"Das ist wie Autofahren im Nebel"

München - Die Hypothekenkrise in den USA lässt die Aktienmärkte weltweit beben, verunsichert Anleger und Unternehmen. Droht die nächste Rezession? Wir sprachen darüber mit Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der Bayerischen Landesbank.

- Die US-Hypotheken-Krise zieht Kreise. Scheinbar sichere Produkte bringen Banken in Schwierigkeiten. Sehen wir bisher nur die Spitze des Eisbergs?

Wir haben noch nicht den vollen Überblick. Wenn Banken, Versicherungen oder Investmentfonds ihre Zahlen zum dritten Quartal bekanntgeben, wissen wir viel mehr über das Ausmaß als heute. Doch die Krise im US-Hypothekenmarkt war nur der Auslöser. Im Grunde geht es um eine Anpassung der Risikoprämien in allen Marktsegmenten. Als alle Notenbanken sehr niedrige Leitzinsen hatten, waren die Zinsen für Staatsanleihen vielen Investoren zu gering. Diese suchten lukrativere Anlagen, deren Risiko oft unterschätzt wurde. Die entsprechenden Aufschläge sanken. Seit eineinhalb Jahren haben wir eine Umkehr der Geldpolitik im Euroraum. Inzwischen haben wir auch eine Normalisierung der Renditen am Staatsanleihemarkt. Jetzt steigen auch die Risikomargen auf normales Niveau.

- Nur eine Normalisierung, keine Krise?

Der Anpassungsprozess der Risikomargen verläuft nicht kontrolliert, sondern teilweise irrational. Das hat viel mit Angst zu tun, mit Herdenverhalten und ist sachlich nicht immer gerechtfertigt.

- Ist das jetzt das erwartete Platzen der Immobilienblase in den USA?

Wenn eine Blase platzt wie am Aktienmarkt 2000, treten große Wertverluste von 30 oder 40 Prozent auf. In den USA haben wir bei Wohnimmobilien einen sehr geringen Preisrückgang. Ein Platzen der Blase ist das nicht. Es ist fraglich, ob es überhaupt dazu kommt.

- Man hat den Eindruck, diese Krise hat die Finanzwelt weitgehend unvorbereitet getroffen.

Die neuen Anlageprodukte, um die es jetzt geht, wurden von den Rating-Agenturen offenbar mit zu guten Noten versehen. Viele sahen sich auf der sicheren Seite. So ist es schwer, einzelnen einen Vorwurf zu machen. Seit die Notenbanken begonnen haben, die Zinsen zu erhöhen, war klar: "Die Party ist vorbei". Das hat sich jetzt dramatisch entladen.

- Einige Beobachter sprechen von einer drohende Rezession als Folge für die Weltwirtschaft. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Das scheint mir übertrieben. Die meisten Notenbanken sehen - Stand heute - keine nennenswerte Gefahr für die Konjunktur. Die Unternehmensbilanzen sind solide. Wir sind in einem Aufschwung, der noch Jahre vor sich hat. Der Aufschwung wird von dem, was bisher bekannt ist, nicht aus dem Gleis geworfen. Aber es darf nicht mehr viel dazukommen. Wenn sich die Krise noch über Monate hinziehen oder gar verschärfen würde, kann es Auswirkungen auf die Konjunktur haben, da Banken dann weniger bereit sein würden, Kredit zu geben oder nur zu deutlich höheren Zinsen. Aber das ist zurzeit wie Autofahren im Nebel: Wir sehen die nächsten Meter, aber nicht weiter.

- Die US-Notenbank hat den Diskontsatz gesenkt. Beobachter rechnen mit weiteren Zinsschritten. Ist das angemessen?

Was die Fed gemacht hat, war ein kluger Schritt. Sie hat nicht den Leitzins gesenkt, sondern - befristet - den Diskontsatz, weil sie davon ausgeht, dass das ein Phänomen von einigen Tagen oder Wochen ist. Wenn sich die Krise verschärfen sollte, wird die Fed schon vor dem 18. September die Zinsen senken. Dann wird die EZB kaum eine Zinserhöhung vornehmen.

- Es gibt immer mehr Forderungen nach stärkerer Regulierung im Finanzsektor. Was halten Sie davon?

Die Finanzindustrie ist die höchstregulierte Branche - mit immensen Kosten. Hedge- Fonds haben sich der Regulierung weitgehend entzogen. Daran arbeiten die Regierungen international. Doch die USA und Großbritannien, die am meisten von den Hedge-Fonds profitieren, sperren sich. Mehr Transparenz wäre wünschenswert. Aber ich sehe wenig Chancen.

- Deutsche Anleger haben gerade wieder zögerlich Vertrauen in aktiennahe Investments gefunden. Das wird nun erneut erschüttert.

Wir stehen mit 7400 im Dax noch deutlich über dem Niveau von Ende 2006. Solange die Unternehmensgewinne so kräftig sprudeln, bleibt die Tendenz aufwärts gerichtet, auch wenn wir jetzt einmal eine längere Schwächephase haben. Es wäre falsch, jetzt zu verkaufen und Verluste zu realisieren. Ich würde dem Privatanleger aber auch nicht raten jetzt einzusteigen, denn es kann noch einmal einige hundert Punkte runtergehen, wenn wir neue Hiobsbotschaften hören. Aber wenn sich der Markt fängt, könnte man wieder neue Positionen aufbauen.

Das Gespräch führte Martin Prem

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