Deutsche Börse greift nach der stolzen Konkurrenz aus London

- Frankfurt - Die Banker, Händler und Investoren in der Londoner City sind stolz auf ihren Finanzplatz, den mit Abstand wichtigsten in Europa. Wenn eine Bank einen ihrer Investmentbanker von der Themse an den Main in das als provinziell geltende Frankfurt versetzt, sind bei dem Betreffenden oft die Zweifel groß, ob er gerade befördert oder nicht doch eher nach Sibirien geschickt wird. Die Aussicht, dass der neue Eigentümer der berühmten London Stock Exchange (LSE) ausgerechnet die Deutsche Börse sein könnte, lässt daher in der britischen Hauptstadt keine große Freude aufkommen.

<P>Und doch bleibt der Londoner Börse nach Einschätzung von Finanzexperten auf Dauer keine andere Wahl, als sich einem der beiden Konkurrenten Deutsche Börse oder Euronext anzuschließen. "Früher oder später wird sie sowieso übernommen", meint Analyst Olaf Kayser von der Landesbank Rheinland-Pfalz. Hintergrund sei, dass die Wettbewerber breiter aufgestellt seien als die LSE, die sich ganz auf den klassischen Wertpapierhandel konzentriert. In Zeiten der Konsolidierung in der Finanzbranche gilt ein solcher Kurs als überholt. <BR><BR>Die Weigerung der LSE, die erste Offerte der Deutschen anzunehmen, stellt vermutlich den Versuch dar, für die eigenen Investoren mehr Geld aus einem Verkauf herauszuholen - obwohl der gebotene Preis bereits als hoch gilt. Die Deutschen wollen 5,30 Pfund je Aktie oder umgerechnet 1,95 Milliarden Euro zahlen. Der länderübergreifende Handelsplatz Euronext könnte nun in Versuchung geraten, einen Bieterwettkampf zu eröffnen. "Euronext wird nicht tatenlos zusehen", meint Analyst Kayser. Allerdings verfüge die in Amsterdam, Brüssel, Paris und Lissabon angesiedelte Börse über geringere Finanzmittel als Frankfurt.<BR><BR>Der Chef der Deutschen Börse, Werner Seifert, steht seinerseits unter Erfolgsdruck. Im Sommer misslang ihm eine Fusion mit der Schweizer Börse, obwohl er selbst Eidgenosse ist und der Chef der Zürcher Börse SWX lange für die Deutsche Börse gearbeitet hatte. Außerdem betreiben beide Handelsplätze gemeinsam die weltgrößte Terminbörse Eurex. Die internationalen Finanzakteure begrüßten den Zusammenschluss, und der ansonsten eher öffentlichkeitsscheue Seifert machte fleißig Werbung - es half alles nichts: Die Schweizer wollten ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben. Nun pocht Seifert in London an die Tür - nachdem er dort im Jahr 2000 bereits eine schmerzhafte Niederlage erleiden musste.<BR><BR>Das futuristische Projekt "iX", das ganz im Zeichen der "New Economy" gestanden hatte, sollte die Londoner und die Frankfurter Börse unter einem Dach zusammenführen und den Handel in einer spektakulären Tauschaktion auf beide Städte aufteilen. Doch am Ende scheiterte die Fusion. Jetzt will Seifert den beiden Börsenplätzen erst einmal ihre Eigenständigkeiten lassen. "Zunächst werden vermutlich nur bei der Informationstechnologie Synergien zu heben sein", vermutet der Börsenexperte Wolfgang Gehrke im "Handelsblatt". Doch eine Garantie für das Gelingen sind solche Zugeständnisse nicht. "Die Chance, dass die Transaktion scheitert, ist nach wie vor sehr hoch", meint Analyst Kayser. Die stolzen Banker in der Londoner City dürften solche Worte gern hören.</P>

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