Deutsche Wirtschaft verliert an Fahrt

- Wiesbaden - Die deutsche Wirtschaft ist zum Jahresende 2005 überraschend auf der Stelle getreten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) blieb im vierten Quartal nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom Dienstag gegenüber dem vorangegangenen Vierteljahr unverändert. Die Erwartungen für 2006 bleiben jedoch hoch. So hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) seine Wachstumsprognose am Dienstag auf zwei Prozent nach oben korrigiert. Auch das Stimmungsbarometer des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) stabilisierte sich auf hohem Niveau.

Vor allem der schwache Konsum bremste die Konjunktur im letzten Vierteljahr aus. Auch wegen der nachlassenden Exporte blieb das BIP mit null Prozent unverändert, berichteten die Statistiker in Wiesbaden. Nur die Investitionen der Unternehmen gaben der Wirtschaft noch Impulse. Von einer Stagnation sprechen die Experten aber nicht. Das Schlussquartal sei vor allem wegen eines statistischen Effekts so schlecht ausgefallen. Im Gesamtjahr 2005 hat die Wirtschaft wie zunächst berechnet um 0,9 Prozent zugelegt nach 1,6 Prozent 2004.

Die Bundesregierung geht in diesem Jahr weiterhin von einer Belebung des Wirtschaftswachstums aus. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sagte in Berlin: "Die wichtigsten Indikatoren zeigen an, dass sich die Lage in der deutschen Wirtschaft weiter verbessert und zusätzlich zur anhaltend starken außenwirtschaftlichen Dynamik nun auch die Binnennachfrage anzieht." Der Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), Anton Börner, sagte: "Wir erwarten allerdings, dass die Konjunktur nur in Tippelschritten vorankommt." Die Stagnation des Bruttoinlandsproduktes zeige, wie labil die Konjunktur sei.

In der Eurozone hat das Wirtschaftswachstum Ende 2005 ebenfalls deutlich an Kraft verloren. Der Zuwachs gegenüber dem Vorquartal schwächte sich im vierten Quartal auf 0,3 Prozent ab nach 0,6 Prozent im vorhergehenden Vierteljahr, berichtete das europäische Statistikamt in Luxemburg.

Ökonomen sehen die deutsche Konjunktur trotz der schwachen Zahlen auf dem Weg der Erholung. "Für das laufende Jahr ist nach wie vor mit einer deutlichen Belebung des Wirtschaftswachstums zu rechnen", schrieb die Deutsche Bank. "Der Aufschwung ist intakt", sagte Ökonom Andreas Scheuerle von der DekaBank. "Die Stimmung und die Aussichten sind hervorragend."

Der DIHK hob seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr an. Für 2006 seien die Vorzeichen so günstig wie seit fünf Jahren nicht mehr. "Ein reales Wirtschaftswachstum von zwei Prozent ist durchaus drin", hieß es. Bisher war er von 1,5 Prozent ausgegangen. Die Bundesregierung erwartet 1,4 Prozent Zuwachs, die meisten Forschungsinstitute 1,5 bis 1,7 Prozent.

Die Konjunkturerwartungen sanken im Februar zwar leicht. Das Stimmungsbarometer des ZEW in Mannheim ging im Vergleich zum Vormonat um 1,2 Punkte auf 69,8 Punkte zurück. Das ZEW wertete die Entwicklung aber als Stabilisierung auf hohem Niveau.

Für das Schlussquartal 2005 sprechen die Experten nicht von einer Stagnation, weil der Wert für das letzte Vierteljahr unterzeichnet ist. Dieser Effekt entstehe, weil beim Vorquartalsvergleich die zusätzlichen Arbeitstage herausgerechnet wurden, sagte ein Statistiker in Wiesbaden. Da die Feiertage im Dezember sämtlich auf Wochenenden fielen, gab es in diesem Monat sehr viele nominelle Arbeitstage, an denen de facto aber kaum gearbeitet wurde. Zudem zeige der Vergleich zum Vorjahr, dass die Wirtschaft zulege.

Gegenüber dem vierten Quartal 2004 stieg das BIP - getragen von den boomenden Exporten - um 1,0 Prozent. Dieses Plus war zwar etwas geringer als im dritten Quartal mit 1,4 Prozent, jedoch ergab sich kalenderbereinigt eine Wachstumsrate von 1,6 Prozent.

Zum Jahresende 2005 haben nur die Investitionen der Unternehmen vor allem die Bauinvestitionen - der Wirtschaft noch vorangebracht. Dieses Plus wurde von dem schrumpfenden privaten und staatlichen Konsum aufgefressen. Der Außenhandel fungierte nicht mehr als Wachstumsmotor, weil die Exporte an Fahrt verloren und der Wert der Importe wegen steigender Ölpreise und der Aufstockung der Lager wuchs.

Die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal wurde von 39,1 Millionen Erwerbstätigen erbracht, das waren 0,3 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Ausführliche Ergebnisse gibt das Statistische Bundesamt am 22. Februar bekannt.

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