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Das erste von vielen Desertec-Projekten soll schon im kommenden Jahr in Marokko gebaut werden. Aussehen könnte es wie das hier gezeigte Solarkraftwerk in der Mojave-Wüste in Kalifornien

Desertec: Erster Wüstenstrom kommt schon 2014

Kairo - Lange war es nur eine Vision, jetzt wird es Realität: 2012 will die Wüstenstrominitiative Desertec in Marokko das erste Solarkraftwerk bauen. Wie es danach weitergeht, darüber diskutierten Experten bei einer Konferenz in Kairo.

Erneuerbare Energien? Strom aus der Wüste für Europa? Nein, der junge ägyptische Taxifahrer hat davon nichts gehört. Hamdy plagen ganz andere Sorgen. Hupend bahnt er sich einen Weg durch die verstopften Straßen. „Immer weniger Touristen kommen nach Kairo“, klagt Hamdy. Angst macht ihm daher nicht die Energieversorgung der Zukunft, sondern wie er jetzt im Alltag über die Runden kommt.

Während Taxifahrer Hamdy und seine Kollegen mühsam auf den Straßen ihr Geld verdienen, diskutieren rund 300 Vertreter von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in einem Luxushotel mitten in Kairo über neue Perspektiven für Nordafrika. Ihre Vision: Sonnenstrom in der Wüste erzeugen und nach Europa transportieren. Die Idee bietet beiden Seiten Vorteile: Neue Solarkraftwerke schaffen Arbeitsplätze in der Region – und Europa bekommt eine neue Bezugsquelle für sauberen Strom.

Im Oktober 2009 hat sich die Industrieinitiative Desertec (DII) gegründet. Ihr gehören namhafte Unternehmen wie Munich Re, Siemens, Eon, RWE und Deutsche Bank an. Vor einem Jahr trafen sich die Beteiligten zu einer ersten Bilanz in Barcelona. In diesem Jahr ist es Kairo – und symbolträchtiger könnte der Konferenzort kaum liegen. Nur wenige Meter trennen das Hotel vom Tahrir- Platz. Auf dem sechsspurigen Verkehrsknoten demonstrierten Anfang des Jahres Hunderttausende gegen Präsident Husni Mubarak.

Der arabische Frühling hat Desertec kräftig angeschoben. „Das Interesse an erneuerbaren Energien ist deutlich gestiegen“, sagt Paul van Son, Chef der Wüstenstrominitiative DII. Das bestätigt auch Ägyptens Energieminister Hassan Younes. Das Land am Nil hat ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2020 soll der Anteil der erneuerbaren Energien auf 20 Prozent steigen. Stolz zählt Younes auf, wo bereits Solarkraftwerke im Land entstehen. Ägypten werde ein „neues Zentrum“ für erneuerbare Energie, verspricht der Minister selbstbewusst.

Paul van Son nickt zustimmend. Das klare Bekenntnis zu grünem Strom zeigt, dass sich sein mühsames Werben für das Wüstenstromprojekt gelohnt hat. Dabei sah es Anfang des Jahres ganz anders aus. Als die Protestwelle erst die Machthaber in Tunesien und dann auch in Ägypten wegspülte, prophezeiten Skeptiker bereits das Ende des Mammutprojekts oder zumindest jahrelange Verzögerungen.

Aber Desertec macht große Fortschritte. Bereits 2012 soll das erste Solarkraftwerk in Marokko entstehen. „Die nötige Unterstützung bei Politik und Investoren haben wir gesichert“, sagt van Son. Die Kapazität beziffert der DII-Chef auf 500 Megawatt – das entspricht etwa der Hälfte eines Atomkraftwerkes. Zunächst ist eine Leistung von 150 Megawatt geplant. Der erste Strom könnte 2014 nach Europa fließen. Bereits in der ersten Ausbaustufe sind Investitionen von bis zu 600 Millionen Euro nötig.

Bunte Grafiken präsentiert van Son den zwei Dutzend europäischen und arabischen Journalisten. Europa ist blau markiert, Nordafrika und der Nahe Osten braun. Bei der ersten Karte gibt es nur zwei Pfeile vom braunen Süden in den blauen Norden, mit jedem Bild werden es mehr. Die Grafiken sind van Sons dreistufiger Zukunftsplan. Bis 2020 entstehen in Marokko, Tunesien und Algerien Pilotkraftwerke. In der zweiten Phase kommen weitere Anlagen in Nordafrika hinzu. Spätestens 2035 hat sich der Wüstenstrom fest auf dem Markt etabliert, erwartet van Son. „Ziel ist es, möglichst rasch ohne staatliche Unterstützung auszukommen.“

Vorerst geht aber nichts ohne Hilfen aus Berlin und Brüssel. Seit Monaten pendelt Aglaia Wieland daher zwischen Europa und Nordafrika. Die Strategiechefin von Desertec verhandelt über Kredite und Bürgschaften. Details sind noch geheim. Bis Ende des Jahres soll die Finanzierung stehen.

Auch zwei Jahre nach dem Start betritt Desertec Neuland – und stößt auf Skepsis. Über den überraschenden Atomausstieg in Deutschland hätten viele in Brüssel gespottet, erzählt Angelika Niebler, CSU-Abgeordnete im Europaparlament. „Inzwischen beobachten sie ganz genau, ob die Energiewende funktioniert.“ Niebler wirbt daher auch bei ihren Kollegen für Desertec. „Es ist ein visionäres Projekt. Aber ich mag Visionen.“

Vorbehalte in Brüssel, neue Machtstrukturen in Nordafrika – wo sind die Verhandlungen schwieriger? Strategiechefin Wieland will sich nicht festlegen, spricht diplomatisch von konstruktiven Gesprächen. Die frühere Unternehmensberaterin weiß, dass es noch ein weiter Weg ist, bis van Sons ambitionierter Zukunftsplan Wirklichkeit wird.

Die Finanzierung des ersten Kraftwerks ist noch die kleinste Hürde. Wie kommt der grüne Strom aus Nordafrika nach Europa? Bisher gibt es nur eine Verbindung – und die verläuft zwischen Spanien und Marokko. Doch die Leitung dürfte rasch an ihre Grenzen stoßen. Neue Kabel müssten verlegt werden. Wer entscheidet allerdings über den Netzausbau? Und wem gehören die neuen Trassen? Die privaten Investoren lassen sich offenbar von den offenen Fragen nicht abschrecken. Zumindest für das Pilotkraftwerk in Marokko stehen sie bereit. Dies ergab eine Umfrage unter den mehr als 50 DII-Partnern. Als Lehre aus der Finanzkrise würden viele verstärkt in die Realwirtschaft investieren, sagt Ernst Rauch, DII-Projektleiter bei Munich Re. „Marokko gehört zu den stabilsten Ländern Nordafrikas.“ Das Risiko sei durchaus überschaubar.

DII-Strategiechefin Wieland sitzt vor dem Tagungssaal in einem tiefen Armsessel. Dutzende Interviewfragen hat die 36-Jährige schon beantwortet. Ihre Euphorie für das Wüstenstromprojekt ist nicht gewichen. Ganz zum Schluss sagt sie allerdings einen Satz, den man bei ihrer Begeisterung nicht so recht glauben mag. Sie wünsche sich, dass Desertec schon bald von alleine laufe. „Und wir alle überflüssig sind.“

Steffen Habit

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