"In Deutschland gut aufgehoben"

- Er gilt als Qualitätsfanatiker und ist verantwortlich für die anhaltende Rekordfahrt der Premiumsparte im VW-Konzern. Im Gespräch mit unserer Zeitung fand Audi-Chef Martin Winterkorn einen anderen Schwerpunkt. Ein klares Bekenntnis zum Standort Deutschland mit seinen gut ausgebildeten Arbeitskräften.

Sie kommen aus der Ingenieurwissenschaft. Ist das Zeitalter der Ingenieure wieder angebrochen?

Winterkorn: Ich glaube, Automobiltechnik ist ein Feld, das heute praktisch alle Ingenieurwissenschaften vereint, auch weil Komplexität, Qualität und Innovation noch wichtiger sind als vor zehn Jahren.

Es heißt, Sie kennen jede Schraube im Auto . . .

Winterkorn: Für ein Automobilunternehmen ist es wichtig, dass der Chef weiß, wie ein Auto im Detail funktioniert. Die Komplexität wird oft unterschätzt. Wenn ich bis zu zwei Tonnen mit 200 km/h über die Straßen bewege, muss ich diese kinetische Energie beherrschen, in der Beschleunigung, beim Bremsen, in der Zuverlässigkeit. Ein Ingenieur lernt vermutlich leichter mit Finanzzahlen umzugehen, als ein Betriebs- oder Volkswirt mit Ingenieurthemen.

Viele Firmen klagen über Fachkräftemangel. Auch Audi?

Winterkorn: Wir haben derzeit rund 2400 Auszubildende. Das ist eine sehr gute Zahl. Audi ist ein sehr attraktiver Arbeitgeber. Gute Leute zu bekommen, ist für uns kein Problem. Wir arbeiten mit Hochschulen zusammen: zum Beispiel in München, Ingolstadt, Stuttgart und Karlsruhe. Und auch von Györ aus mit der Uni in Budapest. Wir haben dort mittlerweile 100 Motorenentwickler.

Warum eigentlich Ungarn?

Winterkorn: Wir hatten viele mögliche Standorte im Auge. In Ungarn gab und gibt es sehr viele hochqualifizierte und motivierte Fachkräfte. Zudem waren auf dem Gelände in Györ zuvor russische Nutzfahrzeuge produziert worden. Da gab es also sehr viele Arbeitskräfte, die mit dem Thema Fahrzeugfertigung etwas anfangen konnten.

Gehen auch Sie ins noch günstigere Ausland?

Winterkorn: Wenn man es ganz nüchtern betrachten würde, wäre eine Produktion im Osten, wo die Stunde fünf Euro kostet, günstiger. Doch wir sehen unsere soziale Verantwortung und setzen uns dafür ein, die Beschäftigung in Ingolstadt und Neckarsulm in der heutigen Größenordnung von 45 000 Beschäftigten zu halten.

Lässt sich das im globalen Wettbewerb durchhalten?

Winterkorn: Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit durch Rationalisierung verbessern, wir wollen durch Wachstum die erzielten Produktivitätsfortschritte ausgleichen. Das ist uns bisher sehr gut gelungen. So fiel die Entscheidung für den Q5: Ingolstadt. Die Entscheidung für A5 Coupé´´: Ingolstadt. Und die Entscheidung für den Sportwagen R8: Neckarsulm. Ich glaube, ein größeres Bekenntnis zum Standort Deutschland kann man kaum ablegen.

Das klingt vorbildlich.

Winterkorn: Wir machen das ja nicht nur, weil wir besonders gute Patrioten sein wollen, sondern weil es auch wirtschaftlich ist. Das lässt sich realisieren, weil wir Menschen haben, die über eine ausgezeichnete Ausbildung verfügen. Das Wichtigste für die Arbeitsplatzerhaltung am Standort Deutschland sind neue, wettbewerbsfähige Produkte. Audi steht so gut da, weil unsere Produkte begehrt sind.

Von Unternehmen hört man das selten, stattdessen Klagen über die Rahmenbedingungen. Tut die Große Koalition genug?

Winterkorn: Es gibt viele Dinge, die auch wir gern anders hätten. Aber ich kann nur sagen, wir fühlen uns in Deutschland gut aufgehoben. Dennoch sollte man auf Regierungsseite auch einmal daran denken, die Kosten zu senken. Wir bei Audi denken, bevor wir die Preise erhöhen, sehr intensiv über die Kosten nach. In der Politik denkt man zuerst an Steuererhöhungen und so gut wie niemals an Kostensenkungen.

Wie wichtig ist der Inlandsmarkt?

Winterkorn: Wir sind mit rund 260 000 Fahrzeugen, also einem knappen Drittel unserer Produktion, im Heimatmarkt gut aufgestellt, aber das Ausland wächst stärker.

Ändert sich deshalb die Mitarbeiterstruktur?

Winterkorn: Wir haben 5000 Beschäftigte in Györ, in Bratislava 3000. In Deutschland sind es rund 45 000 Mitarbeiter. Wir haben in Deutschland im vergangenen Jahr mehr als 750 000 Autos gebaut, mehr als 60 000 Q7 werden es heuer in Bratislava und rund 70 000 Autos in China sein. Das Grundlagenwissen, das wir hier haben, muss man woanders erst einmal finden. Wenn wir die richtigen Produkte vermarkten, habe ich das Gefühl, dass wir in Deutschland sehr gut aufgestellt sind. Aber es kann nicht sein, dass ein hochausgebildeter Ingenieur nur 35 Stunden in der Woche arbeiten soll. Und wir brauchen eine Rückbesinnung der Menschen, dass Arbeit nichts Unnützes oder Schädliches ist, sondern sich lohnt und Spaß macht.

Konkurrenten haben neue Marken kreiert oder alte reaktiviert. Haben Sie da auch etwas in Vorbereitung?

Winterkorn: Das haben wir mit dem Audi TT schon getan. Kennen Sie den NSU TT noch? Wir haben auch schon einmal darüber nachgedacht, NSU und Horch zu reaktivieren. Momentan tun wir es nicht.

Wir haben gehört, dass Sie streng geheim an einem Modell "Prinz" arbeiten.

Winterkorn: Wir haben Designbüros in München, in Potsdam und in Los Angeles. Dort entstehen zum Teil auch kreative, abgedrehte Sachen, das lass' ich auch gerne laufen. Das heißt aber nicht, dass wir demnächst einen NSU Prinz auf den Markt bringen.

Und Motorräder?

Winterkorn: Wir haben genug neue Projekte in Vorbereitung und brauchen unsere ganze Kraft dafür.

Ein neues Drei-Liter-Auto ist nicht angedacht, trotz hoher Energiepreise?

Winterkorn: Wir werden weiter daran arbeiten, den Spritverbrauch zu reduzieren durch Reibungsoptimierung und bei den Verbrennungsverfahren. Ein Auto wie den Drei-Liter-A2 werden wir zwar nicht bringen, aber mit dem Audi A3 1.9 TDI haben wir ein Vier-Liter-Auto in unserer Produktpalette.

Und wie steht es mit Hybrid?

Winterkorn: Der erste Hybrid im Automobilbereich kam von Audi, es war der Audi Duo. Mit einem Elektromotor zwischen Frontantrieb und Kardanwelle. Hybrid hat Vorteile im Stadtverkehr und Nachteile im Überlandverkehr. Wir werden trotzdem Hybridmodelle entwickeln, weil es dafür eine Nachfrage gibt.

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