Deutsche Wirtschaft wächst wieder

- Wiesbaden - Der wiedererstarkte Export hat die deutsche Wirtschaft 2004 aus ihrer dreijährigen Stagnationsphase geholt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte 2004 mit einem Plus von real 1,7 Prozent so stark zu wie seit dem Boomjahr 2000 nicht mehr. 2003 war Deutschland mit minus 0,1 Prozent nur knapp an einer Rezession vorbei geschrammt. Sorgen bereiten jedoch weiter der schwache Arbeitsmarkt und der private Konsum.

Während Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) 2004 als Jahr der Trendwende bezeichnete, reagierten große Wirtschaftsverbände enttäuscht. Politiker von CDU und FDP bemängelten am Donnerstag in Berlin, das Wachstum in Deutschland hinke im internationalen Vergleich weit hinterher.<BR><BR>Die Bundesregierung hatte für 2004 mit 1,8 Prozent Wachstum gerechnet. Clement zeigte sich aber überzeugt, dass die wirtschaftliche Erholung 2005 an "Kraft und Breite" gewinnen werde. Die Arbeitsmarktreform werde zudem bis Ende des Jahres zu einem deutlichen Beschäftigungszuwachs führen. Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Meister, sagte dagegen, das Wachstum bleibe deutlich unter der Beschäftigungsschwelle von 2 bis 2,5 Prozent, von der an neue Arbeitsplätze entstünden. 2004 sei die konjunkturelle Erholung erneut "am Arbeitsmarkt und den Arbeitslosen vorbei gegangen."<BR><BR>"Die Wirtschaft hat sich erfreulich deutlich belebt", sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Johann Hahlen, zu den Zahlen in Wiesbaden. Rechne man für 2004 den Effekt der fünf zusätzlichen Arbeitstage heraus, bleibe allerdings nur ein Wachstum von 1,1 Prozent übrig. Im dritten Quartal sei der Schwung wegen der hohen Ölpreise und der vorübergehend sinkenden Exporte unterbrochen worden. Zum Jahresende habe sich die Wirtschaft aber wieder belebt.<BR><BR>"Hält man sich vor Augen, dass die Weltwirtschaft 2004 mit knapp fünf Prozent so stark gewachsen ist, wie seit mehr als 20 Jahren nicht mehr, dann ist dies ein kümmerliches Ergebnis", sagte FDP-Politiker Carl-Ludwig Thiele. Enttäuscht zeigte sich der Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), Anton F. Börner, der das magere Wachstum als "Warnschuss" für die Politik bezeichnete.<BR><BR>Nach vorläufigen Berechnungen der Statistiker weitete sich das Defizit der öffentlichen Hand 2004 von 3,8 auf 3,9 Prozent des BIP aus. Damit verstößt Deutschland zum dritten Mal in Folge gegen die Euro-Stabilitätsregeln in der EU. Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) hält indes daran fest, 2005 die Defizitmarke von drei Prozent wieder einzuhalten. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) bezeichnete es als alarmierend, dass Deutschland trotz des Wirtschaftswachstums 2004 die höchste staatliche Defizitquote seit Einführung des Euro verzeichne.<BR><BR>Die wirtschaftliche Erholung wurde im vergangenen Jahr fast ausschließlich vom Export getragen, der rund drei Viertel der Wachstumsrate beisteuerte. Beflügelt von der starken Weltkonjunktur legten die Exporte im Vergleich zum Vorjahr um 8,2 Prozent zu. "Die Exporte haben sich trotz der Euro-Aufwertung bravourös geschlagen", sagte Hahlen. "Das zeugt von der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft." Da zugleich die Importe nur um 5,7 Prozent anstiegen, kletterte der Überschuss um 1,2 Prozent.<BR><BR>"Problematisch blieben vor allem der Arbeitsmarkt und die schwache Binnennachfrage", sagte Hahlen. Die Wirtschaftsleistung wurde 2004 von 38,4 Millionen Erwerbstätigen erbracht, das waren 0,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Damit stieg zwar erstmals seit 2001 wieder die Erwerbstätigkeit - gleichzeitig nahm aber auch die Zahl der Arbeitslosen um 2,1 Prozent auf 3,9 Millionen Menschen (in europäischer Definition) zu.<BR><BR>Schwach blieb die Binnennachfrage. Die Unternehmen investierten 2004 zwar etwas mehr als im Vorjahr, und auch die staatlichen Konsumausgaben wuchsen um 0,4 Prozent. Allerdings gingen die Bauinvestitionen weiter zurück. Sorgenkind bleibt der private Konsum mit einem Minus von 0,3 Prozent. Grund dafür seien der schwache Arbeitsmarkt und die geringen Lohnerhöhungen gewesen (Bruttolöhne plus 0,1 Prozent). In der zweiten Jahreshälfte sei der Konsum aber langsam angesprungen, sagten die Statistiker. Die Verbraucher legten im abgelaufenen Jahr wieder mehr Geld auf die hohe Kante, die Sparquote stieg von 10,7 auf 10,9 Prozent des verfügbaren Einkommens - der höchste Stand seit 1995. Der Wert des Bruttoinlandsprodukts belief sich in jeweiligen Preisen auf 2178 Milliarden Euro.

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