Deutsche Börse gibt Übernahmepläne auf

- Frankfurt/Main/London/Paris - Die Deutsche Börse ist zum zweiten Mal mit ihren Plänen für eine Übernahme der Londoner Börse gescheitert. Überraschend zog Börsenchef Werner Seifert auf Druck der eigenen Aktionäre das Angebot für die London Stock Exchange (LSE) über knapp zwei Milliarden Euro zurück, lehnte einen Rücktritt jedoch ab. "Diese Frage stellt sich überhaupt nicht", sagte ein Sprecher der Deutschen Börse am Montag in Frankfurt. Die Reaktionen in der Finanzbranche reichten von Enttäuschung bis zu Erleichterung.

Der seit Jahresbeginn rasant gestiegene Aktienkurs der Deutsche Börse AG gab bis zum Nachmittag leicht um 0,91 Prozent auf 57,87 Euro nach.<BR><BR>Mit der am Sonntagabend angekündigten vorläufigen Aufgabe der Fusionspläne reagierte Seifert auf den anhaltenden Widerstand seiner Aktionäre - überwiegend Investmentfonds - gegen eine Fusion. Auch eine Empfehlung des LSE-Managements war ausgeblieben. Eine Gruppe von Anteilseignern hatte das inoffizielle Übernahmeangebot von 5,30 Pfund je LSE-Aktie als zu teuer eingestuft und wollte Seifert und DeutscheBörse-Aufsichtsratschef Rolf Breuer auf der nächsten Hauptversammlung zu Fall bringen. Die Fonds hatten stattdessen auf eine höhere Ausschüttung gepocht.<BR><BR>Ein Sprecher der Bundesregierung betonte am Montag, eine Fusion wäre ein Ausdruck für die Stärke des Finanzplatzes Deutschlands und Frankfurts gewesen. Der Börsenexperte Wolfgang Gerke sagte der "Netzeitung": "Die Londoner Börse hat einfach zu hoch gepokert." Der Deutschen Börse wirft der Finanzwissenschaftler vor, die "bedrohliche Situation in den eigenen Reihen" zu spät berücksichtigt zu haben. Händler an der Frankfurter Börse stuften den Rückzug mehrheitlich als Niederlage für die Mainmetropole ein. Erleichtert zeigten sich hingegen Kritiker einer Verlagerung von Kompetenzen nach London im Fall eines Zusammenschlusses.<BR><BR>Offen ist, ob der Rivale im Bieterwettstreit um die LSE, die Vierländerbörse Euronext, nun ebenfalls einen Rückzieher macht. Bisher hatte der Konkurrent noch keinen Kaufpreis für ein eigenes Übernahmeangebot genannt. Euronext hielt sich am Montag bedeckt. "Wir haben das Statement der Deutschen Börse zur Kenntnis genommen", sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Für den Fall, dass Euronext nun doch vorprescht, behält sich die Deutsche Börse vor, ebenfalls wieder in den Ring zu steigen. Die LSE selbst wollte den überraschenden Rückzug der Deutschen zunächst nicht kommentieren.<BR><BR>"Wir nehmen zur Kenntnis, dass ein wesentlicher Teil unserer Aktionäre auf eine kurzfristige Auskehrung von Barmitteln fokussiert ist", räumte Börsenchef Seifert ein. Deshalb solle nun ein Konzept entwickelt werden, wie an die Aktionäre neben der bereits deutlich von 55 auf 70 Cent je Aktie erhöhten Dividende für 2004 weitere Mittel ausgeschüttet werden können, die eigentlich für die LSEÜbernahme vorgesehen waren. Nach Angaben eines Sprechers erwartet die Deutsche Börse, dass sie Ende dieses Jahres über rund eine Milliarde Euro Barmittel verfügen wird. Der amerikanische Hedge Fonds Atticus, ein Großaktionär der Deutschen Börse, forderte den Vorstand zur Ausschüttung von zwei Milliarden Euro auf. Für die Differenz könne das Unternehmen Schulden aufnehmen, sagte Fondsmanager David Slager der Nachrichtenagentur dpa-AFX.<BR><BR>"Wir sind der Ansicht, dass die vorgeschlagene Transaktion den Wert für die Aktionäre der Deutschen Börse gesteigert hätte", sagte Seifert. Doch auch ohne eine Fusion sehe er Möglichkeiten für Wachstum. Der Börsenchef ist seit 1993 im Amt und hat die Deutsche Börse zu einem breit aufgestellten, international tätigen Finanzdienstleister ausgebaut. Neben dem klassischen Wertpapierhandel betreibt die Deutsche Börse die Terminbörse Eurex, den größten Handelsplatz ihrer Art weltweit, und ist ebenso in den Bereichen Abwicklung und Informationstechnologie führend.<BR><BR>Auf den Höhepunkt des New-Economy-Boom scheiterte Seifert 2000 bereits im ersten Anlauf, die Frankfurter und die Londoner Börse zu verschmelzen. Im vergangenen Jahr missglückte sein Versuch, die Schweizer Börse - Partner im Joint Venture Eurex - zu übernehmen. Die Zusammenlegung von Börsen bringt in der Regel Kostenvorteile für die Kunden, da mehr Aufträge über eine Plattform abgewickelt werden können.

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