Hafen von Rotterdam, Öltanker vor Öltanks
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Umschlagplatz Rotterdam: Zwei Öltanker des Shell-Konzerns, im Hintergrund Öltanks im Hafen.

INTERVIEW - Commerzbank-Experte Eugen Weinberg über das Auf und Ab an den Rohstoffmärkten

„Der Ölpreis spielt beim Tanken keine Rolle“

  • Sebastian Hölzle
    vonSebastian Hölzle
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Nach dem beispiellosen Absturz vor einem Jahr hat sich der Ölpreis rasant erholt. Rohstoffanalyst Eugen Weinberg von der Commerzbank erklärt die Hintergründe sowie die Folgen für Autofahrer und Heizölkäufer.

Vor einem Jahr ist der Ölmarkt regelrecht kollabiert, jetzt erholt sich der Preis überraschend schnell. Was sind die Ursachen für das Auf und Ab?

Zum einen war der Preisrückgang vor einem Jahr viel zu stark. Jetzt erleben wir genau das Gegenteil, nämlich eine Übertreibung nach oben – wenn auch nicht in dem Ausmaß wie vor einem Jahr.

Wie kommt es dazu?

Zum einen hat sich die Nachfrage nach Öl überraschend schnell erholt. Genaugenommen müsste man sagen: Es herrscht am Markt die Erwartung vor, dass sich die Nachfrage jetzt schnell wieder erholt. Manche Marktbeobachter gehen davon aus, dass zum Jahresende auf der Nachfrageseite wieder das Vorkrisenniveau erreicht sein wird – das ist bereits jetzt am Markt eingepreist.

Das heißt, sollten die Impfkampagnen stocken oder neue Mutationen das Wirtschaftswachstum bremsen, dämpft das die Erwartung und der Ölpreis sinkt wieder?

Natürlich ist das denkbar, falls die Stimmung wieder kippt. Am Markt wird nicht auf Basis der Vergangenheit oder der Gegenwart gehandelt, sondern immer mit Blick auf die Zukunft. Selbst wenn die Impfkampagnen in Europa hinter ihren Erwartungen zurückbleiben sollten, wird sich das auf den Ölpreis nicht auswirken.

Im Jahr 2030 wird die Rohölnachfrage ihr Maximum erreichen.
Damit ist das Ende der Ölzeit eingeläutet.

Warum nicht?

Die europäische Ölnachfrage ist gemessen an der globalen Nachfrage mittlerweile extrem unbedeutend, der Anteil liegt zwischen zwölf und 15 Prozent. Selbst alle OECD-Länder zusammen machen nicht einmal 45 Prozent der weltweiten Ölnachfrage aus – obwohl die USA noch immer der größte Ölverbraucher sind. Zudem ist der jüngste Anstieg des Preises auch stark durch Anleger bestimmt.

Was ist passiert?

Insbesondere im letzten Jahr haben die Zentralbanken für eine massive Ausweitung der Liquidität gesorgt. Das Geld fließt aber nicht nur in die Realwirtschaft, sondern auch in die Rohstoffmärkte. Das treibt den Ölpreis weiter nach oben.

Der Preis ist nicht nur eine Folge der Nachfrage, sondern auch des Angebots. Wie sieht es auf der Seite der Ölproduzenten aus?

Beim aktuellen Preisanstieg spielen sie eine entscheidende Rolle: Das Rohölangebot wird künstlich knapp gehalten, weil es innerhalb der Opec gerade eine sehr gute Förderdisziplin gibt. Genaugenommen geht es um die Opec-Plus-Staaten, also die Opec-Länder gemeinsam mit Russland, Kasachstan und weiteren Partnerländern. Acht Millionen Barrel Tagesproduktion werden dem Markt derzeit vorenthalten.

Noch vor wenigen Jahren wurde das Ende der Opec vorhergesagt – jetzt erscheint sie als Opec Plus schlagkräftiger denn je.

Das ist tatsächlich eine der größten Überraschungen. Kaum jemand hat damit gerechnet, dass sich die Opec-Länder in der Krise so diszipliniert verhalten. Normalerweise würden sie ein Drittel der weltweiten Ölproduktion ausmachen, mit Russland und den anderen Opec-Plus-Ländern sogar 40 Prozent. Aktuell produzieren sie aber deutlich weniger. Ebenfalls überraschend ist, dass in den USA die Schieferölindustrie diese Lücke nicht füllt.

Dabei ließe sich die Fracking-Förderung eigentlich schnell ausdehnen.

Ja, aber dennoch blieb die Antwort der US-Schieferölindustrie auf die Opec-Drosselung aus. Dabei waren die US-Produzenten in den vergangenen Jahren eigentlich der große Opec-Killer. Drosselte die Opec die Förderung, sprangen die US-Firmen ein.

Was ist jetzt anders?

Die großen Schieferölproduzenten haben es nie geschafft, profitabel zu wirtschaften, dazu waren die Ölpreise immer zu niedrig. Jetzt fordern die Aktionäre Finanzdisziplin und nicht Bohrungen um jeden Preis. Lediglich kleine Produzenten in den USA wollen die Produktion ausweiten, bei einem Ölpreis um die 60 Dollar sind sie profitabel. Aber damit wird noch lange nicht die Drosselung durch die Opec kompensiert.

Zwei Wochen vor Ostern standen große Öltanker im Suez-Kanal im Stau. Werden die Auswirkungen noch weit ins Frühjahr spürbar sein?

Wir in Europa machen uns die Welt, wie
sie uns gefällt, um es einmal mit Pippi Langstrumpf zu sagen.

Noch vor wenigen Wochen hätte eine solche Sperrung des Kanals den Ölpreis enorm in die Höhe getrieben. 15 Millionen Barrel Rohöl, also 15 Prozent der weltweiten Produktion, werden pro Woche durch den Suez-Kanal transportiert. Hinzu kommen Ölprodukte.

Trotzdem war die Preisreaktion verhalten.

Einige spekulativ eingestellte Anleger hatten ihre Wetten auf steigende Preise bereits einige Tage vor der Sperrung reduziert. Das hat am Markt zu Gewinnmitnahmen geführt, die Preise gerieten unter Druck. Wegen der negativen Stimmung an den Märkten hatte der Stau kaum Auswirkungen auf den Preis.

Aber führt es nicht ganz real zu Problemen, wenn die Raffinerien in Europa zu spät beliefert werden?

Nein. Die Lagerbestände sind hoch. Das Rohöl wird jetzt einfach ein paar Tage später geliefert, für die Industrie ist das kein Problem. Hinzu kommt, dass die Nachfrage in Europa nach wie vor sehr verhalten ist.

Weil wegen steigender Infektionszahlen die Osterreisewelle auf den Autobahnen ausbleibt und die Fluggesellschaften kaum Kerosin nachfragen?

Es ist gar nicht so sehr der Straßenverkehr. Handel und Logistik benötigen weiterhin Diesel und wegen der Pandemie sind viele Menschen, die sonst in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, aufs Auto umgestiegen. Entscheidend sind tatsächlich die weggefallenen Flugreisen, die liegen immer noch unter einem Drittel des Normalniveaus. Und Flugbenzin hat an der weltweiten Ölnachfrage einen Anteil von acht Prozent, das sind Millionen von Barrel.

Wie wirkt sich das Auf und Ab an den weltweiten Rohstoffmärkten ganz konkret auf die Preise an der Tankstelle und auf den Heizölpreis aus?

Fast gar nicht. Beim Tanken spielt der Ölpreis praktisch keine Rolle mehr, Den größten Anteil haben Steuern und Abgaben. Zum Jahresbeginn hat man zwar gesehen, dass sich die Preise beim Tanken um zehn bis 15 Prozent nach oben bewegt haben, das lag aber weniger an der Erholung der Rohölpreise, sondern hing vielmehr mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent zusammen und der neu eingeführten CO2-Abgabe.

Die politische Idee hinter der CO2-Abgabe ist, dass ein höherer Preis alternative Technologien attraktiver machen soll. Gleichzeitig gibt es eine OECD-Studie, die davon ausgeht, dass die weltweite Ölnachfrage in den kommenden Jahrzehnten weiter zulegen wird – Bevölkerungswachstum und die Aufholjagd in China und Indien gelten als Gründe. Verpuffen damit nicht die CO2-Einsparungen in Deutschland und Europa?

Die OECD liegt hier richtig. Länder wie China oder Indien haben einen enormen Nachholbedarf, das wird die globale Ölnachfrage weiter befeuern. Wir in Europa machen uns dagegen die Welt, wie sie uns gefällt, um es einmal mit Pippi Langstrumpf zu sagen – wir leben hier völlig losgelöst von der Realität in Asien. Man kann nicht CO2 reduzieren, gleichzeitig die Stromkosten senken und dann noch genug Energie produzieren, das geht nicht.

Selbst wenn die weltweite Nachfrage nach Rohöl steigt: Wird parallel auch die Produktion ausgeweitet? Für den CO2-Ausstoß ist die geförderte Ölmenge entscheidend.

Mexiko, Brasilien, Russland, Aserbaidschan, Kasachstan, selbst Norwegen: All diese Länder möchten in den kommenden Jahren mehr produzieren. Die Opec hält aktuell zwar acht Millionen Barrell Tagesproduktion zurück, es könnte aber passieren, dass sie diesen Marktanteil gerade für immer verloren hat, wenn demnächst die Konkurrenten in die Lücke springen. Langfristig wird die Produktion mit der steigenden Nachfrage daher Schritt halten.

Geht das ewig so weiter?

Wir rechnen damit, dass die Rohölnachfrage im Jahr 2030 ihr Maximum erreichen wird. Nicht etwa, weil es kein Öl mehr gibt, sondern weil sich alternative Technologien dann allmählich durchsetzen. Damit ist das Ende der Ölzeit eingeläutet.

Interview: Sebastian Hölzle

Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank

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