Corona-Geldregen

FFP2-Masken: Apotheken verdienten sich „dumm und dämlich“ - am Steuerzahler

Die kostenlose Ausgabe von FFP2-Schutzmasken war für die deutschen Apotheken ein Geldsegen. Viele können ihr Glück bis heute nicht fassen. Das ist falsch gelaufen.

Berlin/München - Die Corona-Krise dominiert seit nunmehr einem Jahr das Weltgeschehen. Dabei hat die Pandemie nicht nur gesundheitliche Auswirkungen - auch wirtschaftliche. Doch gibt es nicht nur Verlierer, die in finanzielle Nöte geraten sind. Begünstigt mitunter durch politische Entscheidungen gibt es ganze Branchen, die davon profitieren - und das schlimmstenfalls in einem ungerechtfertigten Verhältnis. Dazu gehören offenbar auch deutsche Apotheken, wie eine Recherche der öffentlich-rechtlichen Sender NDR und WDR in Zusammenarbeit mit der SZ ergibt.

Dem Bericht zufolge haben Pharmazeuten dank eines überteuerten Deals wesentlich mehr Geld von der Bundesregierung erhalten, als die Beschaffung der Corona-Schutzmasken gekostet hat. Entscheidend dafür sei eine umständlich umgesetzte Ausgabe der FFP2-Masken durch Apotheken, obwohl gleiche Produkte im Einzelhandel wesentlich günstiger gewesen wären.

Wie die Reporter schildern, habe die Bundesregierung eine Summe von 491,4 Millionen Euro an den Apothekerverband überwiesen, der das Geld wiederum an die Apotheken weiterverteilt habe. Zugute ist den Pharmaziehändlern demnach gekommen, dass es unabhängig von der Maskenanzahl einen festen Anteil aus Bundesmitteln gab - im Schnitt über 25.000 Euro pro Apotheke.

FFP2-Schutzmasken: Gesundheitsminister Jens Spahn großzügig zu Apotheken

Die Recherche verdeutlicht das gute Geschäft am Beispiel eines Berliner Apothekers: Er besitzt in der Hauptstadt drei Geschäfte und erhielt durch den Bund etwa 170.000 Euro für die Ausgabe von FFP2-Schutzmasken. Der Knackpunkt: Das Gesundheitsministerium unter Jens Spahn kalkulierte mit einem Kaufpreis von 6 Euro pro Maske. „Wir haben die Masken für ein Euro bis 1,50 Euro eingekauft“, schildert der Unternehmer und erklärt, dass die Rechnung „sehr gut aufgegangen“ sei. Konkret wird er auch mit der Beschreibung zitiert, „man habe sich dumm und dämlich verdient“.

Ein interessantes Detail ergibt sich aus dem „Informationsfreiheitsgesetz“, das den Journalisten eine brisante Information preisgibt und Gesundheitsminister Spahn neuerlich in kein allzu gutes Licht rückt: Beamte und das Fachreferat haben sich demnach früh gegen die Verteilaktion ausgesprochen und den Politiker gewarnt, mit dem Hinweis, es würden „gravierende Finanzwirkungen“ drohen. Zudem gab es den Hinweis, viele Anspruchsberechtigte könnten sich die preiswerten Corona-Schutzmasken selbst leisten. Spahn jedoch ignorierte das Votum seiner Experten und blieb bei seiner Entscheidung der bundesweiten Gratis-Ausgabe.

Deutsche Apotheken freuen sich über einen lukrativen Masken-Deal mit der Bundesregierung (Symbolbild).

Mitte November wurde bei einem Corona-Gipfeltreffen schließlich beschlossen, dass die Bundesregierung die Ausgabe von 15 FFP2-Schutzmasken pro Person für Risikogruppen finanziert. Das Gesundheitsministerium entwickelte daraufhin den überteuerten Mechanismus, der den Apotheken satte Gewinne beschert, ohne mögliche Alternativen wie die Beschaffung aus dem Einzelhandel zu prüfen, so der Bericht.

Spahns FFP2-Corona-Masken-Deal mit hohen Kosten für den Steuerzahler? Apotheken verdienen hervorragend

Doch hat das Gesundheitsministerium die Entscheidung nicht alleine getroffen. Vielmehr wurde externe Hilfe in Anspruch genommen - von der Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Demnach fand sich in den Unterlagen des Ministeriums eine „Preisprobenstichanalyse“, die von den Wirtschaftsprüfern EY erstellt wurde. Das Unternehmen fungiert als Berater für den Bereich Schutzausrüstung. Interessant ist hierbei die Tatsache, dass der Preisvergleich von FFP2-Schutzmasken offenbar auch den Großhandel mit 1,22 Euro pro Stück umfasst.

Warum rechnete das Gesundheitsministerium dann mit 6 Euro pro Maske? Ernst & Young hält sich im Hinblick auf die Auswertung bedeckt und erklärte gegenüber NDR, WDR und SZ zu Beratungsmandanten äußere man sich „grundsätzlich nicht“. Das Ministerium für Gesundheit (BMG) erklärt die enorme Preisdifferenz damit, dass man nicht den niedrigen Preis, sondern 4,29 Euro aufgrund der Angabe einiger Vergleichsportale zugrunde legte - plus einen pauschalen Aufschlag für Arbeitskosten der Apotheker.

Auch im Hinblick auf die jüngst aufgekommene Masken-Affäre, bei der sich Unionsabgeordnete bereicherten und die laut einem Experten maßgeblichen Anteil am Ausgang der jüngsten Landtagswahlen hatten, drängt sich die Frage auf, wie es um die Verbindungen zwischen dem Gesundheitsminister und bestimmten Lobbygruppen bestellt ist. Waren sie ausschlaggebend für das Ignorieren der Ratschläge, das dem Steuerzahler hohe Kosten verursachte und den Apotheken unverhältnismäßig hohe Gewinne bescherte?

FFP2-Masken-Skandal: Völlig überzogener Preis - hat Jens Spahn günstiges Angebot von dm ausgeschlagen?

Ende November fand offenbar eine Videokonferenz unter anderem mit dem deutschen Apothekerverband statt, bei der auch Jens Spahn zugegen war. Manchen Teilnehmern sei schon dort ein Maskenpreis von sechs Euro zu hoch vorgekommen, mit Verweis auf Erfahrungen aus dem Drogeriemarkt. Das Ministerium hielt jedoch unumwunden an der Preisvorstellung fest.

Für weitere Fragezeichen sorgen zudem Aussagen des Chefs der Drogeriekette dm: Das Unternehmen habe dem Gesundheitsministerium angeblich angeboten, als Ausgabestelle für FFP2-Schutzmasken zu dienen, bestätigt Geschäftsführer Christoph Werner. Dafür hätte der Bund respektive Steuerzahler gerade mal einen Euro pro Stück hinblättern müssen. Das Ministerium bestätigte das Angebot laut dem Bericht bislang nicht. (PF)

Rubriklistenbild: © Lorenzo Carnero/imago-images

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