"Der Streik hat sich gelohnt"

- Nach harten Tarifverhandlungen begleitet von wochenlangen Streiks haben sich die Deutsche Telekom und die Gewerkschaft Verdi auf einen Kompromiss verständigt, der unter den Beschäftigten der Telekom weiter für Diskussionen sorgt. Wir sprachen mit dem Verhandlungsführer von Verdi, Lothar Schröder, über den Kompromiss, Vermittlungsprobleme und die nächste Urabstimmung.

Sie sind unterwegs auf Überzeugungstour bei der Basis. Haben Sie Angst davor, dass die Mitglieder Ihnen vorwerfen, schlecht verhandelt zu haben?

Nein, ich habe eher die Befürchtung, dass das Tarifergebnis gar nicht bekannt ist, weil in der Öffentlichkeit ein falsches Bild gezeichnet wird. Die Gehälter der Telekom-Beschäftigten sind sicher. Dass die Gehälter um 6,5 Prozent gesenkt werden, das trifft für die vorhandenen Beschäftigten nicht zu. Wir haben ein Modell mit der Telekom verabredet. Das sieht Einkommenssicherungen vor, die den Menschen mit auf den Weg in die neuen Gesellschaften gegeben werden. Die sinken dann im Laufe der Zeit, aber künftige Tarifrunden werden dagegengerechnet, so dass es letztlich stabil beim gegenwärtigen Einkommen bleibt.

Von Ihren Mitgliedern kommt bislang dennoch viel Kritik. Viele fragen sich, hat sich der Streik überhaupt gelohnt?

Ich glaube, der Streik hat sich sehr wohl gelohnt. Die Telekom hätte sich überhaupt nicht bewegt. Wenn wir nicht gestreikt hätten, dann würden die Beschäftigten übernächste Woche mit 12 Prozent weniger Lohn in die neuen Gesellschaften gehen. Wir hätten keinen Kündigungsschutz, wir hätten keine Standortsicherungsmechanismen, wir hätten ein Tarifniveau, das weitaus niedriger liegt als das, was wir jetzt verabredet haben.

Was war der härteste Brocken, den Sie haben schlucken müssen?

Die einzig wirklich schmerzhafte Sache ist die Verlängerung der Arbeitszeit. Aber da gibt‘s ein Trostpflaster in Form zusätzlicher Qualifizierungsmaßnahmen, das die Beschäftigten bisher nicht hatten. Sie haben jetzt Qualifizierungsansprüche, die ihnen neue Berufswege und neue Möglichkeiten bieten. Aber das allen zu vermitteln, ist eine Herkulesaufgabe und in der sind wir gerade unterwegs.

Haben die Telekom-Chefs Sie nach dem Verhandlungsmarathon davon überzeugen können, dass die Ausgliederung in die T-Service-Gesellschaften wirklich notwendig ist?

Davon bin ich überhaupt nicht überzeugt, nach wie vor nicht. Ich frage mich, wie die Telekom in den drei Gesellschaften den Service besser machen will, wenn sie´s in einer schon nicht richtig hingekriegt hat. Allerdings konnten wir uns in der Frage, ob ausgelagert wird, nicht durchsetzen. Da blieb nur, auf dem Weg in die neuen Gesellschaften die Bedingungen für die Beschäftigten abzusichern. Und das ist uns recht ordentlich gelungen.

Am Freitag ist die Urabstimmung über den Tarifkompromiss. Halten Sie es für möglich, dass die Mitglieder die Einigung ablehnen?

Nein, das glaube ich nicht. Wir sind bis Freitag in sechs regionalen Veranstaltungen unterwegs. Und wir nehmen uns reichlich Zeit, den Streikenden zu erklären, wie der Kompromiss im Detail aussieht. Wir waren gestern in Köln, heute sind wir in Stuttgart, morgen in Ingolstadt.

Und wie war die Stimmung in Köln?

Die war anfangs etwas angespannt. Weil die Leute bisher nur mitbekommen haben, was die Telekom verbreiten ließ: Löhne runter und Arbeitszeit hoch. Aber nachdem wir ihnen erläutert haben, wie die Beschäftigten abgesichert sind, hat sich das Stimmungsbild um 180 Grad gedreht.

Wenn es nun doch zu einer Ablehnung durch die Basis kommen sollte, wie geht es dann weiter?

Dann starten die neuen Servicegesellschaften. Nur dass sie dann auf niedrigerem Lohnniveau starten. Den Betriebsübergang betreibt die Telekom nach wie vor, gegen die Beschäftigten, gegen die Betriebsräte, gegen Verdi. Und sie hat keinen Hehl daraus gemacht, dass sie das durchziehen wird. Und ich muss annehmen, dass die Telekom, sollte die Urabstimmung negativ ausfallen ­ was ich nicht glaube ­ an diesen Plänen festhält.

Das Gespräch führte Corinna Maier.

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