Interview mit dem creditreform-Chef

Damit nicht der Gerichtsvollzieher kommt

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Wir sprachen mit Philipp Maximilian Ganzmüller über das Online-Geschäft, Frauen im Inkasso und die Überschuldung von Münchner Haushalten.

Seit über 135 Jahren gibt es einen in der Öffentlichkeit wenig bekannten Verein: Creditreform ist eine Auskunftei, in der weite Teile der deutschen Wirtschaft organisiert sind. Banken, Händler, Gewerbetreibende und Bauunternehmen, insgesamt 130 000 Mitglieder zählt der Verein. Die ursprüngliche Idee gilt heute noch: Unternehmen tauschen untereinander Informationen über ihre Geschäftspartner aus – mit dem Ziel, nicht an unseriöse Kundschaft zu geraten. Denn viele Insolvenzen in Deutschland sind Folgeinsolvenzen – Betriebe geraten in Schieflage, weil sie selbst nicht bezahlt werden, erklärt Philipp Maximilian Ganzmüller, geschäftsführender Gesellschafter von Creditreform in München.

Die Creditreform erstellt für Unternehmen eine Art Rating und ist für Privatpersonen so eine Art Schufa, richtig?

Ja, wir arbeiten aber immer auch unabhängig von der Zustimmung des Beurteilten. Die Schufa ist bei Privatpersonen unser Wettbewerber. Dort ist die Schufa führend, im gewerblichen Bereich ist es die Creditreform mit 70 Prozent Marktanteil. Aber auch bei uns wächst die Bedeutung des Konsumentengeschäfts.

Womit hängt das zusammen?

Je distanzierter Geschäfte gemacht werden, desto wichtiger sind Informationen über den Geschäftspartner. Das betrifft nicht nur die großen Online-Händler wie Amazon. Online-Geschäft machen mittlerweile auch viele kleinere Einzelhändler. Aber es geht beispielsweise auch um Bankkredite, die online ausgereicht werden. Immer braucht der jeweilige Partner eine Information über die Bonität. Ein rasant wachsender Bereich.

Dürfen Banken einfach Informationen über meine Zahlungsmoral und meine Kredite weiterreichen?

Das können sie. Im Regelfall willigt der Betroffene selbst ein. Wer einen Kredit beantragt, willigt ein, dass seine Daten weitergereicht werden. Typischer Fall ist auch eine Bonitätsprüfung im Gesundheitswesen. Auch wenn einem das nicht immer bewusst ist: Wenn eine Behandlung auf Privatrechnung erfolgt, also bei Privatpatienten oder zum Beispiel bei zahnmedizinischer Behandlung, wo die gesetzlichen Kassen kaum noch etwas übernehmen. Da muss der Patient im Behandlungsvertrag einwilligen, dass seine Daten verarbeitet werden und eine Auskunft an die Abrechnungsstelle, die bei uns Mitglied ist, erteilt wird. Ein Kieferorthopäde oder ein Zahnarzt, der ja in Vorleistung geht und zum Beispiel Modelle formt, hat ja ein berechtigtes Interesse daran zu erfahren, ob der Patient am Ende auch bezahlen wird. Man darf aber auch ohne Einwilligung negative Informationen über Privatpersonen einliefern. Das ist zulässig.

Die Creditreform bietet nicht nur Auskünfte, sondern auch Inkassodienstleistungen an. Gehört das zum Kerngeschäft oder ist das nur ein Zusatzgeschäft?

Inkasso gehört zum Kerngeschäft. Wir haben allein in München im letzten Jahr 100 000 Inkassoaufträge abgewickelt. Bundesweit waren es 1,6 Millionen. Und wir betreiben ständig fünf Millionen Langzeitüberwachungen, also wir verfolgen einen gerichtlichen Titel über die gesamte Verjährungslaufzeit von 30 Jahren. Dieses Geschäft wächst sehr stark. Auch das liegt daran, dass die Distanzgeschäfte immer mehr zunehmen. Es ist fast ein Boom.

Philipp Maximilian Ganzmüller ist Geschäftsführer der Creditreform in München.

Was tun Sie denn konkret?

Zum einen beraten wir die Kunden, wie sie sich selbst besser organisieren können. Zum Inkasso übergebene offene Posten werden schriftlich und telefonisch angemahnt – wir nerven den Schuldner ein bisschen, um Bewegung in die Sache zu bringen und lassen nicht locker. Es geht aber vor allem darum, zu einer Einigung zu kommen, die Zahlung herbeizuführen. Am besten außergerichtlich, ohne Kosten für Gerichtsvollzieher und Mahnbescheid.

Das Inkasso-Wesen hat ja nicht den besten Ruf.

Das Lustige ist, dass diese Moskau-Inkasso-Teams, die das Bild der Branche manchmal prägen, wirtschaftlich überhaupt keine Rolle spielen. Die haben keine Inkassozulassung und meist Berufsverbote. Wenn sie das tun würden, was sie anbieten, würden sie sich ja wegen Erpressung oder Nötigung strafbar machen. Mit diesem schiefen Licht müssen wir leider leben. Wir können uns da nur mit unserer seriösen Marke abgrenzen.

Wie machen Sie das?

Wir unterstützen zum Beispiel keine Gläubiger, die rechtlich oder faktisch haltlose Forderungen eintreiben wollen, also zum Beispiel die bekannten Gewinnspiele oder Online-„Abos“ und dergleichen: Das machen wir nicht. Wir prüfen sehr streng und brauchen immer eine juristisch 100-prozentige Grundlage. Wir nehmen auch keine bestrittenen Forderungen herein. Das andere sind die Gebühren. Auch da sind wir sehr strikt und belasten den Schuldner nur mit den nach der Rechtsprechung zulässigen Gebühren. Absurde Vorgänge, wo aus einer 20-Euro-Forderung am Ende sehr schnell 200 Euro werden, werden Sie bei uns nicht finden.

Wie gehen Sie beim Geldeintreiben vor?

Unsere Hauptaufgabe ist es, die Zahlungsbereitschaft beim säumigen Schuldner zu wecken. Das geht nach unserer Überzeugung nur durch Kommunikation mit dem Betroffenen via Brief, E-Mail oder Telefon. Wir sprechen aber auch zunehmend persönlich mit den Schuldnern, laden sie zu uns ins Büro ein, besuchen sie aber auch mit einem Außendienst. Aber nicht mit einem Schlägertrupp, sondern ausschließlich mit sehr gut ausgebildeten jungen Damen. Frauen im Außendienst sind doppelt so erfolgreich wie Männer. Sie fragen stets höflich, ob sie reinkommen dürfen, sagen aber auch, dass der Schuldner sie nicht hereinbitten muss. Sie treten zurückhaltend auf und versuchen einfach, eine Lösung zu finden. Auch der Schuldner hat ja kein Interesse daran, dass die Sache noch teurer wird und am Ende der Gerichtsvollzieher kommt. Man kann solche Probleme anders lösen, zum Beispiel mit Ratenzahlung oder Stundung. Nur den Kopf in den Sand stecken, bringt gar nichts.

Wohin müssen Ihre Sachbearbeiterinnen schwerpunktmäßig?

Säumige Schuldner gibt es in der gesamten Gesellschaft, also vom Männerwohnheim bis zur Villa in Grünwald. Generell kann man sagen, dass Verschuldung und Überschuldung aber vor allem ein Problem der Städte, weniger von ländlichen Regionen ist.

Wieso ist das so?

Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, warum Schuldner nicht zahlen. Ist bei Mittel- und Oberschichthaushalten mangelnde eigene Organisation, also schlichtes Verlegen und Vergessen der Rechnung ein häufiger Grund, so spielen bei Betroffenen echte finanzielle Krisen – Krankheit, Scheidung und Arbeitslosigkeit – eine dominierende Rolle. Aber es gibt auch einen starken Einfluss des jeweiligen Wohnorts.

Ein Beispiel?

Nehmen Sie den Vergleich von Oberhausen im Ruhrgebiet und München. Oberhausen ist im Strukturwandel, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Hoffnungslosigkeit auch, und die Lebenshaltungskosten niedrig, die Überschuldung hoch. In München hingegen spielt Arbeitslosigkeit kaum eine Rolle. Dafür führen die hohen Lebenshaltungskosten dazu, dass sich auch Menschen mit einem regulären Job das Leben hier nicht leisten können, gerade mit einer Familie. Noch schlimmer, wenn es zu einer Scheidung kommt und plötzlich zwei Wohnungen finanziert werden müssen. Dann kommt es zu riesigen finanziellen Problemen.

Wie viele Menschen betrifft das in München?

Über 100 000 Fälle. Und wir kennen intern jedes einzelne Schicksal. Wir wissen, wie alt der Betroffene ist, männlich oder weiblich, meist auch wie hoch seine Schulden sind, wo er wohnt...

Wie ist es in München, zum Beispiel in zentralen Lagen?

Hier sinken die Überschuldungsquoten. Das merkt man in den vergangenen beiden Jahren drastisch. Das bedeutet: Die sozial Schwächeren werden aus der Innenstadt verdrängt. Sie können die Mieten nach Sanierungen oder in Neubauten nicht mehr bezahlen.

Welche Stadtviertel sind am meisten betroffen?

Es gibt vier Regionen. Giesing und Ramersdorf im Süden, wobei diese beiden noch vergleichsweise gut dastehen. Dann die klassischen Verdächtigen, nämlich Berg am Laim, die alte Arbeitersiedlung an der Eisenbahn, wo es sehr viele Sozialwohnungen gibt. Es folgt die Messestadt Riem, wo man bewusst eine Mischung aus sozialem Wohnungsbau und Eigentumswohnungen geschaffen hat. Und natürlich die beiden bekannten Problemviertel Hasenbergl und Am Hart im Norden. Wobei hier die Entwicklung gar nicht so schlecht ist. Wie die Stadt damit umgeht, ist durchaus erfolgreich. Es gibt Sozialbürgerhäuser, Schuldnerberatung und die Unterstützung freier Träger. Das hilft schon etwas.

Wann spricht man von Überschuldung?

Überschuldung heißt generell: Ich kann meinen laufenden finanziellen Verpflichtungen über mindestens drei Monate hinweg nicht nachkommen. Es gibt zwei Phänomene. Zum einen die harten öffentlichen Merkmale. Also der Gerichtsvollzieher ist unterwegs oder lädt zur Vermögensauskunft – früher Offenbarungseid. Oder jemand hat eine Privatinsolvenz angemeldet. Zum anderen gibt es diejenigen, die mit ihrer Schuldnerkarriere erst am Anfang stehen. Diese Menschen haben einzelne Gläubiger, die schon länger ihren offenen Forderungen nachlaufen. Wir gehen dabei von drei Gläubigern aus.

Wie steht München im Vergleich zu anderen Metropolen da?

Ich finde 100 000 Fälle sehr erschreckend. Aber im Vergleich zu anderen Städten steht München gut da. Am besten von allen Großräumen. Es gibt wahrscheinlich keine Stadt in Europa, die so prosperiert wie München. Und trotzdem gibt es 100 000 Mitbürger, die abgehängt sind.

Interview: Corinna Maier

Rubriklistenbild: © Panthermedia

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