Darf's ein bisschen weniger sein? Jede zehnte Bierflasche ist nicht voll

- München - Wer im Supermarkt einkauft, bekommt häufig weniger als er glaubt. Im Schnitt ist in jeder 17. Verpackung nicht so viel drin, wie draufsteht, zeigen Prüfberichte regelmäßig. Bei Bier wird jede zehnte Flasche nicht voll gemacht; bei Wein mitunter sogar jede zweite. Verbraucherschützer fordern schon seit Jahren mehr Kontrollen und höhere Bußgelder für schwarze Schafe.

Gut 47 500 Stichproben haben die Landeseichbehörden nach neuesten Zahlen im Jahr 2004 bei Herstell- und Abfüllbetrieben entnommen und geprüft, ob bei Getränken, Lebensmitteln, Kosmetika oder Medikamenten die Füllmengen mit der Verpackungsangabe übereinstimmt. Das berichtet der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) in Berlin und beruft sich dabei auf die aktuellen Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums. Das Fazit: "Viele Unternehmen kassieren zu Unrecht", kritisiert VZBV-Chefin Edda Müller. Nach Angaben von Fachleuten können sich bereits aus geringer Unterschreitung der Füllmengen bei Großbetrieben Schäden in Millionenhöhe für die Verbraucher ergeben.

Etwa sechs Prozent der geprüften Produkte enthalten nach der vom VZBV zitierten Statistik im Mittel weniger Inhalt als angegeben. Trauriger Spitzenreiter ist neben Bier, Spirituosen oder auch Milch Speiseöl, von dem in jeden fünften Behälter zu wenig gezapft wird. Aber auch bei den nichtflüssigen Warengruppen werden die Konsumenten oft übervorteilt: Bei Fischprodukten, Brotaufstrichen, Lacken oder Blumenerde sei jede siebte bis zehnte Verpackung nicht ausreichend gefüllt, wie die Verbraucherschützer monieren.

Dass sich die Zustände seit 2004 nicht gebessert haben, geht aus den aktuellen Jahresberichten der Landeseichbehörden in Bayern und Nordrhein-Westfalen hervor. So bestätigte Hans Luy, zuständiger Referatsleiter vom Bayerischen Landesamt für Maß und Gewicht in München, gegenüber unserer Zeitung, dass im Freistaat vergangenes Jahr bei 2800 Stichproben fast sechs Prozent der geprüften Fertigpackungen beanstandet werden mussten. Auch hier sei die Negativquote bei flüssigen Lebensmitteln überdurchschnittlich hoch gewesen.

In NRW wurden die Eichbeamten noch öfter fündig als in Bayern, wie aus dem am Freitag vorgelegten Bericht für 2005 hervorgeht. Bei jeder zehnten von 8500 Kontrollen stießen sie auf Fertigverpackungen, die weniger enthielten als angegeben. "Das ist die höchste Beanstandungsquote seit zehn Jahren", sagte Christa Thoben, nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerin. Eine bewusste oder unbewusste Täuschung der Verbraucher in diesem Umfang sei bei den hochpräzisen Abfüllanlagen, über die die Betriebe verfügen, jedoch kein Kavaliersdelikt. Sie forderte deswegen, die Bußgelder für derartige Vergehen von derzeit maximal 10 000 Euro auf bis zu 250 000 Euro anzuheben. Die Abschreckungswirkung müsse deutlich erhöht werden, so Thoben.

Der VZBV, der schon länger auf das Problem mit den zu leeren Verpackungen aufmerksam macht, begrüßte den Vorstoß. "Es ist ein seit Jahren andauernder Skandal", sagte Edda Müller. Der Missstand sei so alt wie bekannt, ohne dass bislang etwas unternommen worden sei. Die Verbraucherschützer fordern neben höheren Strafen vor allem eine Erhöhung der Kontrolldichte. Doch damit sieht es schlecht aus: In Bayern etwa werden in den Eichämtern seit Jahren Stellen weggespart. Die Zahl der Packungskontrollen ging deshalb zuletzt deutlich zurück.

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