Die Deutschen sind Europas Miesepeter

- Berlin/München - Die Deutschen machen ihrem Ruf als Miesepeter alle Ehre. Obwohl der Lebensstandard in der Bundesrepublik mit zu den höchsten weltweit zählt, beurteilen sie ihre Verhältnisse schlechter als die Bürger anderer europäischer Länder. Besonders pessimistisch sind die Ostdeutschen. Auch wenn in den vergangenen Jahren viel gejammert wurde: Unterm Strich geht es den Deutschen noch immer ziemlich gut, wie volkswirtschaftliche Kennzahlen wie etwa die Armutsquote beweisen.

Die liegt bei sieben Prozent und damit im europäischen Vergleich so niedrig wie in kaum einer anderen Nation. Aber dennoch betrachten viele Bundesbürger ihre Situation skeptisch: Lediglich ein gutes Viertel ist der Meinung, mit dem derzeitigen Einkommen bequem leben zu können, wie aus dem eben veröffentlichten "Datenreport 2006" hervorgeht.

Die repräsentative Studie des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden, des Wissenschaftszentrum Berlin (WZB), des Mannheimer Zentrums für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) und der Bundeszentrale für politische Bildung zeigt, dass die Deutschen damit wesentlich skeptischer sind als die Bewohner anderer europäischer Länder. In Dänemark oder Schweden beispielsweise -Staaten mit einer ähnlich niedrigen Armutsquote wie der Bundesrepublik -erklärte mehr als die Hälfte der Befragten, dass sie mit ihren verfügbaren Mitteln gut zurechtkommen. Selbst in Irland, wo ein Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, bestätigten dies 50 Prozent.

"Die Zahlen zeigen, dass die Deutschen in der Realität besser dastehen", erklärte WZB-Mitarbeiter Jürgen Kocka bei der Vorlage des Reports in Berlin. So liege der durchschnittliche Verdienst im internationalen Vergleich relativ hoch. Die Diskrepanz zwischen empfundener und tatsächlicher Lage führt Kocka unter anderem darauf zurück, dass die Deutschen die Messlatte höher anlegen als die Bewohner anderer Länder.

Das gilt auch für den Wohlfahrtsstaat: Nur die Hälfte der Befragten bewerteten die staatliche Versorgung als "sehr gut" oder "gut". Im Vergleich mit den anderen untersuchten EU-Mitgliedsstaaten landete Deutschland damit nur auf Rang 12 hinter Ländern wie Finnland (92 Prozent), Österreich (75 Prozent), Frankreich (69 Prozent) oder Schweden (61 Prozent), die ihre Bürger nach Ansicht von Wirtschaftsexperten nicht unbedingt umfassender versorgen. Besonders mies bewerteten die Befragten das deutsche Rentensystem: Nur 17 Prozent gaben an, hinsichtlich der staatlichen Altersbezüge "zuversichtlich" zu sein. Nur in Polen, Frankreich und Großbritannien waren es noch einige Prozentpunkte weniger.

Wie Vergleiche mit früheren Jahrgängen des Datenreports ergeben, hat sich das subjektive Wohlbefinden der Deutschen in den vergangenen Jahren generell verschlechtert. Lag die durchschnittliche Lebenszufriedenheit auf einer Skala von eins bis zehn im Jahr 1990 noch deutlich über sieben Punkten, lag der Wert in der aktuellen Erhebung bei 6,8 Punkten. Dabei dürfte sich die Laune auch in den kommenden Jahren nicht bessern: Nur ein Viertel der Deutschen glaubt, dass sich die persönliche Situation in den kommenden fünf Jahren verbessert -so schwarz sieht sonst niemand in Europa.

Nach wie vor sind Ostdeutsche in fast allen Lebensbereichen -vom Einkommen über die Gesundheit bis hin zur Wohnung -noch eine Spur unzufriedener als die Westdeutschen. Die Zufriedenheitskurven haben sich allerdings in den letzten Jahren angenähert.

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