Deutsche Aktien setzen zum Endspurt an

München - Der Ölpreis, Rezessionsängste und die Kreditkrise hielten den deutschen Aktienmarkt zuletzt im Würgegriff. Doch nun hellt sich die Stimmung nochmal auf. Mancher Anlageprofi rüstet sich zumindest für eine kleine Jahresendrally.

Auch wenn es oft nicht so aussieht: Es gibt sie, die kleinen Gesetzmäßigkeiten und Regeln, die das Geschehen an den Börsen häufig verblüffend exakt vorhersagen. Eine davon lautet "sell in May and go away". Der Spruch legt Anlegern nahe, seine Papiere im Wonnemonat abzustoßen, weil dann die Kurse oft fallen. Ganz anders verhält es sich in der Regel zum Ende des Jahres: In den Wochen vor Silvester gewinnen Aktien häufig deutlich an Wert. Professionelle Investoren sprechen von einer "Jahresendrally".

In den vergangenen Jahren war ein finaler Kurs-Spurt regelmäßig zu beobachten. Der Dax etwa, der als Leitindex die Kurse der größten deutschen Aktiengesellschaften wiedergibt, legte 2004, 2005 und 2006 zwischen Anfang November und Ende Dezember jeweils um mindestens fünf Prozent zu (siehe Charts). Gleichzeitig zogen die Kurse auch an den internationalen Märkten teils deutlich an: Der US-amerikanische S&P 500 gewann beispielsweise 2004 rund sieben Prozent; ein Jahr später kletterte der japanische Nikkei um satte 16 Prozent.

Aber nicht nur in den guten Börsenphasen ziehen die Aktien zum Jahresende an. Auch als es nach dem Millennium am Neuen Markt brannte, bäumten sich die Kurskurven im Spätherbst und in der Vorweihnachtszeit teils noch einmal auf. Grund dafür ist unter anderem, dass Fondsmanager durch Käufe Kurspflege betreiben und Zinserträge angelegt werden. Eberhard Weinberger, Mitglied im Vorstand der Münchner Vermögensverwaltung Jens Erhardt, sagt: "Der Dezember ist fast nie ein schlechter Börsenmonat."

Das wird er nach seiner Ansicht und der anderer Fachleute auch heuer nicht sein ­ obwohl an den Börsen kürzlich noch Katerstimmung herrschte. Vor allem die Angst um die US-Konjunktur und die Folgen der dortigen Immobilienkrise hatten die Kurse in den letzten Wochen weltweit in den Keller gejagt. Der S&P 500 verzeichnete mit einem Minus von vier Prozent den schlechtesten November seit 2002; der Nikkei stürzte in der Spitze um bis zu zwölf Prozent ab. Doch die Hoffnung auf eine weitere Zinssenkung der US-Notenbank Fed am nächsten Dienstag, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, machte die Verluste zumindest bei den deutschen Werten wieder wett.

"Der Dax könnte bis zum Jahresende nochmal sein Rekordhoch testen", sagt Thomas Stengl, Aktienhändler bei der Postbank in Frankfurt. Davon ist der Index mit derzeit gut 7800 Punkten noch 300 Zähler und damit vier Prozent entfernt. Die könnte der Index aufholen, weil nach Stengls Ansicht institutionelle Anleger unter Zugzwang stehen. Viele hätten bei den letzten Verlusten Positionen verkauft und müssten nun wieder Bestände aufbauen, was sich kurstreibend auswirken würde. Gerade bei deutschen Immobilienaktien, bei Finanztiteln und Versorgern sehen Analysten Luft nach oben.

Ebenfalls günstig wirkt sich nach Einschätzung von Fachleuten die Entspannung beim Ölpreis und dem Dollarkurs auf die Kurse aus. Und auch die Absicht der US-Regierung, die Folgen der Immobilienkrise durch Absprachen mit den Banken abzufedern, tut den Aktienmärkten gut. Geplant ist, variable Zinsen in Kreditverträgen auf niedrigem Niveau einzufrieren, um die Zahl der Ausfälle einzudämmen. Das könnte die Konjunktur der weltgrößten Volkswirtschaft stützen.

Einige Marktbeobachter warnen allerdings vor zu hohen Erwartungen an die letzten Börsenwochen 2007. "Ein starker Kursanstieg ist eher unwahrscheinlich", sagt der Wertpapierexperte der Stadtsparkasse München, Christian Hanss. Wegen der unsicheren Lage am Aktienmarkt schließt er zudem erneute Kursschwankungen nicht aus ­ ebenso wie die Strategen der Unicredit. Sie trauen dem Dax mittelfristig fünf Prozent mehr zu, halten aber auch einen Absturz um zehn Prozent für nicht unwahrscheinlich.

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