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Die schnittige Optik der ICE-Züge kann über die  organisatorischen Missstände bei der DB nicht hinweg täuschen. 

25 Jahre nach der Reform

Deutsche Bahn entnervt Kunden: Sechs Fakten zur Krise

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Die Umwandlung in einen Staatskonzern war für die Deutsche Bahn keine Erfolgsgeschichte.

Berlin - Im Jubiläumsjahr der Bahnreform von 1994 ist dem Staatskonzern nicht zum Jubeln zumute: Gestern wurde Vorstandschef Richard Lutz zum dritten Krisengespräch seit Jahresbeginn zu Verkehrsminister Andreas Scheuer bestellt. Die Kunden der Bahn AG sind schon lange genervt von deren Zumutungen – Unpünktlichkeit, Zugausfälle, Streckenstilllegungen etc. – jetzt schalten sich Regierung und Bundestag ein. „Maximierung des Verkehrs“ statt „Maximierung des Gewinns“ soll künftig das Ziel sein, heißt es im Koalitionsvertrag. Dazu müssen das Gleisnetz und die Flotte modernisiert werden. Dass das Milliarden verschlingen wird, ist klar – nur das exakte Preisschild fehlt. Und die Antwort auf die Frage: Wer soll das bezahlen? 

Das Unternehmen Bahn ist nicht rentabel

Die Bahn selbst ist hoch verschuldet, steht derzeit mit 20 Milliarden Euro in der Kreide. Die Obergrenze von 20,7 Milliarden, die der Bund seinem Konzern gesetzt hat, ist also bald erreicht. Der Bund könnte der Bahn über mehr Eigenkapital mittelfristig mehr Mittel zur Verfügung stellen. Derzeit gibt Berlin rund fünf Milliarden Euro jährlich für die Bahn aus. Daneben gibt es Überlegungen, die profitable Bahn-Auslandstochter DB Arriva zu verkaufen. Das Unternehmen betreibt öffentliche Nahverkehre in mehreren europäischen Ländern, z. B. einen Teil der roten Busse in London und Wassertaxen in Amsterdam und Kopenhagen. Der Verkaufsvorschlag des Bundesrechnungshofes ist aber in der schwarz-roten Koalition umstritten.

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Deutsche Bahn ist auf Subventionen angewiesen

Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) hatte den zusätzlichen Finanzbedarf durch den Bund auf zweieinhalb Milliarden Euro pro Jahr beziffert, um den Investitionsstau von insgesamt 57 Milliarden abzubauen. Sollte der Konzern tatsächlich bis 2030 die Zahl der Fahrgäste verdoppeln wollen, sei sogar mehr Finanzhilfe vom Bund nötig. Der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner hatte den Bund an seine Verantwortung als Eigentümer der Bahn erinnert. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter plädiert dafür, Einnahmen aus der Maut zu nutzen. „Mit der Lkw-Maut und dem Abbau der Dieselsubventionen können Mittel direkt aus dem Verkehrssektor in die Bahn gelenkt werden“, sagte er der Saarbrücker Zeitung. SPD-Fraktionsvize Sören Bartol fordert grundlegende Änderungen der Strukturen: „Wir brauchen weniger Wasserkopf in den Zentralen und mehr Verantwortung bei den Beschäftigten vor Ort“. Der Linken-Bundestagsabgeordnete Jan Korte fordert sogar, die Bahn künftig als öffentlich-rechtliches Unternehmen zu führen. Er hält die gewinnorientierte Organisationsform als Aktiengesellschaft für gescheitert. 

Ein weiterer Fall, der die EVG beschäftigen könnte, ereignete sich im Juli. Nachdem er mit einer „ungeheuerlichen Durchsage“ eine Verspätung angekündigt hatte, beschwerte sich eine Kunden. Er wurde scheinbar versetzt, sie erntete jedoch einen Shitstorm. 

Pünktlichkeitswerte der Deutschen Bahn im Jahr 2018

Die Deutsche Bahn leistete sich übrigens unlängst am Münchner Hauptbahnhof einen Patzer - wegen der Zeitumstellung.

Sechs Krisen-Fakten zur DB-Misere

1) Weniger Pünktlichkeit: Nur ca. 70 Prozent der Züge im Fernverkehr kommen pünktlich (inklusive 6 Minuten Verspätung) an. Ausgefallene Verbindungen (2017: 140 000) sind hier nicht eingerechnet. 1994: 85 Prozent Pünktlichkeit.

2)Weniger Bahnhöfe: Mehr als 1500 Bahnhöfe und die zugehörigen Gleise wurden abgebaut, jede zweite Weiche eingespart. Es fehlen Ausweichmöglichkeiten, Züge werden aufgehalten.

3) Leute fehlen: 1994 hatte die Bahn 350 000 Mitarbeiter, die Zahl wurde fast halbiert – steigt aber wieder an. Nun sind Lokführer dringend gesucht. 

4) Netz ist geschrumpft: Von 1994 bis 2015 ist das Streckennetz um über 7000 auf 34 000 Kilometer zusammengeschnurrt. Große Teile der Infrastruktur wurde auf Busse umgestellt.

5) Weniger Fahrten: 139 Millionen Fahrten im Fernverkehr im Jahr 1994 standen gut 20 Jahre später 131 Mio. gegenüber. Der Güterverkehr der DB Cargo ist seit Jahren defizitär, und das in einer boomenden Wirtschaft. Private Anbieter, auch auf der Straße, machen der Bahn zunehmend Konkurrenz. 

6) Rote Zahlen: Die Verschuldungsquote der Bahn liegt derzeit bei ca. 20 Milliarden Euro.

BW

Die Bahn möchte mit einer neuen Kampagne zumindest ihr Umweltimage wieder aufpolieren und gibt den ICEs dafür einen neuen Look. Im besten Fall kann sich diese Strategie auch auf Preise niederschlagen.

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Aus Versehen wurde eine Münchnerin (61) zur Schwarzfahrerin. Doch die Geschichte nahm eine unglaubliche Wendung.

2016 zog sich die Deutsche Bahn aus dem Nachtzug-Geschäft zurück. Doch die beliebten Schlafwagen boomen - und die DB scheint bereits ein Comeback zu planen.

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