Damen-Abteilung bei Garhammer: Im Vorfeld des Corona-Gipfels drängen die Niederbayern ähnlich wie viele andere Händler auf eine rasche Öffnung.
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Damen-Abteilung bei Garhammer: Im Vorfeld des Corona-Gipfels drängen die Niederbayern ähnlich wie viele andere Händler auf eine rasche Öffnung.

Garhammer

Corona-Folgen für Handel: Modehaus-Chef beschreibt „Teufelskreis“ und geht mit Politik hart ins Gericht

  • Thomas Schmidtutz
    vonThomas Schmidtutz
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Im stationären Einzelhandel wächst wegen des Lockdowns die Wut. Vor allem für Modehändler werde die Lage „immer bedrohlicher“, warnt der Chef des niederbayerischen Modehauses Garhammer, Christoph Huber.

Wegen des Lockdowns seien inzwischen „alle Kanäle mit Ware verstopft“, sagte der Geschäftsführer des mittelständischen Modehauses aus Waldkirchen bei Passau. Vielerorts seien die Lager noch voll mit Winterware. Zudem fehle es vielen Unternehmen an Liquidität. Gleichzeitig müssten aber bereits die Aufträge für den kommenden Herbst und Winter platziert werden. Dies sei „ein Teufelskreis, aus dem viele schon jetzt keinen Ausweg mehr sehen“, sagte Huber (51).

Herr Huber, Garhammer hat sich als Mittelständler der Initiative „Das Leben gehört ins Zentrum“ angeschlossen, neben Branchen-Schwergewichten wie s.Oliver, Thalia, Deichmann oder Breuninger: Warum?
Wir sind überzeugte Innenstadt-Händler, haben seit Jahren und Jahrzehnten jeden Euro in unser Unternehmen, unsere innerstädtische Immobilie und damit auch in den Standort Waldkirchen investiert. Handel, egal in welchem Format, egal in welcher Branche, in Verbindung mit Gastronomie, stellt für viele Innenstädte die zentrale Funktion dar. Ohne funktionierenden Handel, ohne einen bunten Branchenmix, ohne Kultureinrichtungen, ohne Gastronomie, droht eine Verödung der Innenstädte, drohen Leerstände, drohen Geisterstädte wie vielerorts in den USA. Gewachsene gesellschaftliche Kultur droht zu verschwinden, über soziale Auswirkungen oder Folgen für den Kulturbereich will ich gar nicht nachdenken. Wir unterstützen im Jahr über 100 Vereine, soziale und karitative Einrichtungen, kulturelle Aktivitäten. Wer soll das bitteschön künftig machen? Bei der Initiative Leben im Zentrum geht es in ganz Deutschland jetzt um einen Schulterschluss des Handels mit dem Ziel, ab 8. März die Läden wieder öffnen zu dürfen, selbstverständlich unter penibler Einhaltung aller Hygieneregeln. Auch dazu hat die Initiative ein umfassendes, 7-stufiges Hygienekonzept entwickelt.
Ist die Lage im Einzelhandel tatsächlich so schlimm?
Die Lage im Einzelhandel ist zweigeteilt. Der Lebensmittel-Einzelhandel und der Online-Handel sind zweifellos Gewinner der Situation. Viele andere Handelsformate dagegen die großen Verlierer. Insbesondere für den Modehandel wird die Situation immer bedrohlicher. Der HDE sieht circa 50.000 Händler in existenzieller Notlage, weit über 250.000 Arbeitsplätze sind allein in dieser Branche in Gefahr. Das Geschäftsmodell unserer Branche verzeiht monatelange Schließungen nicht. Speziell im höherwertigen Fachhandel wird die Ware spätestens vier bis sechs Monate vor Auslieferung geordert. Unserer Branche droht die dritte Krisen-Saison in Folge. Wir waren in den vergangenen zwölf Monaten vier Monate komplett zwangsgeschlossen. Alle Kanäle sind mit Ware verstopft, die der Vorlieferanten, der Hersteller, der Händler. Viele Händler haben noch die Lager voll mit Winterware, keinen Platz und keine Liquidität für die gerade anlaufenden Auslieferungen Frühjahr/Sommer. Gleichzeitig müssen Aufträge für den kommenden Herbst und Winter platziert werden - ein Teufelskreis, aus dem viele schon jetzt keinen Ausweg mehr sehen.
Wie sehr hat der Lockdown Garhammer getroffen?
Auch unser Unternehmen hat der Lockdown, speziell der zweite Lockdown mit voller Wucht getroffen. Wir haben seit März 2020 insgesamt über 40 Prozent unseres Umsatzes verloren, dabei in einzelnen Monaten über 90 Prozent des Umsatzes, aktuell im Februar ein Minus von 84 Prozent zum Vorjahr verbucht. Einzige staatliche Unterstützung bisher war das Kurzarbeitergeld, an diversen Überbrückungshilfen sind bis zum heutigen Tag null Euro geflossen, zum Teil wegen fehlerhafter Software in den zuständigen Ministerien. Diese Zustände sind unerträglich und bedeuten leider für viele Unternehmen das Aus, wenn nicht schnellstmöglich wieder geöffnet wird und die finanziellen Hilfen endlich fließen. Wir alle in dieser Initiative hätten es nicht für möglich gehalten, dass Teile des stationären Handels der Politik egal zu sein scheinen, manche Händler ja geradezu zum Schafott geführt werden. Wenn dann ab heute noch Baumärkte wieder geöffnet sind und während der gesamten Lockdown-Phase Supermärkte und Discounter noch Schuhe und Textilien im Lebensmittelhandel verkaufen, ist man als betroffener Händler nur mehr sprachlos.
Am Mittwoch beraten Bund und Länder über ihr weiteres Vorgehen. Was fordern Sie konkret von der Politik?
Der Handel muss ab 8. März wieder komplett öffnen. Die Ungleichbehandlung verschiedener Handelsformate muss schleunigst beendet werden, das Unverständnis vieler Menschen steigt rapide, je mehr über diese Ungleichbehandlung berichtet wird. Außerdem führt eine Komplettöffnung des Handels zu einer Entzerrung der Kundenströme, denken Sie zum Beispiel an die Menschenschlangen vor Baumärkten. Zweitens muss die Politik dafür sorgen, dass die staatlichen Hilfen endlich fließen, bevor es für tausende Unternehmen und deren Mitarbeiter zu spät ist. Die Politik hat willkürlich entschieden, dass bestimmte Branchen geschlossen werden, um die Gesellschaft zu schützen. Diese Branchen haben ein Sonderopfer gebracht. Diese Branchen bisher aber nahezu nicht zu entschädigen, ist ein Skandal. Man stelle sich ein derartiges Vorgehen in der Automobilindustrie vor.
Wie könnte ein kluges und ausgewogenes Konzept denn aus Ihrer Sicht aussehen?
Unsere Initiative hat ein 7-stufiges Hygienekonzept für den Einzelhandel entwickelt und vorgelegt. Darüber hinaus steht im Stufenplan des RKI, dass das Ansteckungsrisiko im Einzelhandel im Vergleich zu anderen Branchen niedrig ist, selbst bei einem Inzidenzwert über 50. Wenn man unser 7-stufiges Hygienekonzept dazu liest, ist das auch überaus nachvollziehbar. Zu einem ausgewogenen Konzept gehört aber auch, nicht nur auf die Inzidenzwerte zu schauen, sondern auch die Belegung der Intensivbetten zu beachten, die Impfquoten in Alters- und Pflegeheimen, und ganz wichtig: Die Politik muss schleunigst ausreichend Selbsttests zur Verfügung stellen, weil man mit einer flächendeckenden Teststrategie die Pandemie viel effektiver eindämmen kann. Die Charité in Berlin hat beispielsweise herausgefunden, dass die Ergebnisse von Selbsttests sehr zuverlässig sind. Und klug ist es eventuell auch, in Regionen mit höherer Inzidenz die Quadrat-Regeln pro Kunde anzupassen. Wir in unserer Grenzregion mit relativ hohen Inzidenzen wären dazu auf jeden Fall bereit. Sicher Einkaufen ist sicher möglich.

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