Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank
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Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank

Warnung vor Lockdown

Commerzbank-Chefvolkswirt: „Wirtschaft ist keine Maschine, die man einfach ein- und ausschalten kann“ 

  • Thomas Schmidtutz
    vonThomas Schmidtutz
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Der Chef-Volkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, hat vor den Folgen eines zweiten Lockdowns gewarnt. Eine Volkswirtschaft könne man nicht beliebig ab- und wieder einschalten, sagte Krämer. 

Herr Dr. Krämer, seit dem Lockdown hat sich die deutsche Wirtschaft unerwartet rasch erholt. Nun plant die Bundesregierung neue Einschränkungen. Kann man die Wirtschaft einfach so runter- und wieder hochfahren, wie es gerade passt?
Nein, eine Volkswirtschaft ist keine Maschine, die man einfach ab- und wieder einschalten kann. Die Unternehmen sind noch vom ersten Lockdown geschwächt, einen zweiten werden viele nicht überleben. Außerdem erschüttert der Lockdown* das Grundvertrauen der Wirtschaft. Wer eröffnet ein Geschäft, wenn er damit rechnen muss, bei der nächsten Grippewelle wieder zumachen zu müssen, auch wenn er ein gutes Hygienekonzept hat?
Wie gefährlich würde ein erneuter Teil-Lockdown für die laufende Erholung denn werden? 
Bisher habe ich für das vierte Quartal gegenüber dem dritten beim Bruttoinlandsprodukt mit einem Plus von einem Prozent gerechnet. Wegen des Lockdowns bekommen wir bestenfalls eine schwarze Null. Und wenn Maßnahmen über Ende November verlängert werden, haben wir schnell eine zweite Rezession. Dann sind die bislang positiven Wachstumsprognosen für das kommende Jahr Makulatur.
Angesichts der neuen Einschränkungen droht vielen Branchen wie dem Einzelhandel, Hotels, Restaurants und Bars ein weiterer Rückschlag. Brauchen wir hier neue Hilfsprogramme für die Wirtschaft?
Die Hilfsprogramme stoßen an ihre Grenzen. Der Staat kann nicht alle retten.
Was wäre die Alternative?
Besser als Hilfsprogramme wären differenzierte Maßnahmen gegen Corona*. Warum setzen wir nicht mehr auf das massenhafte Testen gefährdeter Bevölkerungsgruppen, um diese gezielt zu schützen? Warum ist es nicht verpflichtend, positive Testergebnisse in die Corona-Warn-App einzupflegen? Wir schränken so viele Grundrechte ein, nicht aber den Datenschutz, obwohl Süd-Korea mit seiner Corona*-App riesige Erfolge erzielt hat.
Hätten wir in Deutschland mit Blick auf die Neuverschuldung grundsätzlich überhaupt noch Spielraum?
Die deutschen Staatsschulden betragen bald wieder 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist so viel wie nach der Finanzkrise vor zehn Jahren. Der Staat stößt langsam an seine Grenzen.
Angesichts des starken Anstiegs bei den Infektionszahlen wächst auch bei Investoren die Nervosität. Seit Mitte Oktober hat alleine Dax rund zwölf Prozent eingebüßt. Wie weit kann es an den Börsen jetzt noch nach unten gehen?
Aktien sind verglichen mit den eingebrochenen Unternehmensgewinnen teuer; der Lockdown in Deutschland und vielen anderen Ländern erhöht das Risiko einer Rezession. Entsprechend sinken die Aktienkurse. Noch überwiegen die Risiken.

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen Digital Redaktionsnetzwerks.

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