Deutsche Börse peilt Zusammenschluss mit Euronext an

- Frankfurt/Main/Paris - Nach der gescheiterten Übernahme der London Stock Exchange will die Deutsche Börse eine gleichberechtigte Fusion mit der Vierländerbörse Euronext vorantreiben. "Durch die Kombination würde die erste wirklich europaweite Börsenorganisation geschaffen, die einen globalen Führungsanspruch erheben kann", sagte der neue Vorstandschef der Deutschen Börse AG, Reto Francioni, am Mittwoch bei der Bilanzvorlage in Frankfurt.

Bisher habe es Gespräche, aber noch keine Verhandlungen gegeben. Hauptsitz eines gemeinsamen Börsenkonzerns soll Frankfurt sein. Euronext lehnt dies jedoch ab. Im vergangenen Jahr erzielte die Deutsche Börse bei Umsatz und Gewinn neue Rekorde.

Francioni wies Behauptungen zurück, er verfolge die Fusion nur, um Großaktionäre zu besänftigen. "Wir stehen keineswegs unter Druck", sagte der Börsenchef. Während der Übernahmeschlacht um die Londoner Börse hatten sich im vergangenen Jahr Hedge Fonds bei der Deutschen Börse eingekauft. Francionis Vorgänger Werner Seifert wollte den Londoner Handelsplatz gegen den Willen der Fonds übernehmen und musste schließlich seinen Hut nehmen. Den genauen Ablauf will er in einem Buch mit dem Titel "Die Invasion der Heuschrecken" schildern.

Eine Fusion von Deutscher Börse und Euronext wird nach Einschätzung von Branchenexperten von den gleichen Großaktionären begrüßt, weil sie den Aktienkurs in die Höhe treibt. Französische und niederländische Banken wiederum wollen mit einer Bündelung ihrer Euronext-Anteile einen Zusammenschluss unter deutscher Führung vereiteln.

Der Vorschlag der Deutschen Börse entspricht auch nicht den Bedingungen der Vierländerbörse. Bereits vor zwei Wochen hatte die von der Pariser Börse beherrschte Euronext NV mit offiziellem Sitz in Amsterdam klargestellt, dass eine Zentrale in Frankfurt nicht in Frage komme. Stattdessen plädiert Euronext für Amsterdam als "neutralen Platz".

Euronext entstand 2000 aus dem Zusammenschluss der Börsen in Amsterdam, Brüssel und Paris. Inzwischen gehört auch der Handelsplatz in Lissabon dazu. Wie die Deutsche Börse ist das Unternehmen selbst an der Börse notiert, dort aber nur etwas mehr als die Hälfte wert. Francioni ließ durchblicken, dass die Überlegungen für eine "Fusion unter Partnern" zunächst intern angestellt und nicht speziell mit Aufsichtsrat oder Aktionären abgestimmt worden seien.

Der Zusammenschluss sei kein Muss, mache aber Sinn. Es könnten je vier Plattformen für Handel und Informationstechnologie zusammengelegt werden. Die Deutsche Börse ist bereits an der größten Terminbörse der Welt beteiligt, die durch eine Fusion noch größer würde. Die Kombination wäre der Ausgangspunkt für die Konsolidierung weiterer europäischer Börsen, meinte der Vorstandschef.

Als Hindernis für einen Zusammenschluss gelten Bedenken der Wettbewerbshüter. Die Deutsche Börse ist ein stark integrierter Finanzdienstleister, der neben dem Handel auch die Verrechnung (Clearing), Abwicklung (Settlement) und Verwahrung (Custody) von Wertpapieren betreibt. Francioni will dieses Geschäftsmodell beibehalten. Bei den kartellrechtlichen Hürden handele es sich um "Grauzonen", die anscheinend vor allem den Bereich Clearing betreffen. Die umsatzstärkste Sparte Clearstream (Settlement, Custody) sei dabei kein Thema, sagte der Börsenchef.

Die Deutsche Börse steigerte 2005 ihren Umsatz um 13 Prozent auf 1,632 Milliarden Euro, der Jahresüberschuss kletterte von 266 Millionen Euro auf 427 Millionen Euro. Der Aktienkurs erreichte am Morgen kurzzeitig ein Rekordhoch und lag am Nachmittag mit 106,50 Euro um 0,86 Prozent über dem Stand des Vortages. Die Dividende soll von 70 Cent je Aktie auf 2,10 Euro erhöht werden. Die Hedge Fonds hatten gefordert, dass überschüssige Mittel ausgeschüttet und nicht für Übernahmen ausgegeben werden.

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