Deflation oder nicht? Der Streit über Deutschlands Zustand

- München - Der Streit um eine Deflationsgefahr in Deutschland spitzt sich zu. Experten und Politiker sehen die Gefahr einer anhaltenden Lähmung durch sinkende Nachfrage bei niedrigen Preisen äußerst unterschiedlich - selbst in der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) gehen die Meinungen auseinander.

<P>Bundesfinanzminister Hans Eichel hielt gegenüber der "Welt am Sonntag" daran fest: "Wir haben keine Deflation. Das ist unverantwortliches Gerede. Deflation gibt es nur, wenn die Preise auf breiter Front fallen. Sowohl die Europäische Kommission, die EZB, wie die G7-Finanzminister sehen keine Deflationsgefahr."<BR><BR>Diesen Zweck-Optimismus kritisierte Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank: "Wer die Sorge vor einer Deflation wegwischt, ist in meinen Augen leichtfertig", sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag". Der Euro werde weiter steigen und Druck auf die Preise ausüben. "Ich halte dies für eine wirklich dramatische Entwicklung, die tief greifende ökonomische und gesellschaftliche Folgen hat", warnte der Bank-Experte.<BR><BR>Das Direktoriumsmitglied der EZB, Ottmar Issing, sieht keine Beweise für eine derartige Gefahr. Issing sagte dem Nachrichtensender N-TV, eine Deflationsgefahr sei real nicht vorhanden, die EZB habe aber alle Möglichkeiten, gegebenenfalls rasch mit Zinssenkungen zu reagieren.<BR><BR>Das Mitglied im Rat der EZB, Yves Mersch, wiederum befürchtet, dass Deutschland in die Deflation rutscht. "Es kann durchaus sein, dass Deutschland in den kommenden zwölf Monaten eine Deflation bekommt", sagte der luxemburgische Notenbank-Präsident der "Welt am Sonntag". "Eine Deflation wird aber vermutlich nur von vorübergehender Dauer sein", sagte Mersch. Für die gesamte Euro-Zone bestehe hingegen keine Deflationsgefahr.<BR><BR>Der EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Pedro Solbes sagte der spanischen Zeitung "El Pais" (Sonntagsausgabe), die Gefahr einer Deflation bestehe in der EU derzeit nicht, auch nicht in Deutschland. "Wir müssen diesen Aspekt genau im Auge behalten. Aber im jetzigen Augenblick ist dies kein Thema, das Anlass zu besonderer Sorge gibt."<BR><BR>Die gegenwärtige Stärke des Euro zum US-Dollar ist nach Einschätzung von EZB-Direktoriumsmitglied Issing im wesentlichen eine "Korrektur", nachdem der Euro in der Startphase gegenüber dem Dollar "fast abgestürzt" sei. "Wir sind jetzt wesentlich näher an der Normalität als vor zwei Jahren". Auf die Frage, ob eine Aufwertung des Euro anstehe, antwortete Issing: "Das weiß ich nicht, und wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sagen".<BR><BR>Der steigende Kurs des Euro kann nach Ansicht des Chefvolkswirts des Allianz-Konzerns, Michael Heise, einen Wachstumsschub in Deutschland auslösen. "Die privaten Haushalte haben durch die Euro-Aufwertung mehr Kaufkraft. Und dieser Effekt beinhaltet auch eine Chance für die deutsche Wirtschaft", sagte Heise der "Berliner Zeitung". Auf Grund des gesunkenen Preisdrucks wegen des starken Euro rechnet Heise mit einer baldigen Zinssenkung der EZB: "Ich gehe davon aus, dass die EZB Anfang Juni die Zinsen noch einmal um einen viertel Prozentpunkt senkt", sagte Heise. "Das wiederum könnte dazu beitragen, den Euro-Anstieg zu bremsen". Der Zinssatz liegt derzeit bei 2,5 Prozent.</P>

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