Das Café Krönner in Weilheim macht nach 153 Jahren dicht. Und auch in der Nachbarschaft macht sich im Lockdown zunehmender Leerstand breit
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Das Café Krönner in Weilheim macht nach 153 Jahren dicht. Und auch in der Nachbarschaft macht sich im Lockdown zunehmender Leerstand breit.

Zahlreiche Läden schließen

Lockdown fegt Bayerns Städte leer: So sieht der Rettungsplan gegen den Kahlschlag aus

  • Martin Prem
    vonMartin Prem
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Der Handel macht mit einem eigenen Konzept Druck für Öffnungen. Er hat es bitter nötig: Der Kahlschlag in bayerischen Innenstädten lässt sich nur noch begrenzen, nicht mehr verhindern.

München/Weilheim – Historische Häuser, bunte gepflegte Fassaden – nicht ohne Grund ist Weilheim ein Aushängeschild für den ganzen Freistaat, wenn man zeigen will, wie Innenstädte funktionieren könnten. Doch jetzt zeigen sich im idyllischen Bild immer größere Risse. Den Corona-Lockdown* werden viele alteingesessene Firmen nicht überleben.

Das Café Krönner mitten im Weilheimer Zentrum war eine Institution seit 1868. Es hat zwei Weltkriege überstanden. Doch nun ist Schluss. Zwei Häuser weiter eine Bäckerei – geschlossen für immer. Gleich daneben das Sportgeschäft Hapfelmeier, wo ein Teilbereich aus der Altstadt weggezogen ist. Insgesamt stehen acht Weilheimer Innenstadt-Geschäftshäuser leer.

Lockdown in Bayern: Auch um Deutschlands ältestes Kaufhaus steht es kritisch

In Mitleidenschaft gezogen ist auch ein Geschäft, das bleiben will. Das Weilheimer Kaufhaus Rid hat einen besonderen Status zu verteidigen: Den des ältesten deutschen Kaufhauses. Auch das verliert mit jeder neuen Lücke in der Nachbarschaft an Attraktivität. „Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist zwölf“, sagte Geschäftsführer Florian Lipp, als er am Mittwoch für Weilheim gemeinsam mit 27 weiteren Innenstadtvereinen bei Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) für Öffnungen plädierte.

Darunter so bekannte Schmuckstücke wie Bad Tölz, Penzberg oder Garmisch-Partenkirchen – jede für sich ein Touristenmagnet. Aber es gibt auch andere, die sich ganz am Anfang sahen. Etwa die Nachkriegs-Flüchtlingssiedlung Geretsried. „Wir haben in den letzten Jahren erstmals in unserer Geschichte ein Stadtzentrum geschaffen“, sagt Ludwig Schmid, der Vorsitzende des dortigen Innenstadtvereins. „Und jetzt gibt es dort kein Leben mehr.“

„Die langfristigen Folgen sind fatal“, sagt Thomas Grasegger, der in Garmisch-Partenkirchen ein Trachtenhaus betreibt. Er spricht von 80 Prozent Umsatzverlust und verweist auf die Lieferketten, über die sich dieser Einbruch durch Bayern und angrenzende Länder frisst. Die Weberei in der Oberpfalz nennt er, die Nähereien in Tschechien und anderen osteuropäischen Ländern – alle tief im Minus. „Wir haben bald keinen europäischen Bekleidungshersteller mehr“, befürchtet er.

Lockdown-Ende gefordert: Handel schlägt „Öffnungsmatrix“ vor - Es geht auch um Auslastung

Nicht nur der Handel darbt. Nina Hugendubel, die Vorsitzende von City Partner München, darf ja ihre traditionsreiche Münchner Buchhandlung wohl wieder öffnen. Doch was hilft das alles, wenn man in der Umgebung nur Ödnis vorfindet. „Zumindest die Außengastronomie sollte öffnen können“, sagt Wolfgang Fischer, der Geschäftsführer von City Partner München. Das sei mit Hygienekonzepten auch sicherer, „als wenn am Gärtnerplatz hunderte Menschen mit Coffee-To-Go-Bechern eng beieinanderstehen“.

Am Mittwoch hat der Handel eine „Öffnungsmatrix“ vorgelegt, bei der es nicht nur auf die Inzidenz und damit die positiven Testergebnisse ankommt, sondern auch auf die Belastung des Gesundheitssystems mit tatsächlich Erkrankten.

Dabei stützen sich die Händler auf einen Stufenplan des Robert-Koch-Instituts*. Unter einer Inzidenz von 35 dürfen demnach alle Geschäfte öffnen. Aber auch bei Inzidenzen bis 50 – wenn die Belegung der regionalen Intensivbetten mit Covid-Patienten nicht über 12 Prozent liegt. oder sogar bis 100, wenn die Intensivbetten-Auslastung fünf Prozent nicht übersteigt. Darüber gibt es stufenweise stärkere Einschränkungen bis hin zur Beschränkung auf Geschäfte des täglichen Bedarfs:

Der Handel hat eine „Öffnungsmatrix“ vorgelegt, bei der es auf die Inzidenz ankommt sowie auf die Belastung des Gesundheitssystems mit tatsächlich Erkrankten.

Corona-Lockerungen in Bayern? Aiwanger bangt um „Kulturgut“ - und zeichnet Fledermaus-Szenario

Bei Aiwanger, der 2019 mit einer legendären Rede bundesweit Bekanntheit erlangte, rannten die Handelsvertreter offene Türen ein. „Der Handel war nie ein Hotspot“, sagte der Wirtschaftsminister. „Jetzt machen wir kaputt, was wir später mit Milliarden wieder aufbauen müssen.“ Es gebe mildere Mittel als die Schließung. Allerdings machte auch Aiwanger den Händlern wenig Hoffnung, dass sie die bereits erlittenen Schäden wieder hereinholen können. Zusätzliche Einkaufs-Sonntage würden seiner Einschätzung nach an den Kirchen, den Gewerkschaften und nicht zuletzt an den Gerichten scheitern. Eine Ausdehnung der Öffnungszeiten bis in den späten Abend hinein gibt er bessere Chancen.

Fraglich allerdings ist, was der kleinere bayerische Regierungspartner bei der stärkeren Lockdown-Fraktion* durchsetzen kann. Da setzt Aiwanger auf griffige Formeln: „Man muss die Innenstadt als Kulturgut sehen“, sagt er. Und auf Abschreckung: „Eingeschlagene Schaufenster, in denen Fledermäuse wohnen, wie im Ruhrgebiet, sind nicht unsere Zielvorstellung.“ *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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