Deutsche auf der Überholspur

- London - Eine sechsspurige Autobahn. Auf deren linker Hälfte rast - viel Staub aufwirbelnd - ein Auto mit schwarz-weiß-rotem Wimpel davon. "Geisterfahrer" denkt sogleich der deutsche Betrachter. Der links fahrende Brite, der die Karikatur im "Economist" betrachtet, erkennt spontan ein "Auto auf der Überholspur". Unbeabsichtigt zeigt das Beispiel, dass gleiche Dinge dies- und jenseits des Kanals gegensätzlich aufgenommen werden. Auf drei Seiten malt das angesehene Wirtschaftsmagazin von der Insel ein rosiges Bild von Deutschlands Zukunft und beruft sich dabei auf die gleichen Daten, die deutsche Ökonomen immer zum Anlass nehmen, im finstersten Grau zu malen.

So weist auch der "Economist" auf die deutlich höheren Lohnkosten hin, räumt aber ein, dass hohe Effizienz den Unterschied bis zu einem gewissen Grad rechtfertigt. Außerdem hätten Siemens, VW, Daimler-Chrysler und viele andere mit ihren Belegschaften längere Arbeitszeiten und gekürzte Zulagen ausgehandelt. Und trotz der Flächentarifverträge hätten sich die Gewerkschaften hinter den Kulissen pragmatisch gezeigt, wenn es darum ging, Arbeitsplätze zu retten.

Die Lage der Unternehmen sieht der "Economist" durchweg positiv. Er verweist auf das unerwartet schnell gestiegene Verbrauchervertrauen, die Unternehmensgewinne, die teilweise mehr als 20 Prozent nach oben gesprungen seien, und die verbesserte Lage der deutschen Banken. Zuversicht selbst auf den Arbeitsmarkt, von dem im Inland nahezu ausschließlich die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit wahrgenommen wird: "Es gibt 50 Prozent mehr offene Stellen als vor einem Jahr", zitiert dagegen der "Economist" aus dem aktuellen Nürnberger Zahlenwerk.

Das Erstaunliche ist nicht, dass die deutsche Lage im Ausland positiver wahrgenommen wird als im Inland (siehe auch Kasten), neu ist, dass das Lob von einer erklärt neoliberal orientierten Zeitschrift kommt, die bisher für eine äußerst kritische Sicht auf Deutschland bekannt war. Von der Grundhaltung ist die Zeitschrift nicht abgerückt. Sie hält fortgesetzte Reformen vor allem in den Bereichen Steuern und Renten für wichtig und beklagt bereits die seit der Neuwahl-Entscheidung am 22. Mai eingetretene Paralyse. Denn es seien die in Deutschland so umstrittenen Reformen, von Schröders Agenda 2010, gewesen, die die Hoffnung auf einen Aufschwung haben enorm steigen lassen.

Dennoch betrachtet auch die britische Zeitschrift die Reformen von zwei Seiten. Einerseits sei durch Hartz IV die Lage für Langzeitarbeitslose unbequemer geworden, weil die Ablehnung von Stellenangeboten bestraft würde. Andererseits sei das Sparen aus Angst vor drohender Arbeitslosigkeit die Wachstumsbremse. Deutschlands größtes Problem, das die wirtschaftliche Erholung lähmt, sei die mangelnde Binnennachfrage. Selbst steigende Löhne, wie sie Kanzler Gerhard Schröder fordert, sind da kein Tabu. "Große effiziente Gesellschaften können mehr zahlen und dennoch weltweit wettbewerbsfähig bleiben", zitiert die Zeitschrift Bank-Experten.

Zwei Hauptursachen der Konsumschwäche aber werden als doppelte Zwangsjacke für die größte Wirtschaft in der Eurozone dargestellt: Die vor allem auf die Inflationsbekämpfung in der Region ausgerichtete Politik der Europäischen Zentralbank und der Stabilitätspakt, der Länder hindere, einen eigenen Weg aus der Misere zu finden.

Unterm Strich sieht die Zeitschrift "ermutigende Zeichen, dass Deutschlands Wirtschaft darauf ausgelegt ist, stärker zu wachsen". Unter einer Bedingung: "Die Dinge können nur besser werden, wenn der politische Wind in Richtung von mehr Reformen bläst."

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