Dachdecker ja, Metzger nein: Clement kippt den Meisterzwang

- München - Die Bundesregierung steht unter Druck: Arbeitsplätze müssen her. Deshalb lockert das Kabinett den Meisterzwang in 65 von 94 Handwerksberufen. Viele Gesellen können sich demnach auch ohne Meisterbrief selbstständig machen. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement erhofft sich neue Betriebsgründungen und mehr Jobs. Das Handwerk zweifelt an dieser Vorhersage.

<P>"Das ist eine Milchmädchen-Rechnung", schimpft Heinrich Traublinger. Der Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern rechnet allenfalls kurzfristig mit mehr Betrieben. Langfristig werde das Handwerk unter einem schlechteren Ausbildungsniveau leiden - und die Qualität der Arbeit mit. Wichtiger sei, die hohen Lohnzusatzkosten zu senken.</P><P>Die Gesetzentwürfe seien "eine irreparable Zerschlagung von Strukturen, die auf dem Weg in die Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft mehr denn je gebraucht werden", warnt auch der Zentralverband und kündigt eine dezentrale Gegenkampagne an. Minister Clement nennt die Reform einen unverzichtbaren Baustein der Agenda 2010: "Diese Entscheidung macht das Handwerk europasicher." Ohnehin sei die Zahl der Meisterprüfungen auf dem niedrigsten Niveau seit 50 Jahren.</P><P>Auch in der Praxis sind die Entscheidungen umstritten. Die Meisterprüfung als Voraussetzung für die Selbstständigkeit bedeute zum einen Schutz für die Verbraucher und zum anderen Schutz für diejenigen, die einen Betrieb aufmachten, sagen Meister. Nicht ohne Grund gebe es in meistergeführten Betrieben halb so viele Konkurse wie in der Industrie.</P><P>Willkommen ist bei vielen der 580 000 Betriebe die geplante Änderung des Inhaberprinzips, wonach Besitzer eines Handwerksbetriebes selbst Meister sein müssen. Bisher war es nur juristischen Personen wie Kapitalgesellschaften möglich, handwerkliche Betriebe zu gründen, ohne den Meisterbrief zu besitzen. Voraussetzung bei den 29 Berufen mit Meisterzwang ist, dass ein geprüfter Betriebsleiter eingestellt wird.</P><P>Die Gewerkschaften unterstützen grundsätzlich die Pläne. "Ziel der Reform muss aber sein, dass die Zukunft des Handwerks gesichert wird und unsere Kollegen verbesserte Aufstiegschancen bekommen", erklärte die IG Bauen-Agrar-Umwelt.<BR>Kritik äußerte die IG Bau an den Vorstellungen von Rot-Grün, den Meisterzwang auch für Bereiche wie das Gebäudereinigerhandwerk, das Maler- und Lackiererhandwerk, das Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk sowie das Fliesenlegerhandwerk abzuschaffen.</P><P>Die Bundesregierung hat die Handwerksberufe unterteilt in so genannte gefahrgeneigte Bereiche und nicht gefahrgeneigte Bereiche. Bei ersteren - zum Beispiel Maurer, Dachdecker oder Kfz-Mechaniker soll der Meisterzwang erhalten bleiben. Abgeschafft werden soll er zum Beispiel für Uhrmacher, Raumausstatter oder Friseure. Von der Union wird entschiedener Widerstand im Bundesrat erwartet.</P><P>Außerdem wurde ein Sonderprogramm für arbeitslose Jugendliche beschlossen. Es soll zunächst für 100 000 junge Menschen gelten, die bisher Sozialhilfe erhalten. Heuer stehen 120 Millionen Euro zur Verfügung.</P>

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