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Dan McCrum deckte den Wirecard-Skandal auf: „Ich hatte einen Hammer unter dem Bett“

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Von: Andreas Höß

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Deutsche Justiz verlangt laut Medienbericht Marsaleks Auslieferung .
Wie ein schlechter Krimi mutet der Wirecard-Betrugsfall an. Der einstige Dax-Konzern soll Umsätze erfunden haben. Jan Marsalek, der für das operative Geschäft zuständig war und Geheimdienst-Kontakte haben soll, ist untergetaucht. © FrankHoermann/SVEN SIMON

Dan McCrum hat den Betrugsskandal bei Wirecard aufgedeckt. Hier erzählt er die irre Geschichte über den größten Wirtschaftsbetrug Deutschlands.

München/Abu Dhabi – Ohne Dan McCrum wäre Wirecard vielleicht noch immer der Liebling deutscher Anleger. Heute erscheint sein Buch „House of Wirecard: Wie ich den größten Wirtschaftsbetrug Deutschlands aufdeckte und einen DAX-Konzern zu Fall brachte“ (Econ, 25 Euro). Wir haben den Journalisten der „Financial Times“ in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) erreicht, wo er als Redner an einem Kongress gegen Wirtschaftskriminalität teilnahm. Im Interview mit unserer Zeitung erzählt der Brite, wie er den betrügerischen Kern des Unternehmens offenlegte, weshalb die deutschen Behörden so lange geschlafen haben – und warum er zeitweilig einen Hammer unter dem Bett hatte.

Dan, Sie haben den Wirecard-Skandal aufgedeckt. Hätten Sie zu recherchieren begonnen, wenn Sie gewusst hätten, was da auf Sie zukommt?

Wenn ich gewusst hätte, dass im Hintergrund Hacker und Spione lauern, hätte ich es vielleicht nicht getan. Andererseits fühlen sich Journalisten zu seltsamen Geschichten hingezogen. Und Wirecard ist eine völlig irre Geschichte. Deswegen hatte ich letztlich keine andere Wahl.

Enthüllungsjournalist Dan McCrum
Enthüllungsjournalist Dan McCrum © Kay Nietfeld

Wirecard hat auch Ihr Leben verändert, oder?

Meine Gegner machten uns mit vielen schmutzigen Tricks das Leben schwer. Zeitweilig hatte ich sogar einen Hammer unter meinem Bett. Es mag sich seltsam anhören, aber wenn man professionell gehackt, abgehört und observiert wird, entwickelt man leicht eine Paranoia. Dann gehen einem nachts düstere Szenarien durch den Kopf: Was passiert, wenn Männer in Schwarz in dein Haus eindringen? Da fallen einem die schlimmsten Dinge ein. Ich bin froh, dass ich den Hammer nie gebraucht habe – außer, um Bilder aufzuhängen.

Sie haben gerade ein Buch über das alles geschrieben. Niemand kennt Wirecard so gut wie Sie. Ganz kurz: Was war Wirecard genau?

Wirecard war ein Zahlungsabwickler, der Europas PayPal sein wollte. Im Grunde ist das ein simples Geschäft. Wirecard hat aber so getan, als wäre es wahnsinnig komplex. Das war, glaube ich, Absicht. Die vermeintliche Komplexität war Teil des Betrugs. Sie verbarg ihn. So konnte Wirecard bei allen Vorwürfen behaupten, man verstehe das Geschäftsmodell nicht. Aber im Kern war Wirecard nur ein Konzern, der Firmen half, Zahlungen entgegenzunehmen. Und der den Leuten gern Sternenstaub in die Augen streute, indem er behauptete, ein großartiger Technologiekonzern zu sein.

Wirecard kam ja aus der Schmuddelecke ...

Am Anfang operierte es am Rande der Legalität und wickelte viele Zahlungen für Pornos und Online-Glücksspiele ab. Ein großartiges Geschäft! Wirecard verdiente viel Geld, ging an die Börse und wuchs schnell. Aber um 2009 herum war der Punkt erreicht, an dem das profitable Geschäft nicht mehr wirklich vorhanden war.

Weshalb?

Die wirtschaftlichen Bedingungen für Online-Pornos änderten sich. Glücksspiele wurden allmählich verboten, vor allem in den USA. Ich glaube, Jan Marsalek, der für das operative Geschäft zuständig war, und Wirecard-Chef Markus Braun versuchten zu diesem Zeitpunkt, die Zahlen trotzdem hoch zu halten. Sie wollten den Eindruck erwecken, dass Wirecard weiter schnell wuchs und sehr profitabel war.

Wie genau?

Es gibt Beweise, dass Wirecard ab 2010 anfing, Umsätze und Gewinne zu erfinden. Erst wurde improvisiert. Wirecard ging nach Asien und kaufte viele kleine Unternehmen. Das half, die Bücher zu frisieren und Geld aus der Firma zu schleusen. Später lief die Täuschung über drei Partnerfirmen, eigentlich leere Hüllen, die von Freunden geführt wurden. Wirecard behauptete, dass diese alle Zahlungen abwickelten und Wirecard als Dankeschön eine Provision überwiesen. Verblüffend, dass sie das viele Jahre an Wirtschaftsprüfern vorbeischleusen konnten.

Wie konnten Sie denn das alles nachweisen?

Vor allem mit Informanten und Dokumenten. Der wichtigste Tag meiner Recherche war, als ich in einem Restaurant in einer Shopping Mall in Singapur unter dem Tisch Pav Gills Festplatte kopierte. Es dauerte so lange, dass wir Essen bestellen konnten. Gill war Wirecard-Justiziar und hatte Nachweise für frisierte Bilanzen und aufgeblasene Firmenwerte in Asien. Dazu kamen Unmengen an Mails und Chats. Als Gill auf Ungereimtheiten gestoßen war, hatte er sie an seine Chefs bei Wirecard gemeldet. Statt den Vorwürfen nachzugehen, haben die ihn aber aus dem Unternehmen gedrängt. Deshalb hat er ausgepackt.

Sie haben viel über den Skandal in Asien berichtet. Zunächst hat Ihnen niemand geglaubt. Warum?

As ich früher als Analyst gearbeitet habe, hieß es: Keine Verkaufsempfehlungen! Niemand mag hören, dass er im Unrecht ist – schon gar nicht bei Aktien. Lange Zeit hat Wirecard Menschen reich gemacht. Wahrscheinlich hielten sich viele von ihnen deswegen für sehr, sehr klug. Ich dagegen war von vornherein der Spielverderber.

Wie viele böse Briefe haben sie von deutschen Anlegern bekommen?

Eine Menge. Ein Kerl schlug sogar vor, ich solle mich mit Markus Braun duellieren. Was für eine wunderbar antiquierte Vorstellung: Ich und Markus Braun mit Schwertern im Morgengrauen!

Hätten bei Banken und Behörden früher die Alarmglocken leuten müssen?

Offenbar haben sie sich wie die Investoren darauf verlassen, dass jemand anderes prüfen wird, ob da wirklich etwas faul ist. Da das am Ende niemand getan hat, gingen alle davon aus, dass die Sache schon in Ordnung sein wird.

Hat Wirecard deshalb so lange überlebt?

Die Sache mit dem Betrug ist: Man braucht großes Vertrauen in die Gesellschaft, damit sie funktioniert. Deshalb war Wirecard gerade in Deutschland möglich. Meist ist Vertrauen auch nötig. Wird alles geprüft, verschwendet man Zeit und Ressourcen. Aber es gibt eine winzige Minderheit, die genau das ausnutzt.

Hätten die Mitarbeiter etwas merken müssen?

Je höher die Position und je länger die Betriebszugehörigkeit, desto mehr stellt sich diese Frage. Ich hatte das Glück, die Wirecard-Büros nach der Pleite besuchen zu dürfen. Es sah dort wirklich aus wie bei einem echten Unternehmen, das echte Dinge tut. Ich habe mit ehemaligen Mitarbeitern gesprochen, die sehr nett waren. Ich glaube, es war vielen etwas peinlich, was passiert war. Manche hätten sich wohl am liebsten selbst in den Hintern getreten. Sie waren überzeugt, in einem seriösen Unternehmen zu arbeiteten. Erst hinterher kamen diese nagenden Zweifel, dass einige Dinge doch seltsam waren.

Wirecard hat viel dafür getan, dass Ihnen nicht geglaubt wurde. Man hat Sie als korrupten Lügner bezeichnet, der mit Leuten unter einer Decke steckt, die auf eine Pleite von Wirecard wetten.

Sie nutzten immer den gleichen Trick: Mich und die Financial Times als Helfer obskurer Leerverkäufer hinzustellen. Mein damaliger Chef hat mal gesagt: Das sind Kriminelle, die zu dumm sind, ihre Taktik zu ändern. Andererseits ist Wirecard lange sehr gut damit gefahren. Anfang 2019 hätten sie aber umschwenken müssen. Hätten sie da gesagt: „Okay. Ihr habt uns erwischt. Ja, es gab ein kleines Problem. Wir werden diese Leute aber feuern“, wären wir vielleicht zur nächsten Geschichte übergegangen. Aber Wirecard hatte den Fall zu einer Frage der Reputation gemacht. Sie beschuldigten mich und die Financial Times, korrupt zu sein. Uns blieb gar keine andere Wahl mehr, als sie zu entlarven.

Statt gegen Wirecard ermittelten die Behörden zuerst gegen Sie, wegen Marktmanipulation. Wieso ist man Ihren Vorwürfen nicht nachgegangen?

Anscheinend wollten sie hinter den Anzügen der Konzernchefs keine Kriminellen erkennen. Selbst nach dem Kollaps von Wirecard konnte Marsalek noch nach Weißrussland fliehen. Sie hatten es offenbar nicht wirklich eilig, diese Leute zu verhaften.

Nach der Wirecard-Pleite wurde die Finanzaufsicht Bafin reformiert, ihr damaliger Chef musste gehen. Reicht das, um solche Fälle in Zukunft zu verhindern?

Man hat den Skandal gut aufgearbeitet. Es gab Reformvorschläge, viel mediale Aufmerksamkeit und einen Untersuchungsausschuss. Aber neben schärferen Regeln braucht Deutschland auch eine andere Kultur, in der Betrug aktiv verfolgt und angezeigt wird. Sehen Sie: Wir haben den Behörden im Januar 2019 anonym ein Paket mit allen Beweisen geschickt. Statt der Sache nachzugehen, hieß es: „Ah, das muss Teil der Short-Attacken gegen Wirecard sein!“ Die Aufsichtsbehörden fanden also nicht die Geschäftspraktiken verdächtig, sondern den anonymen, aber gutgläubigen Versuch, die Missstände aufzudecken. Ich werde nie verstehen, wie sie darauf gekommen sind.

Olaf Scholz war damals Finanzminister und stand wegen Wirecard in der Kritik. Neulich hielt er eine Laudatio auf Sie. War das eine Entschuldigung?

Ich denke gerade darüber nach, was ich nicht sagen kann. Okay, lassen Sie es mich so sagen: Ich habe von Scholz keine Entschuldigungen erwartet. Faszinierend, wie schnell sich Dinge ändern, nicht wahr? Erst bin ich der korrupte Journalist, gegen den ermittelt wird, dann bekomme ich all diese Preise.

Was hatten Marsalek und Braun von dem Betrug?

Markus Braun war das Gesicht der Firma. Er profitierte vom Betrug, weil er über Aktien acht Prozent der Firma besaß. Darauf war er sehr stolz. Der Wert seiner Aktien stieg immer weiter und er lieh sich von der Deutschen Bank 150 Millionen Euro gegen den Wert dieser Aktien. So konnte er sich Geld auszahlen. Marsalek musste sich offenbar andere Wege einfallen lassen, um an Geld zu gelangen. Deswegen diese Firmenkäufe und Darlehen an obskure Wirecard-Partner.

In Ihrem Buch schreiben Sie, Sie wollten Marsalek entlarven. Warum er?

Mir war bald klar, dass Marsalek der Bösewicht war. Schon der erste Kontakt mit ihm war bizarr. Eine der Quellen meines Chefs, ein Nachtclubbesitzer, sagte: „Ich habe da diesen Typen, der mit euch reden will, sein Name ist Jan Marsalek.“ Wir waren verblüfft: Warum in aller Welt will ein Konzern-Vorstand über einen Nachtclubbesitzer kommunizieren? Es zeigte sich auch, dass er hinter dem Hacking, den Privatdetektiven und den Korruptionsvorwürfen gegen uns stand.

Was war er für ein Typ?

Charmant, eloquent, mit wenig Interesse an Details und schlecht im Dinge erledigen. Man sollte denken, dass er lange einen ausgeklügelten Fluchtplan in der Tasche hatte. Aber selbst seine Flucht wirkt improvisiert – auch wenn sie funktioniert hat.

Marsalek hat sich mit Geheimdienst-Kontakten gebrüstet. Was ist da dran?

Das wüsste ich auch noch gerne. Jedenfalls kam es gelegen, dass er abgetaucht ist.

Wenn Marsalek der Bösewicht war: Was wusste Wirecard-Chef Braun?

Mmh, schwer zu glauben, dass er keine Ahnung hatte. Ich meine: Es ging um sein Vermögen – und er hat Marsalek einfach vertraut und keine Fragen gestellt? Klar scheint, dass er am Ende Menschen, die ihm nahestanden, rücksichtslos verraten hat, indem er ihnen sagte, dass alles gut werden würde – obwohl er wusste, dass es nicht so war. Vielleicht irre ich mich aber auch und Braun war die ganze Zeit nur ein wahnhafter Idiot, der dachte, alles sei in Ordnung. Das ist natürlich auch möglich, oder?

Das Interview führten Claus Lochbihler & Andreas Höß

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