Deutsche Wirtschaft verliert an Tempo

- Frankfurt/Mannheim/Paris - Die deutsche Wirtschaft verliert nach einem guten Start ins Jahr bereits an Tempo und wird sich weniger schnell erholen als erhofft. Das deutsche Wachstum beruhe ausschließlich auf den Exporten, während der private Konsum weiter fehle, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris wächst die deutsche Wirtschaft langsamer und das Staatsdefizit fällt höher aus als bisher erwartet. Die OECD drängt die Bundesregierung zu weiteren Reformen. Die Hoffnung auf einen anhaltenden Aufschwung hat nach jüngsten Berechnungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) einen Dämpfer erhalten.

<P>Trotz des Wirtschaftswachstums von real 1,0 Prozent im ersten Quartal habe sich die konjunkturelle Lage Deutschlands nicht verbessert, sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Johann Hahlen, in Frankfurt. "Die inländische Verwendung ist nicht befriedigend, es fehlt der Konsum." Auch im krisengeschüttelten Bau gebe es keine Trendwende. "Da werden immer neue Talsohlen erreicht." Die privaten Konsumenten gaben im ersten Quartal beim Einkauf weniger Geld aus (minus 0,2 Prozent), und auch die Unternehmen investierten weniger (minus 1,7 Prozent). Die Exporte legten dagegen mit 2,9 Prozent im Vergleich zum Vorquartal kräftig zu und beflügelten die deutsche Konjunktur.<BR><BR>Deutschland muss nach Einschätzung der OECD auch nach vorgezogenen Bundestagswahlen unbedingt auf Reformkurs bleiben. Die Inlandsnachfrage werde zwar im Jahresverlauf steigen, doch bleibe die Konjunktur gespalten. Im Gesamtjahr 2005 wird die deutsche Wirtschaft der Prognose zufolge um 1,2 Prozent und 2006 um 1,8 Prozent wachsen. Damit bliebe das Wachstum 2006 um einen halben Prozentpunkt unter der vorherigen Prognose. Deutschland zeige ebenso wie Italien einen "chronischen Mangel an Widerstandsfähigkeit gegen externe Schocks" wie den Ölpreisanstieg und die Dollarschwäche.<BR><BR>Die OECD nahm ihre Wachstumsprognosen für fast alle Weltregionen zum zweiten Mal in Folge zurück. Die Wachstumschwäche habe sich besonders in der Euro-Zone verstärkt. Der Europäischen Zentralbank (EZB) riet die OECD, die kurzfristigen Zinsen um einen halben Prozentpunkt zu senken. Anders als in den USA sei die Inflationsgefahr im Euro-Raum wegen der unausgelasteten Kapazitäten sehr gering, hieß es. Der EZB-Leitzins liegt seit zwei Jahren auf dem historisch niedrigen Niveau von 2,0 Prozent. Auch der Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds, Rodrigo Rato, empfahl Zinssenkungen in Europa im Falle rückläufiger Wachstumsraten. EZBChef Jean-Claude Trichet sagte dagegen am Montag in Brüssel, eine Zinssenkung hätte mehr Nachteile als Vorteile.<BR>Um die deutsche Binnenwirtschaft anzuwerfen, empfiehlt die OECD ein Bündel an Reformen: das Steuersystem zu vereinfachen, die Einkommenssteuersätze zu senken bei gleichzeitigem Abbau von Ausnahmen sowie die starke Regulierung der Preise und des Marktzugangs bei unternehmensnahen Dienstleistungen wie Architekten und Steuerberatern aufzubrechen<BR><BR>Auch im kommenden Jahr wird Deutschland es der OECD zufolge nicht schaffen, den EU-Stabilitätspakt einzuhalten. Das Haushaltsdefizit werde 2005 mit 3,5 Prozent praktisch stagnieren und 2006 nur auf 3,2 fallen. Bisher waren die Pariser Experten von einem Rückgang 2006 auf 2,7 Prozent ausgegangen. Ohne einmalige Effekte wie die Rückzahlung von Subventionen der Landesbanken würde das Defizit in diesem Jahr bei 3,75 Prozent und 2006 bei 3,4 Prozent liegen.<BR><BR>Die Konjunktureinschätzungen von Analysten und institutionellen Anlegern haben sich weiter eingetrübt. Nach einer kurzen Frühjahrsbelebung liegt der ZEW-Index der Konjunkturerwartungen mit 13,9 Punkten deutlich unter dem längerfristigen Mittelwert von 34,2 Punkten. Im Mai ging das Konjunkturbarometer des ZEW um 6,2 Punkte zurück nach minus 16,2 Punkten im April. Dies gebe Anlass zur Sorge, sagte ZEW- Präsident Wolfgang Franz.<BR><BR>Die Chemie-Industrie in Deutschland stellt sich auf schwächeres Wachstum ein. Die meisten Sparten hätten im ersten Quartal 2005 nicht mehr das Produktionsniveau des Vorquartals erreicht, berichtete der Verband der Chemischen Industrie (VCI). Insgesamt legte die Produktion im Quartalsvergleich nur noch um 0,5 Prozent zu. "Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch im Chemiegeschäft erste Bremsspuren zu erkennen sind." Der starke Euro und die hohen Ölpreise belasteten die chemische Industrie.</P>

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