Dänemark: Wie ein Hochlohnland die Arbeitslosigkeit bekämpft

- Kopenhagen - Auch in Dänemark gibt es Arbeitslose. Was in Deutschland aber als Unmöglichkeit gilt, ist den Dänen gelungen. Die Arbeitslosigkeit hat sich seit der Wirtschaftskrise in den 90er-Jahren halbiert: von über zwölf auf rund sechs Prozent. Dafür sorgte zum einen ein deregulierter Arbeitsmarkt, der Unternehmern das Einstellen und Entlassen erleichtert, und zum anderen ein großzügiges soziales Netz für Arbeitslose. Das Resultat ist so beeindruckend, dass die OECD den Deutschen rät, es ihren Nachbarn nachzumachen.

In Laila Peterssens Friseursalon Galla bekommen die Kunden Getränke serviert. Manchmal macht Laila das selber, manchmal tun das Angestellte. Vor gut fünf Jahren entschloss sich die heute 34-jährige Friseurin, im unweit von Kopenhagen liegenden Roskilde einen eigenen Laden aufzumachen. Zurzeit arbeitet Laila alleine, aber saisonbedingt hat sie bis zu fünf Angestellte.

Kündigungsschutz gibt es im Prinzip nicht

Die flexiblen dänischen Arbeitsmarktregelungen, aus denen sich der Staat zugunsten der Tarifparteien weitgehend heraushält, macht es der Friseurin möglich, nach Bedarf zu entlassen. Einen gesetzlichen Kündigungsschutz gibt es im Prinzip nicht im Königreich - und das schon seit langem. Ende vergangenen Jahres kündigte Laila zwei Angestellten, ohne Begründung. "Dementsprechend einfach ist es auch, anzustellen, weil ich Personal wieder los werde." Nur die Kündigungsfrist, die, je nach Anstellungslänge variiert, musste Laila einhalten.

Auch die Löhne, die inzwischen zu drei Vierteln individuell in den Betrieben ausgehandelt werden, kann Laila selbst mit ihren Mitarbeitern vereinbaren. "Dass wir mit Bravour aus der Wirtschaftskrise der 90er herausgekommen sind, haben wir den flexiblen Lohn- und Kündigungsregeln und einer zur rechten Zeit initiierten Nachfrage-Ankurbelung zu verdanken", sagt Henning Gade vom dänischen Arbeitgeberverband.

Selbst Deutsche finden immer häufiger den Weg ins Nachbarland. Das Arbeitsprojekt Gramark konnte bereits 771 Arbeitslose an dänische Firmen vermitteln. Axel Thomsen ist einer von ihnen. Er ist Schmied und pendelt mit 20 Kollegen täglich von Flensburg nach Dänemark, wo er Windmühlen baut und mehr verdient als in Deutschland. "Der fehlende Kündigungsschutz stört mich nicht. Wenn man gute Arbeit leistet, braucht man sich nicht um den Job zu sorgen", sagt Axel, und Meister Poul Luul nickt ihm zu.

Soziales Netz bietet Sicherheit

Selbst die Gewerkschaften, die in enger Zusammenarbeit mit Arbeitgebern und Regierung die Arbeitsmarktpolitik des Landes gestalten, sind zufrieden. Durch die Abkehr von kollektiven Tarifverträgen entstanden zwar viele Verträge unter Tarif, aber die Arbeitslosigkeit konnte binnen 14 Jahren halbiert werden. So gaben die Gewerkschaften der angeschlagenen Fluggesellschaft SAS grünes Licht, Löhne bis zu zehn Prozent zu kürzen, statt zu entlassen. "Arbeitsplätze sind unser Hauptziel. Zwar haben wir einen schlechteren Kündigungsschutz als in Deutschland, aber gleichzeitig haben wir auch ein sehr gutes Sicherheitsnetz für Arbeitslose", sagt Dorete Mongard von der Gewerkschaft LO.

Mongard nennt das "Flexicurity": hohe Flexibilität auf der einen - und hohe soziale Sicherheit auf der anderen Seite, welche sich die Dänen mit einer der höchsten Steuerquoten innerhalb der OECD-Länder erkauft haben.

Der dänische Staat zahlt bis zu 90 Prozent des letzten Gehalts - und das bis zu vier Jahre lang. Die Obergrenze liegt bei rund 370 Euro wöchentlich. Das dänische Fördern und Fordern beinhaltet aber auch, dass Arbeitslose nach einem Jahr zu Arbeiten gezwungen werden können. Auch Angebote an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sind zahlreicher als in Deutschland. Kritiker sprechen von Zwangsarbeit. Im Gegensatz zu den deutschen Verhältnissen verbringen dänische Arbeitsvermittler mehr als die Hälfte ihrer Zeit mit der direkten Jobvermittlung.

Wenn die Deutschen das dänische Modell nachahmen wollten, müssten vor allem die Arbeitsvermittlungsleistungen durch motivierteres Personal und tiefgreifende Reformen verbessert werden, sagt ein Mitverfasser der OECD-Arbeitslosigkeitsstudie. In Dänemark ist zwar wegen des lockeren Kündigungsschutzes jeder vierte Däne durchschnittlich einmal im Jahr arbeitslos, aber laut Studie haben die Dänen weniger Angst davor, ihren Arbeitsplatz zu verlieren als die Deutschen, was an den guten Vermittlungsleistungen der Arbeitsämter liegt.

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