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Diesen Montag hat EZB-Präsident Mario Draghi für viele eine rote Linie überschritten.

Europäische Einlagensicherung

„Was erlaube Draghi?“: Darum sind Bayerns Genossenschaftsbanken sauer

Die Bayerischen Genossenschaftsbanken haben gelernt, mit den Niedrig-Zinsen zu leben. Aus einem ganz anderen Grund sind sie gerade sehr zornig auf EZB-Chef Mario Draghi.

München – Die deutschen Geldhäuser stöhnen häufig über die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB). Doch diesen Montag hat EZB Präsident Mario Draghi für viele eine rote Linie überschritten, als er den EU-Finanzministern riet, mit den Vorbereitungen für die europäische Einlagensicherung zu beginnen. Er mischte sich damit in die Politik ein, was ein Tabu ist – wie umgekehrt auch die Einmischung der Politik in EZB-Angelegenheiten. „Was erlaube Draghi?“, polterte gestern – in Anlehnung an den ehemaligen Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni – Jürgen Gros, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern. „Das erzürnt uns in unserer Gruppe ungemein.“ Denn: Alle deutschen Banken fürchten, künftig für Schieflagen ausländischer Institute in die Haftung genommen worden.

Das gilt aber besonders für die deutschen Sparkassen und Genossenschaftsbanken, die durch ihre institutseigenen Sicherungssysteme Hilfe von außen noch nie in Anspruch nehmen mussten. Die Draghi-Pläne sind für sie so, als müsste ein Mensch ohne Führerschein eine Haftpflichtprämie für ein Auto abschließen, das er nicht hat.

Euro-Finanzminister ringen um drängende Währungsreformen

Eine Billion Euro faule Kredite schlummern noch in den Bilanzen europäischer Risiko-Banken, sagt Gros. Und er fordert diese auf, erst einmal ihre Hausaufgaben zu machen: Altlasten abbauen – also faule Kredite mit Verlust in der Bilanz abschreiben. Außerdem sollen die Banken bei der Bewältigung zuerst die eigenen Gläubiger in Anspruch nehmen. Er fordert auch ein verbessertes Insolvenzrecht und die Abschaffungen der Privilegien für Staatsanleihen, die es für Banken attraktiv machen, Staaten beim Schuldenmachen zu unterstützen.

Mit der Geldpolitik der EZB haben sich die bayerischen Genossenschaftsbanken inzwischen halbwegs arrangiert. Sie tun verstärkt das, was die EZB eigentlich in den Krisenländern bewirken wollte: Geld in die Wirtschaft pumpen. So reichen sie vermehrt Kredite aus. Die Kundenkredite wuchsen 2017 um 5,8 Prozent, die Kundeneinlagen nur um 3,5 Prozent. Das ist Balsam für die Bilanz. Denn jeder Euro Erspartes, der für Zinsen verliehen werden kann, muss nicht mit Negativ-Zinsen bei der EZB geparkt werden.

Dabei wuchs das Volumen der Firmenkundenkredite überproportional: Um 7,4 Prozent auf 46,3 Milliarden Euro. Es liegt damit trotz des Immobilienbooms nur noch knapp hinter den Privatkundenkrediten mit 47,0 Milliarden Euro. Das sei, so Gros, „auch das Resultat einer intensiven Marktbearbeitung“.

Immer mehr Anleger suchen ihr Glück bei Fondsanteilen

Dazu kommt: Immer mehr Anleger suchen nach Alternativen zum Sparbuch und kaufen Fondsanteile. 2017 stiegen bei den bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken das Kundendepotvolumen um 9,4 Prozent auf 44,7 Milliarden Euro. Dafür kassiert die Bank Provision. Unter anderem das hat zu einem Anstieg des Provisionsüberschusses der bayerischen Genossenschaftsbanken um 77 Millionen Euro geführt. Das konnte den erwartungsgemäß erneut gesunkenen Zinsüberschuss mehr als ausgleichen. Er ging nur um 70 Millionen Euro zurück. So stieg das Vorsteuerergebnis der bayerischen Volks und Raiffeisenbanken um 1,5 Prozent auf 1,48 Milliarden Euro.

Allerdings bezweifelt Gros – trotz „leichter Konsolidierung im Bereich der Zinsen“, dass dieses Kunststück wiederholt werden kann. „Wir stellen uns auf ein rückläufiges Betriebsergebnis ein.“

Es sind vor allem die sehr langfristigen Zinsen, die die Erwartung auf steigende Zinsen vorwegnehmen. Doch solche Geschäfte sind gewissermaßen eine Wette auf die Zukunft – etwas, das Genossenschaftsbanken meiden. Langfristige Kredite werden eher weitergereicht – etwa an Hypothekenbanken.

Auffällig dabei: Das in dieser Form betreute Kundenkreditvolumen der genossenschaftlichen Bausparkasse Schwäbisch Hall hat in Bayern um 16,1 Prozent zugelegt – auf 6,1 Milliarden Euro. Das hat aber nichts mit einer Renaissance des Bausparens zu tun, sondern mit purer Not. Die Bausparkassen müssen das Geld, das Kunden bei ihnen angespart haben und für das Zinsen gezahlt werden muss, irgendwie unterbringen – möglichst gebührenfrei. Und weil die Kunden lieber weitersparen und Zinsen kassieren anstatt Bauspardarlehen nachzufragen, haben die Bausparkassen gar keine Wahl. Sie müssen unter dem Druck der Niedrig-Zinsen auf das Geschäftsfeld der Immobilienfinanzierer ausweichen.

Martin Prem

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