"Der Aufschwung ist lange nicht vorbei"

München - Der Euro ist teuer wie nie zuvor, der Ölpreis klettert rasant und der Deutsche Aktienindex hat erst vor wenigen Tagen mit 8151,57 Punkten ein Rekordhoch erreicht. Über turbulente Märkte und die Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft äußerte sich Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der Bayerischen Landesbank, im Redaktionsgespräch.

Gerade hatte der Deutsche Aktienindex sein Rekordhoch erreicht. Jetzt liegt er wieder unter 8000 Punkten. Wo wird der Dax am Jahresende stehen?

Wir glauben, dass der Markt aufwärts gerichtet bleibt. Wir haben einen robusten Aufschwung in Deutschland und im Euroraum. Die Weltwirtschaft befindet sich in der kräftigsten Wachstumsphase seit über 40 Jahren. Das setzt sich 2007 und 2008 nach fast allen Einschätzungen fort. Zudem haben wir tendenziell eine sehr positive Entwicklung der Unternehmensgewinne. Und wir haben ein Zinsniveau am Rentenmarkt, das in keiner Weise eine Bedrohung für den Aktienmarkt darstellt. Insofern sind die Bedingungen dafür, dass der Aktienmarkt weiter steigt, intakt. Wir prognostizieren für den Dax 8300 Punkte zum Ende dieses Jahres und 8500 für die Jahresmitte 2008.

Einige Marktbeobachter sprechen sogar schon von 9000 Punkten. Wären das nicht wieder Übertreibungen wie im Börsenboom zum Jahrtausendwechsel?

Der entscheidende Unterschied zum Jahr 2000, in dem wir ähnliche Kursniveaus hatten, ist, dass damals der Dax den Unternehmensgewinnen weit vorausgelaufen war. Wir hatten eine Marktübertreibung. Inzwischen sind die Unternehmensgewinne so stark gestiegen, dass der Dax eigentlich nur zögerlich den Gewinnen folgt.

Dazu kommt ein weiterer Aspekt: Damals war die Rally im Dax von wenigen Werten ­ im Wesentlichen Telekom, Mannesmann und Siemens ­ getragen. Das war eine ungesunde Entwicklung. Heute haben wir eine sehr viel breiter angelegte und fundierte Entwicklung.

Wir glauben, dass es weiter aufwärtsgeht, wenn auch mit größeren Kursschwankungen. Allerdings müssen dazu die Grundvoraussetzungen erfüllt bleiben, der Aufschwung muss sich fortsetzen, die Zinsen dürfen nicht massiv über das derzeitige Niveau steigen und der Dollar nicht noch deutlich schwächer werden.

Der Euro erreicht ständig neue Rekordstände zum Dollar. Wie schmerzhaft ist das für die deutsche Wirtschaft?

Das Nachfragewachstum in der Welt nach deutschen Produkten ­ also die Weltkonjunktur ­ ist wesentlich wichtiger für unseren Exporterfolg als der Wechselkurs. 60 Prozent der Exporte bleiben innerhalb Europas. Da kümmert uns der Dollar wenig. Innerhalb der nächsten zwei bis drei Monate erwarten wir einen Anstieg des Euro auf knapp über 1,40 Dollar. Aber durch die geringe Eintrübung der Wettbewerbsfähigkeit sind wir wenig beunruhigt.

Auch der steigende Ölpreis belastet. Inzwischen liegt er um 75 Dollar pro Barrel.

Der Ölpreis hat seit 2005 eine ausgeprägte Saison im Jahresverlauf. 2005 gab es im Spätsommer die Wirbelstürme im Golf von Mexiko, die die Ölförderung beeinträchtigt haben, was zu dieser Zeit zu Preissteigerungen führte. Im Jahr 2006 haben die Preise diese Entwicklung nachvollzogen, weil man befürchtete, das könnte wieder passieren. Gegen Ende des Jahres ­ als klar wurde, die Wirbelstürme haben nicht erneut zu Beeinträchtigungen bei der Ölförderung geführt ­ ging der Preis deutlich runter. Heuer könnte sich ein ähnliches Bild zeigen und der Ölpreis im Herbst wieder sinken, sofern nicht erneut Schäden durch Wirbelstürme auftreten.

Angebot und Nachfrage im Ölmarkt sind kurzfristig relativ unflexibel. Aber es wäre ein großer Fehler zu sagen, hohe Preise wirken nicht. Sie wirken sehr wohl nachfragedämpfend und angebotsanregend. Deshalb glaube ich, dass wir bis 2010 ­ selbst wenn es solange einen Aufschwung in der Welt gibt ­ die Chance haben, beim Ölpreis in Richtung 50 Dollar zurückzukommen, sofern sich geopolitische Konflikte nicht ausweiten.

Ölkonzerne gehen davon aus, dass der fundamentale Preis in der Größenordnung von 40 bis 45 Dollar liegt. Der Rest ist eine Risikoprämie dafür, dass die Versorgung unsicher ist, dass es geringe freie Kapazitäten gibt und dass sich tendenziell das Angebot zugunsten der Länder verschiebt, die wir als politisch weniger zuverlässig ansehen. Wir sind schon besorgt wegen des starken Ölpreis-Anstiegs von 55 Dollar zu Jahresbeginn auf jetzt über 75 Dollar. Natürlich leidet die Weltwirtschaft unter steigenden Energiepreisen. Realwirtschaftlich ist das ein Bremseffekt.

Aktuelle Konjunkturdaten deuten darauf hin, dass die höchsten Wirtschaftswachstumsraten schon wieder vorbei sind.

Die höchsten Wachstumsraten haben wir in der Tat hinter uns, das war im vergangenen Jahr. Aber das heißt nicht, dass der Aufschwung vorbei ist. Wir haben etwa 2,5 Prozent Wachstum im ersten Halbjahr 2007 und ich denke, dass das jetzt die mittelfristige Perspektive ist. Der Aufschwung wird meiner Einschätzung nach frühestens 2009 seinen Höhepunkt erreichen, in dem Sinn, dass der gesamtwirtschaftliche Auslastungsgrad dann seinen Höhepunkt erreicht.

Zusammengefasst von Dominik Müller.

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