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„Beginn des Endes der Kohle“: Energie-Expertin Kemfert sieht nach Glasgow die Ampel unter Druck

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Von: Thomas Schmidtutz

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Claudia Kemfert
Claudia Kemfert: Die Energie-Experten sieht die künftige Bundesregierung angesichts der Beschlüsse von Glasgow in der Pflicht, die Anstrengungen zum Klimaschutz weiter zu erhöhen. © Kay Nietfeld/dpa

Die Umwelt-Expertin Claudia Kemfert hält die Ergebnisse von Glasgow für unzureichend. Die Erderwärmung werde man so nicht auf 1,5 Grad begrenzen, sagte sie Merkur.de.

München - Die Umwelt-Expertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Prof. Claudia Kemfert hat die Beschlüsse der UN-Klimakonferenz von Glasgow als unzureichend kritisiert. Angesichts der Ergebnisse steuere man jetzt „eher auf eine 2,4-Grad-Welt zu“, erklärte Kemfert am Sonntag gegenüber Merkur.de. Zugleich sieht sie künftige Bundesregierung in der Pflicht, die Anstrengungen zum Klimaschutz weiter zu verstärken.

Frau Professor Kemfert, zur Eröffnung der Welt-Klimakonferenz vor gut zwei Wochen hat der britische Premierminister Boris Johnson erklärt, im Kampf gegen den Klimawandel liege die Welt 1:5 zurück. Jetzt haben wir das Ergebnis. Umweltministerin Svenja Schulze lobt es als „historisch“. Stimmt das oder hat Glasgow eher heiße Luft gebracht?

Weder noch. Der Klimapakt von Glasgow ist nicht der große Wurf, aber dennoch geht es in Punkto Klimaschutz voran. Um im Bild von Boris Johnson zu bleiben: Wir liegen noch immer zurück. Zwar haben wir zwei gute und sehenswerte Tore gemacht, die Gegenseite hat auch eins gemacht, und zwar in der 90. Minute. Es steht somit 3:6. Es hätte besser laufen müssen. Es sind dennoch einige wichtige, wenn auch unspektakuläre Vereinbarungen getroffen worden, wie die, dass alle Länder detaillierte Emissionsdaten alle zwei Jahre melden. Zudem wurden einige Schlupflöcher für Greenwashing bei der Anrechnung internationaler Emissionsgutschriften geschlossen. Der wichtigste Meilenstein ist vor allem der Beginn des Ausstiegs aus der Kohle, trotz Abschwächungen. 

Aber die entsprechende Passage zur Kohle ist kurz vor Schluss auf Druck von China* und Indien weiter abgeschwächt worden. Statt von einem Ausstieg ist jetzt nur noch von einem schrittweisen Abbau die Rede. Öl und Gas tauchen in dem Beschluss überhaupt nicht auf. Wie enttäuscht sind Sie?

In diesem Punkt bin ich wenig enttäuscht, da es trotz Abschwächung trotzdem zu einem Kohleausstieg kommen wird. Nicht nur, weil China selbst international keine Kohlekraftwerke mehr finanzieren wird. Dies werden auch globale Finanzinstitutionen spätestens jetzt nicht mehr tun. Deutschland wird zusammen mit Südafrika ebenso den Ausstieg aus der Kohle hin zur Energiewende kooperativ begleiten, auch mit Indien gibt es Abkommen für den Umstieg zu mehr erneuerbare Energien. Der Kohle geht somit mehr und mehr das Geld aus. Es ist der Beginn des Endes der Kohle. Es wird allerdings ein weiter Weg, dies auch für Öl und fossiles Erdgas zu erreichen. Darüber müssen wir alle enttäuscht sein, da der Klimawandel weiter voranschreitet und damit auch die extremen Klimaereignisse überall auf der Welt.

Reichen die Beschlüsse, um die Erderwärmung wie vielfach gefordert, tatsächlich auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen?

Eindeutig nein, wir steuern nun eher auf eine 2,4-Grad-Welt zu. Allerdings wurden zu Beginn der Konferenz einige Ankündigungen für den Schutz der Wälder und der Senkung der Methanemissionen gemacht, die - wenn ernsthaft und rasch umgesetzt - die Erreichung des Klimaziels, unter zwei Grad zu bleiben, durchaus noch erreichbar werden lassen. Es klafft noch immer eine globale Ambitions- und Umsetzungslücke, international genauso wie in Deutschland. Alle Länder müssen nicht nur die nun vereinbarten Ziele umsetzen, sie müssen auch nachgeschärft werden. Fossile Subventionen müssen abgeschafft werden. Das Zeitfenster des Handelns wird immer kleiner.

Was bedeuten die Beschlüsse für die deutsche Klimapolitik? 

Für die kommende Regierung ist das Ergebnis von Glasgow ganz klar ein Arbeitsauftrag für mehr Klimaschutz*. Insbesondere muss der Ausstieg aus der Kohle bis 2030 erfolgen, das Ausbautempo erneuerbarer Energien mindestens verdreifacht werden und fossile Subventionen abgeschafft werden. Von Dienstwagenprivileg*, Dieselsteuererleichterung, Pendlerpauschale bis hin zu fehlender Kerosinsteuer und Mehrwertsteuer auf internationale Flüge: die Liste an umweltschädlichen Subventionen insbesondere im Verkehrssektor ist lang. Vor allem macht Glasgow deutlich, dass jegliche Investitionen in fossile Energien, auch der Neubau einer fossilen Erdgaspipeline stranded investments, also gestrandete Investitionen sind. Um das Klimaziel zu erreichen, dürfen gar keine Investitionen mehr in fossile, sondern nur noch in erneuerbare Energien fließen.

Wächst damit nicht auch der Druck auf die Grünen, in den Koalitionsverhandlungen zur Ampel sehr klare Ergebnisse in Sachen Klimaschutz zu liefern?

Eindeutig ja, aber der Druck gilt für die gesamte Bundesregierung. Die kommende Regierung darf in puncto Klimaschutz nicht scheitern.

*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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