diese entscheidende Quelle für die Chips versiegen. Washington und Brüssel beginnen, Taipeh den Rücken zu stärken, und erwägen bisher ungekannte Formate der Zusammenarbeit. 

US-Präsident Joe Biden* bekräftigte zuletzt immer wieder die Unterstützung der Insel — notfalls auch mit militärischen Mitteln. Die USA stellten zudem im November eine “bedeutsame” Beteiligung Taiwans an der Arbeit der Vereinten Nationen* in Aussicht. In Europa sind das EU-Parlament sowie das kleine Litauen die größten Förderer der nur von wenigen Kleinstaaten diplomatisch anerkannten Insel. Das EU-Parlament empfahl der EU-Kommission kürzlich, als ersten Schritt eine so genannte Folgenabschätzung für ein Investitionsabkommen der EU mit Taiwan vorzubereiten. Ein ähnliches Abkommen mit China namens CAI* liegt wegen eines Sanktionsstreits um die Menschenrechtslage in Xinjiang seit Monaten auf Eis. Im Herbst reiste Taiwans Außenminister Joseph Wu tagelang durch Europa und traf dabei Vertreter mehrere Mitgliedsstaaten und auch EU-Parlamentarier. Auch EU-Kommissionsvize Margrethe Vestager sprach sich für eine Vertiefung der Beziehungen zu Taiwan aus — allerdings im Rahmen der “Ein-China-Politik”. 

Umgekehrt wirbt auch Taiwan für weitere Unterstützung. Im Oktober warnte die Regierung, dass Frieden in der Taiwanstraße entscheidend dafür sei, eine kontinuierliche Versorgung der Welt mit Chips sicherzustellen. Taiwans Wirtschaftsministerin Wang Mei-hua wurde damals deutlich: Taiwan habe mehr als drei Jahrzehnte lang im Zuge der Globalisierung dazu beigetragen, ein Ökosystem für die Chipherstellung zu fördern. „Die Weltgemeinschaft sollte Taiwans Sicherheit ernster nehmen“, mahnte die Ministerin. Nur dann könne Taiwan „weiterhin allen einen stabilen Service bieten und allen ein sehr guter Partner sein”.

Europa will wieder zu alter Chip-Größe aufsteigen

Europa braucht Taiwan nicht zuletzt deshalb, weil es sich selbst in die Chip-Falle manövriert hat. Nach Angaben des Technologie-Fachmagazins Verdict war Europa noch in den 1990er Jahren mit 44 Prozent Weltmarktanteil eine echte Größe in der Chip-Produktion. 2020 lag der Anteil bei traurigen neun Prozent: Asien fertigte die Halbleiter einfach billiger. Und Industriepolitik zur Förderung einzelner Sektoren war jahrzehntelang nicht gerade en Vogue. Und die Halbleiterknappheit wird nach einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Roland Berger voraussichtlich noch über das Jahr 2022 hinausgehen, vor allem für die Autobranche.

Im März kündigte die EU-Kommission* deshalb eine Chip-Offensive an: Bis 2030 will man wieder 20 Prozent der weltweiten Chips produzieren. Laut Bloomberg will die EU schnellere Chips herstellen als die kleinsten, effizientesten 5-Nanometer-Halbleiter von TSMC und dem südkoreanischen Samsung Electronics. Die Strategie ist in Arbeit und soll im ersten Halbjahr 2022 vorgestellt werden. Ein erster Erfolg: Im September eröffnete Infineon im österreichischen Villach seine 1,6-Milliarden-Euro-Chipfabrik. Das Werk produziert Chips auf 300-mm-Wafern, die dünner sind als ein menschliches Haar. Andere europäische Hoffnungen sind Bosch und STMicroelectronics. Oder eben TSMC.

Auch die USA wollen die heimische Chip-Industrie stärken. Ein entsprechendes Gesetz namens „Chips Act“ wird derzeit im US-Kongress verhandelt. Ministerin Raimondo stellte auch ausländischen Firmen wie TSMC Fördergelder aus den im „Chips Act“ vorgesehenen 54 Milliarden US-Dollar Soforthilfe in Aussicht, sofern sie Fabriken in den USA aufbauen: „Und das hat TSMC ja vor.“ Bisher produziert das Unternehmen hauptsächlich in Taiwan selbst. Doch derzeit errichtet TSMC eine 12-Milliarden-Dollar-Anlage im US-Bundesstaat Arizona. In Kürze beginnt es zudem mit dem Bau einer Fabrik in Japan. 

Chipkrise: TSMC erwägt Fertigung in Deutschland und Osteuropa

Nun soll also Europa folgen. Noch im März hatte TSMC-Chef Mark Liu Europas Chip-Pläne als „unrealistisch” abgetan. Doch im Juli teilte Liu seinen Aktionären mit, dass TSMC mit der Bewertung eines möglichen Produktionsaufbaus in Deutschland begonnen habe. Das Ergebnis der Gespräche mit Berlin steht noch aus. Taiwan erwägt parallel, mit drei osteuropäischen Ländern – der Slowakei, Tschechien und Litauen — zu kooperieren. „Viele Länder können dabei unterschiedliche Rollen spielen“, sagte kürzlich Kung Ming-hsin, Taiwans Chef des Nationalen Entwicklungsrates, vor Journalisten. Taiwan werde mit den drei Staaten Arbeitsgruppen bilden, die eine Halbleiter-Zusammenarbeit ausloten sollen.

Die potenzielle Chip-Investition in die drei osteuropäischen Länder ist möglicherweise eine Art Taiwans für Covid-19-Impfstoffspenden und politische Unterstützung trotz starken Drucks aus China. Letzteres betrifft vor allem Litauen. Seit das Land im August die Eröffnung eines „Taiwan-Büros” in Vilnius erlaubte*, zahlt es einen hohen Preis. Denn Peking reagierte heftig: Die litauische Botschafterin wurde des Landes verwiesen, Lebensmittelimporte und Eisenbahntransporte gestoppt. Kürzlich verschwand Litauen vorerst aus dem elektronischen Zollsystem Chinas. Auch berichtete Reuters, dass nach China exportierende Unternehmen verschiedener Länder von Peking gewarnt wurden, alle Vorprodukte aus Litauen aus ihrer Ware zu entfernen. Sonst dürften sie diese nicht weiter nach China exportieren.

Vilnius holte aus Sicherheitsgründen gerade alle Mitarbeitenden der Botschaft in Peking nach Hause zurück. Peking hatte die Beziehungen auf Geschäftsträgerebene herabgestuft und wollte den Diplomaten nun ihren Status entziehen. Litauen fürchtete daher um die Immunität und Sicherheit dieser Mitarbeitenden.

Europa und die USA: Taiwan nutzt Unruhe über Chip-Lieferketten

Der Fall Litauen* zeigt, dass China seine Drohungen durchaus ernst meint — zumindest im Umgang mit kleinen, vermeintlich schwächeren Ländern. Peking setzt immer wieder wirtschaftlichen Druck und Zwangsmaßnahmen gegen Staaten ein, die sich aus seiner Sicht nicht richtig benehmen. Zwar sind die gesamte EU oder die USA ungleich wichtiger für China als Litauen. Dennoch möchten weder Brüssel noch Washington gezwungen sein, die Mehrzahl ihrer Chips aus der Volksrepublik zu beziehen, mitsamt allen möglichen Konsequenzen.

Auch China ist übrigens dabei, eine moderne Chip-Industrie aufzubauen. Denn auch dort fehlen die Halbleiter. Und auch dort investiert TSMC. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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