iHysterie ist wieder da

Das iPhone 5: Wo steckt das Ass?

München - Apple präsentiert sein neues iPhone – das fast genauso aussieht wie das alte. Dennoch wird es wieder ein Bestseller werden. Dabei sind andere Smartphones billiger – und nicht einmal schlechter.

Der Saal sieht immer noch so aus, als könnte Steve Jobs gleich reinkommen: eine schwarze, kahle Bühne, davor ein paar hundert Journalisten, alle mit Laptops, auf denen angebissene Äpfel leuchten. Doch der Mann, der die Bühne betritt, trägt keinen Rollkragenpullover, sondern ein Hemd. Und die Gläser seiner Brille sind eckig, nicht rund. Tim Cook, 51, muss auch ein Jahr nach dem Tod der Apple-Legende Jobs noch den Vergleichen standhalten. Die Technikwelt erwartet an diesem Mittwochabend in San Francisco Großes von Cook, dem Chef des wertvollsten Unternehmens der Welt. Ein neues iPhone soll er vorstellen, die Gerüchteküche brodelt seit Monaten: Wie wird es aussehen? Was wird es können?

Das ist das iPhone 5 - Bilder der Apple-Show

Das ist das iPhone 5 - Bilder von der Apple-Show

Überraschung: Nicht Cook gibt die Antworten, er plaudert nur ein wenig und verlässt wieder die Bühne. Dann kommt’s: Marketingchef Phil Schiller, grünes Hemd, gar keine Brille, stellt das iPhone vor. Das passt zur neuen Strategie: Nicht einer allein soll Steve Jobs ersetzen, sondern ein Team.

Sonst gibt es keine Überraschung. Das neue iPhone 5 hat einen größeren Bildschirm – wie erwartet. Es wird nur länger, nicht breiter – damit man es weiterhin mit einer Hand bedienen kann. Sonst sieht es fast aus wie sein ein Jahr alter Vorgänger, das iPhone 4S. Etwas flacher und leichter ist der Nachfolger. Und die Rückseite besteht nicht mehr aus Glas, sondern aus Aluminium.

Das Ass steckt also im Innern? Na ja. iPhone-Besitzer können nun die schnellere Datenübertragungs-Technik LTE nutzen. Erwartet. Die Kamera kann Panoramabilder aufnehmen, dazu kommt ein schnellerer Prozessor, ein neues Betriebssystem und ein paar neue Anwendungen. Das war’s.

Als Cook wieder die Bühne betritt, sagt er zwar, das sei die größte Veränderung, die dem iPhone jemals widerfahren sei. Doch was zählt so ein Satz schon im Vergleich zu dem, den Jobs 2007 bei der Präsentation des allerersten iPhones sagte? „Heute hat Apple das Telefon neu erfunden.“

Das iPhone 5 erfindet nicht mal das Smartphone neu. Die Experten sagen: Apple hat nur den technischen Vorsprung von Konkurrenten wie Samsung aufgeholt. Mehr nicht. Wichtiger ist für Apple: Ihre Telefone sind kinderleicht zu bedienen und schick. Die Fangemeinde ist riesig, sie wird dem Konzern auch das iPhone 5 aus den Händen reißen.

Eine Erfolgsgeschichte: Die bisherigen iPhone-Modelle

Eine Erfolgsgeschichte: Die bisherigen iPhone-Modelle

Da kann sich Apple Frechheiten leisten, für die andere abgestraft würden: Das neue iPhone wird eine andere Buchse als alle bisherigen Apple-Produkte haben, um es mit Computer, Steckdose oder Stereoanlage zu verbinden. Wer sich keine neue Anlage kaufen will, braucht einen Adapter. Den gibt es bei Apple – für 29 Dollar. Nur im Vergleich zum neuen iPhone, das 679 Euro kosten wird, ein Schnäppchen.

Analysten erwarten trotz allem einen Ansturm. Zwischen sechs und zehn Millionen neue iPhones, glaubt man bei der Investmentbank Piper Jaffray, könnte Apple schon an den ersten drei Tagen nach dem Verkaufsstart am nächsten Freitag verkaufen. Andere Banken sind zurückhaltender, tippen aber auch auf über fünf Millionen Stück. Die Hysterie steckt sogar nüchterne Banker an: Der Chefvolkswirt von JP Morgan Chase schrieb an Kunden seiner Bank, er halte es für möglich, dass das neue iPhone die US-Wirtschaft um 0,25 bis 0,5 Prozent wachsen lassen könnte. Kein Scherz.

Dass die Prognosen trotz minimaler Neuerungen zutreffen könnten, zeigt das Beispiel des Vorgängermodells. Damals waren alle erst mal enttäuscht, dass statt des erwarteten iPhone 5 nur ein leicht überarbeitetes iPhone 4S herauskam. Die Fans griffen trotzdem zu: Das Quartal nach dem Verkaufsstart im Oktober 2011 bescherte Apple auch dank des Weihnachtsgeschäfts einen Rekord. Mehr als 37 Millionen iPhones verkaufte der Konzern.

Seit Apple 2007 mit dem iPhone die Gattung Smartphones eingeführt hat, steht der Handymarkt kopf. Inzwischen wird laut einer Bitkom-Studie 93 Prozent des Umsatzes mit den intelligenten Telefonen gemacht, die Computer im Hosentaschenformat sind. „Inzwischen ist es schwierig, noch ein dummes Handy zu finden“, sagt Stefan Heng, Analyst der Deutschen Bank. Der wuchs laut Bitkom allein in Deutschland allein 2011 um 46 Prozent auf nun 7,9 Milliarden Euro. Im Schnitt geben die Deutschen heute 342 Euro für ein neues Smartphone aus.

Der Wettbewerb ist hart. Und: „Es hat sich ein Duopol gebildet“, sagt Heng. Die großen Zwei sind Apple und Samsung. Frühere Platzhirsche wie Nokia und Blackberry-Hersteller RIM, die den Smartphone-Boom verschlafen haben, kämpfen ums Überleben.

Zuletzt zog Samsung sogar an Apple vorbei (Grafik). Das liegt zum einen am Modell Galaxy S III, das als einzige echte Konkurrenz in der iPhone-Liga gilt. Der südkoreanische Konzern hat davon in den ersten hundert Tagen immerhin 20 Millionen Stück verkauft. Vor allem aber glückte das Überholmanöver, weil Gerüchte über das bevorstehende neue iPhone den Verkauf des alten Modells sinken ließen.

Andere Anbieter hinken hinterher. Facebook scheut den Kampf ganz und dementiert, ein eigenes Smartphone zu entwickeln. Google ist zwar gut im Markt vertreten, weil es das Betriebssystem Android liefert, das Samsung und andere nutzen. Googles Smartphone-Sparte Motorola ist aber weit abgeschlagen. Nokia versucht mit dem neuen Lumia-Modell 920 aufzuschließen.

Die einst übermächtigen Finnen kopieren, wie fast alle anderen, inzwischen Apples Produktpräsentation auf der großen Bühne. Nokia zeigte vor wenigen Tagen einen Film, der die Qualität der Handy-Kamera beweisen sollte. Später kam heraus: Der Werbefilm war mit einer Profikamera aufgenommen worden. Diese Trickserei kostet Apple nun aus. Auf einer Internetseite zum iPhone 5 heißt es: „Echte Bilder, die mit einem iPhone 5 aufgenommen wurden.“

Von Philipp Vetter

Rubriklistenbild: © ap

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