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Beistand für die Verzweifelten: In einem bunten Bauwagen haben die evangelische und die katholische Kirche eine Beratungsstelle eingerichtet.

Letzter Arbeitstag für 2000 Quelle-Mitarbeiter

Das Aus bei Quelle: „Das zieht einem den Boden weg“

Nürnberg - Mehr als 2000 Menschen hatten gestern bei Quelle ihren letzten Arbeitstag. Viele wurden erst in letzter Minute über die Entlassung informiert. Sie haben deshalb noch nicht einmal die notwendigen Papiere, um Arbeitslosengeld beantragen zu können.

Johann Rösch hätte nicht gedacht, dass seine Wut noch weiter wachsen könnte. Doch was den Quelle-Mitarbeitern nun zugemutet wurde, geht für den Gewerkschafter weit über den Ärger der vergangenen Wochen hinaus, in denen ohnehin schon „schief gelaufen ist, was schief laufen konnte“.

Ein Großteil der 2000 Menschen, die ab sofort keine Arbeit mehr haben, erfuhr dies erst am Freitag, dem letzten Arbeitstag, per Telefon. „Der Vorgang ist eine einzige Demütigung für die Beschäftigten, die teils jahrzehntelang ihre Arbeit bei Quelle gemacht haben“, sagt Verdi-Handelsexperte Rösch gegenüber unserer Zeitung. „Mit Wertschätzung hat so etwas nichts mehr zu tun.“

Auf dem Nürnberger Quelle-Gelände herrschten Verunsicherung und Verzweiflung. „Vielleicht habe ich heute meinen letzten Tag, vielleicht aber auch nicht“, meint ein 52 Jahre alter Mitarbeiter aus der Marketing-Abteilung des Versandhauses. „Ich gehe da jetzt rein und dann werde ich weitersehen.“ Zu den mehr als 4000 Beschäftigten, die der Insolvenzverwalter noch für die Abwicklung des Traditionsunternehmens brauche, werde er sicher nicht gehören. Sollte er heute noch die Freistellung bekommen, werde er sich gleich auf den Weg in das eigens im Quelle-Versandzentrum eingerichtete „Mini-Arbeitsamt“ machen.

„Niemand hier weiß, ob er am Montag kommen muss oder nicht“, klagt auch eine 45 Jahre alte Beschäftigte. Seit 29 Jahren arbeitet sie für Quelle, zuletzt im Einkauf. „Das ist keine Art der Behandlung“, sagt sie verzweifelt, den Blick starr zu Boden gerichtet, und fügt hinzu: „Ich fühle so viel Trauer. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es die Quelle nicht mehr gibt – sie gehört doch irgendwie dazu.“

„Ich bin nicht traurig. Ich bin einfach nur wütend!“, macht sich eine 40 Jahre alte Mitarbeiterin der Logistikabteilung Luft. Im Gegensatz zu vielen anderen weiß sie schon, dass sie sich am Montagmorgen nicht auf den Weg ins Büro machen muss. „Vor zwei Wochen bekam ich die Kündigung zum 31. Januar, jetzt die unbezahlte Freistellung zum 1. November.“ Ihre Gefühle nach 20 Jahren Arbeit für Quelle: „Das kann man nicht beschreiben. Das zieht einem den Boden unter den Füßen weg.“ Dazu komme, dass sie noch nicht einmal einen Antrag auf Arbeitslosengeld stellen könne, weil ihr die dazu notwendigen Papiere fehlten.

„Viele haben noch nicht ihre Arbeits- und Lohnbescheinigung“, bestätigt der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Mittelfranken, Stephan Doll. „Wenn der Herr Görg jetzt auch noch dafür verantwortlich ist, dass die Leute kein Geld bekommen, dann ist es hanebüchen.“ Er erwarte von dem Insolvenzverwalter, dass dieser die Personalabteilung verstärke. Nur so könnten den Gekündigten rasch die nötigen Papiere ausgestellt werden.

Auch die Arbeitsagentur übt harsche Kritik an der Arbeit von Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg. „Ein solches Vorgehen ist einmalig“, sagte die Leiterin der Nürnberger Arbeitsagentur, Elsa Koller-Knedlik. „Wir waren dadurch gezwungen, sehr viele pragmatische Lösungen zu finden“, ergänzt Rainer Bomba, Leiter der BA-Regionaldirektion Bayern. Ziel sei es, die Anträge rasch zu bearbeiten, damit die Zahlung des Arbeitslosengeldes für November sicher gestellt sei. Wer feststelle, dass er doch noch nicht entlassen werde, könne seine „Arbeitslos-Meldung“ problemlos wieder zurückziehen, sagt Bomba.

Nicht nur die Beamten der Arbeitsagentur, auch die Seelsorger haben in Nürnberg derzeit viel zu tun. Mit einem bunten Bauwagen, der im Inneren zu einem kleinen Gotteshaus mit Altar umfunktioniert wurde, stehen Manfred Feulner vom evangelischen „Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt“ und seine katholischen Kollegen seit drei Tagen vor dem Quelle-Versandzentrum.

„Es ist wirklich Trauerarbeit angebracht“, erklärt der 47-Jährige. Nach zig Jahren für das Unternehmen seien die Menschen über Nacht in existenzielle Nöte gestürzt worden. Immer wieder würden Quelle-Beschäftigte die Stehtische an dem kleinen Bauwagen aufsuchen und bei einer Tasse Kaffee über ihre Ängste und Sorgen sprechen, erzählt er betroffen. „Es ist ein Panorama der Grausamkeiten, das man hier sehen kann.“

Andreas Zimniok / Ira Kugel

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