Deutsche Wirtschaft kommt in Schwung

- Wiesbaden/Mannheim - Nach der Stagnation im Frühjahr kommt die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung. Experten rechnen wegen der anziehenden Weltkonjunktur mit einer deutlichen Erholung und einem Wachstum von bis zu 1,0 Prozent im Gesamtjahr. Trotz des hohen Ölpreises gebe es Signale für eine Belebung der Binnenkonjunktur. Im Frühjahr hatten der schwache Konsum und ein Minus im Außenhandel das Wachstum laut Statistischem Bundesamt noch verzögert. Die Kaufzurückhaltung der Verbraucher gilt derzeit als größte Wachstumsbremse. Das deutsche Staatsdefizit schrumpfte im ersten Halbjahr, verharrt aber mit 3,6 Prozent über der kritischen Marke von 3,0 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Der Konjunkturhimmel in Deutschland hellt sich auf. Nach der in Mannheim veröffentlichten monatlichen Umfrage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) stieg der Index der Konjunkturerwartungen im August zum Vormonat deutlich um 13,0 auf 50,0 Prozentpunkte. Das ist der höchste Wert seit März 2004. "Vielleicht sehen wir nun gerade, wie der Funke von der Exportwirtschaft auf die Binnenkonjunktur überspringt", erklärte ZEWPräsident Wolfgang Franz. Anlass zu dieser Hoffnung würden steigende Auftragseingänge vor allem aus dem Inland und trotz des hohen Ölpreises eine weiterhin solide Entwicklung der Weltwirtschaft geben.

Erstmals seit Herbst 2004 lieferte im zweiten Quartal die Binnenwirtschaft mit plus 0,3 Prozent wieder einen positiven Beitrag zum Wachstum. Die Ausrüstungsinvestitionen stiegen um 0,6 Prozent, wobei die meisten Firmen nach Einschätzung der Deutschen Bundesbank ihre Lager aufstockten oder veraltete Maschinen ersetzten.

Im zweiten Quartal stagnierte die Wirtschaft gegenüber dem Vorquartal preisbereinigt mit 0,0 Prozent, berichtete das Statistische Bundesamt. "Die Wachstums-Delle ist aber bereits durchschritten", sagte Volkswirt Andreas Scheuerle von der DekaBank. Im Herbst könnte die Wirtschaft wieder mit einem Plus von 0,4 bis 0,5 Prozent beschleunigen. Für das Gesamtjahr erwarten Wirtschaftsforschungsinstitute und Großbanken zwischen 0,7 und 1,0 Prozent Wachstum. Die Bundesregierung geht von 1,0 Prozent aus.

Der größte Bremsfaktor für die deutsche Wirtschaft bleibt der Konsum. Die Ausgaben der privaten Haushalte sanken im zweiten Vierteljahr um 0,3 Prozent. "Die privaten Haushalte leiden unter der massiven Energieverteuerung, der Tabaksteuererhöhung und den höheren Krankenversicherungsbeiträgen", erklärte die Commerzbank.

Die hohen Ölpreise belasteten Konsumenten und Unternehmen. Zwar lief der Export auf Hochtouren, sein Wachstumsbeitrag wurde aber von den durchs Öl verteuerten Importen vollständig aufgefressen. Die Defizitquote betrug im ersten Halbjahr laut Statistiker gemessen an der Wirtschaftsleistung 3,6 Prozent und lag damit deutlich niedriger als im ersten Halbjahr 2004 mit 4,0 Prozent. Das Loch in der Haushaltskasse schrumpfte um 4 auf 39 Milliarden Euro.

Finanzminister Hans Eichel (SPD) sieht in den neuen Daten vom ZEW den Beweis dafür, dass es "wieder aufwärts geht". Das werde überall wahrgenommen, nur in Deutschland nicht, sagte Eichel in Frankfurt. Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) erklärte, die positiven Signale häuften sich. "Wir sind auf dem richtigen Weg: Raus aus dem Jammertal, in das manche uns aus ideologisch durchsichtigen Gründen zu reden versuchen", sagte Clement in Berlin. Im ersten Vierteljahr hatte die Wirtschaftsleistung noch um 0,8 Prozent zugelegt - allerdings war dieser Wert statistisch überhöht.

Die Weltwirtschaft steht nach Einschätzung des Münchner ifo Instituts nach einer vorübergehenden Schwächephase vor einer Belebung in der zweiten Jahreshälfte. Davon könnte auch Exportweltmeister Deutschland profitieren. Obwohl der Export weiterhin die deutsche Wirtschaft ankurbelt, blieb im zweiten Quartal der Außenbeitrag - der Saldo von Exporten und Importen - im Gegensatz zum Jahresbeginn im Minus (minus 0,3 Prozent). Die Einfuhren stiegen wegen der hohen Ölpreise mit 2,3 Prozent stärker als die Ausfuhren mit plus 1,2 Prozent.

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