Die Deutsche Börse will ihre Heimat aufgeben

- Frankfurt - Während die ganze Nation angesichts der Fußball-Weltmeisterschaft einen neuen Patriotismus zur Schau stellt, schlägt die Deutsche Börse den umgekehrten Weg ein. Im Ringen um eine Fusion mit der Nachbarbörse Euronext, die auch von der New York Stock Exchange (NYSE) umworben wird, lässt sich die Führung der Deutschen Börse zu immer neuen Zugeständnissen hinreißen. Diesmal hat es den Finanzstandort Frankfurt erwischt: Er soll in dem neuen Börsenkonzern keine überragende Rolle mehr spielen.

Die Vorgänge zeigen, wie schwierig der Weg zu einer europäischen Börse angesichts nationaler Eitelkeiten ist. Ob der Zusammenschluss gelingt, bleibt weiter offen.

Aus Rücksicht auf französische Interessen verzichtete die Deutsche Börse in ihrem neuesten Angebot auf die Bezeichnung "Hauptverwaltung" für Frankfurt, wo bisher mehr als jeder zweite der knapp 3000 Mitarbeiter des Unternehmens beschäftigt ist. Zwar sollen dort offiziell der Vorstandschef und der Finanzvorstand ihren Sitz haben, doch die Zentralfunktionen der geplanten Mega-Börse würden auf insgesamt drei Städte verteilt - außer der Mainmetropole noch Amsterdam und Paris. Sicher ist auch, dass der Name Deutsche Börse verschwinden wird. Die fusionierte Börse dürfte einen neutralen, englisch angehauchten Namen à la Euronext tragen: Eustex, Crossboard oder was immer die Marketing-Experten aushecken.

Noch allerdings ist der Zusammenschluss nicht in trockenen Tüchern. Offiziell bleibt die NYSE der Favorit der Euronext-Spitze für eine Fusion, auch wenn die Anhänger einer solchen transatlantischen Ehe vor allem in französischen Politik- und Finanzkreisen in den vergangenen Wochen immer weniger wurden. Es ist auch nicht der erste Anlauf zu einer Fusion zwischen Euronext und Deutscher Börse: Bereits 2003 und 2004 hatten der damalige Frankfurter Börsenchef Werner Seifert und sein Gegenüber in Paris, Jean-François Théodore, die geheimen Projekte "Antibes" und "Edelstein" vorangetrieben. Damals war Amsterdam nicht nur als Rechtssitz, sondern auch als Zentrale statt Frankfurt oder Paris im Gespräch. Dennoch scheiterten die Verhandlungen.

Das traf dann auch auf die meisten anderen Fusionsgespräche innerhalb Europas zu. Hintergrund ist eine paradoxe Ausgangslage: Zwar sind die Finanzmärkte heutzutage grenzenlos, und die niedrigeren Kosten bei einer gemeinsamen Nutzung von Handelsplattformen kämen praktisch allen Akteuren zu Gute. Dennoch spielen bei den Börsenplätzen nationale Eitelkeiten und die Interessen von einzelnen Akteuren wie zum Beispiel Großbanken eine ungewöhnlich große Rolle. Nur wer sich in der schlechteren Ausgangslage befindet, ist bereit, "Kröten zu schlucken", wie Ex-Börsianer Seifert sich ausdrückt.

Hinzu kommt, dass seit dem gescheiterten Übernahmeversuch der London Stock Exchange durch die Deutsche Börse aggressive Investoren, Hedgefonds, beim Börsenpoker kräftig mitmischen. Ihnen wiederum ist vor allem daran gelegen, die Aktienkurse der beteiligten Unternehmen in die Höhe zu treiben.

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