Deutsche Ökonomen: Schlechtes Zeugnis aus dem Ausland

- München - Kaum ein Land huldigt seinen Ökonomen so wie Deutschland. Spitzenvertreter werden kraft Amtes respektvoll als "Weise" bezeichnet. International sind sie weniger angesehen. Ausländische Kollegen kritisieren sie zunehmend als "Teil der Krankheit, die sie zu bekämpfen vorgeben".

<P>So hart fällt das Urteil des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung aus. Auch Vertreter der Zunft aus anderen Ländern sind nicht milder: Paul de Grauwe, Professor an der katholischen Universität von Löwen (Belgien), gibt deutschen Ökonomen eine Mitschuld an der schlechten Stimmung, "weil sie die Situation immer im dunkelsten Schwarz malen".</P><P>Die Kritik richtet sich gegen das völlige Ausklammern der Nachfrageseite. "Das zentrale Problem in Deutschland ist derzeit die schwache Nachfrage", konstatiert Charles Wyplosz, Professor an der Universität Genf. "Über Jahre hat Deutschland versucht, die Staatsdefizite zu begrenzen, statt die Finanzpolitik dazu zu benutzen, das Wachstum anzukurbeln." Die Folge, so Wyplosz: "Langsames Wachstum bei steigenden Defiziten."</P><P>Grauwe empfiehlt Deutschland etwas, was hierzulande die meisten Ökonomen scheuen wie der Teufel das Weihwasser: Klassische Konjunkturprogramme. Und dies noch in verschärfter Form. Das soll begleitet werden durch Senkung der Einkommensteuer. Zwar sieht der Belgier Risiken. Die Lage sei aber so ernst, dass man diese eingehen sollte, zitiert ihn die "Financial Times Deutschland". Es komme darauf an, "die Stimmung in Deutschland zu drehen".</P><P>Die Rezepte der Berliner Politik finden in den Augen von Grauwe und Wyplosz keine Gnade. "Ein bisschen die Steuersätze für Unternehmen zu senken, wird kaum etwas bringen", sagt der Schweizer. "Erfahrungsgemäß reagieren Firmen kaum auf solch marginale Veränderungen."</P><P>Stephan Schulmeister, vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung, sieht noch eine Reihe anderer Ursachen dafür, dass die deutsche Wirtschaft nicht in Schwung kommt. So hätten deutsche Unternehmen in den 90er-Jahren auf Kosten von Realinvestitionen in Wertpapiere investiert. Deren Wert sei von 1991 bis 1999 von 29,5 auf 120,1 der Nettowertschöpfung gestiegen. Das hat sich aber nicht gelohnt. "Der Rückgang der Aktienkurse seit dem Frühjahr 2002 habe die Finanzlage der Unternehmen in Deutschland stärker verschlechtert als in den USA."</P><P>Auch dort hätten Unternehmen in Aktien investiert. Doch dies habe, so Schulmeister, die unternehmerische Investitionsdynamik nicht nennenswert beeinträchtigt. Den Grund dafür findet der Wiener Wissenschaftler in der Geldpolitik: In den USA hätten unter der Wachstumsrate liegende Zinsen die Investitionsbereitschaft der Unternehmen gefördert. </P><P>Doch macht er nicht nur zögerliche Zinssenkungen in Europa für mangelndes Wachstum verantwortlich, sondern auch die Banken: Diese "haben die Reduktion ihrer Refinanzierungskosten nicht in vollem Maß an ihre Schuldner weitergegeben". Dass Deutschland stärker betroffen ist als andere Euro-Länder, liegt in Schulmeisters Augen an der niedrigeren Inflation. Zinssenkungen, die für den "Euroraum angemessen" waren, mussten "für Deutschland unzureichend sein".</P><P>Sparsamkeit wurde aus dieser Sicht zur Untugend: "Obwohl Deutschland auf eine aktiv antizyklische Ausweitung der Nachfrage des Staates verzichtete, drehte sich der Budgetsaldo zwischen 2000 und 2004 von einem Überschuss von 1,3 Prozent in ein Defizit von 3,9 Prozent - annähernd gleich stark wie in den USA", schreibt Schulmeister. Allerdings wurde dieses Defizit in Deutschland erlitten, in den USA aber durch ein gezieltes "deficit spending" herbeigeführt. Dementsprechend unterschiedlich waren die Impulse für die Konjunktur.</P>

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