Deutschland-Chef der Deutschen Bank:"Die Preise für Kredite werden steigen"

München - Die letzten Tage an den Börsen hatten es in sich: Die Kurse brachen auf breiter Front ein, vor allem Finanzaktien ließen die Anleger fallen wie heiße Kartoffeln. Sie reagierten damit auf die überraschend hohen Lasten in Folge der US-Immobilienkrise und die Angst vor einer Rezession. Wir sprachen mit Jürgen Fitschen (59), Chefmanager der Deutschen Bank im Bundesgebiet, über das Marktbeben und die Auswirkungen auf die heimischen Unternehmen.

Herr Fitschen, die Folgen der US-Hypothekenkrise sind gravierender als bislang angenommen. So mancher Finanzkonzern strauchelt. Würden Sie derzeit Bank-Aktien kaufen?

Wenn Sie zuversichtlich sind und glauben, dass wir alles schon gesehen haben, wäre es ein guter Zeitpunkt. Wenn Sie meinen, dass wir noch Nachrichten bekommen, die die Kurse beeinträchtigen, sollten Sie warten.

Viele Marktbeobachter sind der Ansicht, dass sich das in den kommenden Monaten zeigen wird.

Richtig. Die Subprime-Kredite, die das größte Verlustpotenzial besitzen, sind 2006 ausgegeben worden. Viele von ihnen sind in den ersten beiden Jahren mit einem niedrigen fixen Zins ausgestattet, dem dann vertragsgemäß ein variabler, oft höherer Satz folgt. Diese Anpassung findet derzeit statt und wird im Juli ihren Höhepunkt erreichen. Insofern werden wir Mitte 2008 sehen, wie sich die Schuldner verhalten.

Und dann gibt es keine Überraschungen mehr?

Nein. Allerdings glaube ich nicht, dass wir mit den Jahresabschlüssen für 2008 das komplette Bild haben. Die Konsequenzen möglicher Ausfälle könnten noch bis 2009 in den Bank-Bilanzen zu sehen sein.

Die Deutsche Bank veröffentlicht ihr vorläufiges Jahresergebnis für 2007 am 7. Februar. Müssen wir mit dem Schlimmsten rechnen?

Wir haben beim letzten Bericht gesagt, dass wir davon ausgehen, dass wir mit der Wertberichtigung von 2,2 Milliarden Euro diesem Thema Rechnung getragen haben. Dem ist momentan nichts hinzuzufügen.

Lassen Sie uns über die Folgen der Finanzkrise auf den deutschen Mittelstand sprechen, für den Sie zuständig sind. Wegen der Unsicherheit darüber, welche Bank wie stark betroffen ist, leihen sich die Institute untereinander nur noch zaghaft Geld. Verschlechtern sich dadurch die Kreditkonditionen für die Firmen?

Die Beschaffung von Liquidität wird teurer, auch wenn sich die Situation am Interbankenmarkt zuletzt leicht entspannt hat. Banken müssen diese gestiegenen Kosten an ihre Kunden weitergeben, sonst wird ihre Ertragsmarge noch geringer. Deswegen muss man sich auch in Deutschland damit vertraut machen, dass die Preise steigen. Aber das ist nichts, wovor man große Angst haben müsste. Wir sprechen vielleicht von 20 oder 30 Basispunkten.

Der Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, hat ziemlich offen durchblicken lassen, die US-Leitzinsen Ende Januar nochmal deutlich zu senken, um das Abgleiten der USA in eine Rezession zu verhindern. Das würde den Dollar gegenüber dem Euro weiter schwächen. Verkraften das die Exporteure?

Wir hatten doch schon einen Dollar-Euro-Wechselkurs von 1,50 Euro erreicht und siehe da: die deutsche Exportwirtschaft ist nicht zusammengebrochen, und das wird sie auch in Ihrem Szenario nicht tun. Einzelne Mittelständler, die einen sehr hohen Anteil an Exporten in die USA haben, können Schwierigkeiten bekommen. Aber für die meisten Unternehmen ist das Wechselkursniveau absolut nicht gefährlich. Zumal mehr als die Hälfte unserer Exporte in den Euroraum gehen, wo es kein Wechselkursrisiko gibt.

Nicht nur der Euro, auch die Preise für Öl und andere Rohstoffe haben zuletzt ein Rekordniveau erreicht. Wie sehr beeinträchtigt das den Mittelstand?

Nicht so sehr. Der starke Euro dämpft den Preisanstieg des in Dollar gehandelten Öls ab. Zudem steigt bei hohen Energiepreisen auch die Nachfrage nach effizienteren Produkten und Produktionsweisen. In China und Indien ist man bereit, mehr Geld für Maschinen auszugeben, die beim Sparen von Rohmaterialien helfen. Gerade das spielt dem deutschen Mittelstand voll in die Hände. Der befindet sich derzeit in einer sehr guten Position. Der Auftragsbestand ist wunderbar, die Gewinnmargen auch. Keiner klagt.

Das war nicht immer so. Was hat sich geändert?

Der Mittelstand hat seine Ertragslage und Ausstattung mit Eigenkapital nachhaltig verbessert. Die finanzielle Lage ist mittlerweile wieder deutlich robuster. Insofern hätte auch eine Konjunkturabschwächung nicht die gleichen negativen Folgen wie vor fünf, sechs Jahren.

Das Gespräch führten Corinna Maier und Florian Ernst.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

London wirft Uber raus: Nicht "fähig und geeignet"
London (dpa) - Der Fahrdienst-Vermittler Uber erhält keine neue Lizenz für London. Das teilte die Nahverkehrsbehörde der britischen Hauptstadt mit. Uber vermittelt via …
London wirft Uber raus: Nicht "fähig und geeignet"
Adidas-Chef: Atempause für schwächelnde Tochter Reebok
Nürnberg (dpa) - Adidas-Chef Kasper Rorsted will die schwächelnde US-Tochter Reebok bis mindestens Ende 2018 behalten. Auf die Frage, ob Reebok zu diesem Zeitpunkt noch …
Adidas-Chef: Atempause für schwächelnde Tochter Reebok
Widerstand gegen Stahlfusion wächst
Nach dem Bekanntwerden der Fusionspläne für die europäischen Stahlsparten von Thyssenkrupp und Tata wächst im Ruhrgebiet die Empörung. Die Kritik entzündet sich auch an …
Widerstand gegen Stahlfusion wächst
Fast 40 Prozent der Haushalte tragen schwer an der Miete
Was viele Mieter jeden Monat neu erleben, belegen auch amtliche Zahlen: Besorgniserregend teuer ist das Wohnen längst nicht mehr nur in den großen Städten.
Fast 40 Prozent der Haushalte tragen schwer an der Miete

Kommentare