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Philipp Justus am Empfang der neuen Google-Niederlassung in der Erika-Mann-Straße nahe dem Münchner Hauptbahnhof. Justus ist Vice President Google Deutschland & Zentraleuropa.

Interview

Deutschland-Chef von Google: "Wir sind begeistert von München"

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München - Im  Merkur-Interview spricht Philipp Justus, Deutschland-Chef von Google, über den neuen Gebäudekomplex in München und die Strategie des Unternehmens.

Der US-Konzern Google stärkt seinen Standort in München. Im neuen Gebäudekomplex soll sich die Zahl der Mitarbeiter auf 800 verdoppeln. Wir sprachen mit dem Deutschland-Chef von Google, Philipp Justus, über die Bedeutung des Standorts Bayern und die Zukunftspläne des Konzerns sowie über die heißen Eisen Datenschutz und Steuern

Google ist soeben mit seiner Münchner Niederlassung in einen Neubau in der Nähe des Hauptbahnhofs gezogen. Das Gebäude ist so neu, dass bei Googles Street View nur eine wassergefüllte Baugrube zu sehen ist. Wollen Sie in München unsichtbar bleiben?

Philipp Justus: Nein, überhaupt nicht. Auf Google Maps ist der Standort bereits zu finden. Bei Street View kann er aktuell gar nicht zu finden sein, weil wir die Bilder aufgrund der Rechtslage in Deutschland seit 2010 nicht mehr aktualisieren.

München wird nach Hamburg der zweitgrößte Google-Standort in Deutschland. Welche Rolle wird die Niederlassung künftig in der deutschen Firmenstruktur spielen?

Justus: Wir sind seit zehn Jahren in München – München war und ist unser Entwicklungszentrum in Deutschland. Das bedeutet, dass wir von hier aus die Software für eine ganze Reihe von Google-Produkten weltweit entwickeln.

Diese Produkte entwickelt Google in München

Welche Produkte sind das genau?

Justus: Beispielsweise entwickeln wir in München für den Google-Browser Chrome Teile des Passwort-Managers, außerdem bauen wir in München sozusagen den Motor von Chrome. Also den Teil des Programms, der den Browser so schnell macht. Hinzu kommen eine ganze Reihe Bausteine in Sachen Datenschutz und Datensicherheit. Beispielsweise wurde die Anwendung MyAccount federführend in Deutschland entwickelt. Das sind Produkte, die dann weltweit zum Einsatz kommen.

Sie sprechen von Passwort-Programmen und Datenschutz. Wenn ich in die Maske Ihrer Suchmaschine die Stichworte „Google“ und „Datenschutz“ eintippe, kommt Ihre Datenschutzerklärung zwar an erster Stelle – der zweite Treffer ist ein Ratschlag der Verbraucherzentrale, Google intelligent zu umgehen. Müsste Sie diese Trefferliste nicht alarmieren?

Justus: Zunächst einmal sieht man daran, dass das Suchergebnis von uns nicht beeinflusst wird. Sie finden diejenigen Dinge, nach denen die Menschen suchen. Datenschutz und Datensicherheit ist bei uns elementarer Bestandteil aller Produkte. Daran arbeiten wir seit vielen Jahren. Uns ist durchaus bewusst, dass das für uns Deutsche ein wichtiges Thema ist.

Warum glauben Sie, ist das Thema Datenschutz in Deutschland ein so großes Thema?

Justus: Inzwischen ist das überall auf der Welt zu einem großen Thema geworden. In Deutschland gibt es aufgrund der schlimmen Erfahrungen mit Nationalsozialismus und dem SED-Regime eine hohe Sensibilität in der Frage, was mit den Daten passiert.

Hat man sich in den USA deswegen für Deutschland als Entwicklungsstandort für Sicherheitsfunktionen entschieden?

Justus: Die Kausalität ist genau umgekehrt: Wir haben in Deutschland Mitarbeiter, die Vorschläge zum Thema Datenschutz und Datensicherheit gemacht haben. Diese Vorschläge haben sie in den Entwicklungsprozess bei Google eingebracht. Ideen werden bei uns schließlich nicht zentral vorgegeben. Und hier in Deutschland gibt es Entwickler, die Ideen rund um dieses Thema haben und sich dann die Frage gestellt haben, wie man die Idee weltweit umsetzen kann.

Mit welchen Firmen arbeiten Sie hier in Ihrer Münchner Niederlassung zusammen? Sind das kleine Start-ups oder erhoffen sie sich auch eine engere Zusammenarbeit mit Industrie-Konzernen wie Siemens oder BMW? Immerhin gibt es in Bayern eine große Industrie-Tradition.

Justus: Neben der Entwicklungsarbeit ist für uns die Zusammenarbeit mit Partnern in München sehr wichtig. Das sind sowohl die großen Automobilhersteller als auch kleine mittelständische Unternehmen und Start-ups.

Wie sieht diese Zusammenarbeit konkret aus?

Justus: Beispielsweise haben wir hier in München ein Team, das die Entwickler von Navigations-Apps, Computerspielen oder Banking-Apps bei ihrer Arbeit unterstützt. Das ist nötig, da die Apps dieser Firmen auf Basis unseres Betriebssystems Android laufen.

Das plant Google in München mit den Automobilfimen 

Was wollen Sie in München mit den Automobilfirmen vorantreiben?

Justus: Hier geht es um den Einsatz unseres Betriebssystems Android im Auto. Wenn Sie in ein Auto einsteigen und Ihr Smartphone nutzen wollen, können Sie das über die Systeme des Autos machen. Diese Plattformen einfacher und sicherer zu machen, daran arbeiten wir – und zwar mit allen Automobilherstellern. Die ersten Autos, die dies ermöglichen, sind bereits auf dem Markt.

In München arbeiten inzwischen über 400 Mitarbeiter, im Neubau ist Platz für 800 – in Hamburg sind aktuell 450, aber auch dort wird weiter investiert. Wird München Hamburg eines Tages überholen?

Justus: München ist unser Entwicklungszentrum, in Hamburg ist unsere Zentrale und unser Vertrieb. Beide Niederlassungen stehen daher nicht in einem Wettbewerb miteinander, auch wenn München aufholen wird.

Wie viel Prozent seines Umsatzes macht Google überhaupt noch mit seiner Suchmaschine in Deutschland?

Justus: Diese Zahlen brechen wir zwischen den einzelnen Produkten nicht herunter. Richtig ist: Die Suchmaschine ist in Deutschland sehr beliebt. In Deutschland verdienen wir unser Geld daher hauptsächlich mit Werbung – das gilt auch für den internationalen Konzern. Sowohl bei Google als auch der bei der Dachgesellschaft Alphabet ist Werbung der größte Umsatzbringer.

Google verdient in Deutschland viel Geld, profitiert von der Infrastruktur, viele Programmierer kommen von staatlichen Universitäten. Trotzdem hat Google Deutschland 2014 in seiner Bilanz nur 13,7 Millionen Euro an Steuern ausgewiesen. Im Jahr davor waren es 7,7 Millionen Euro, ein Großteil des Geschäfts wird über Irland abgewickelt. Finden Sie das nicht ein bisschen wenig?

Justus: Wir halten uns an die Steuergesetze in Deutschland, so wie wir das in allen Ländern machen, in denen wir operativ tätig sind. Die Steuern zahlen wir auf das Geschäft, das wir im jeweiligen Land machen. Wie genau sich das Geschäft auf unterschiedliche Länder verteilt, ist die eine Frage. Daneben machen die Staaten die Steuergesetzgebung im europäischen Kontext untereinander aus. Das ist in Steuerabkommen geregelt. Unsere Aufgabe ist es, sich an die jeweiligen Gesetze zu halten und die Steuern entsprechend zu zahlen – und das tun wir.

Sich an die Gesetze zu halten, ist eine Sache. Die viel interessantere Frage ist doch: Profitiert Google durch seine juristisch komplizierten Steuerkonstruktionen nicht in einem höheren Maße von Deutschland, als das Unternehmen im Gegenzug dem Land wieder zurückgibt?

Justus: Nein, das Gegenteil ist der Fall. Den Beitrag, den wir in Deutschland für die Wirtschaft und die Arbeitsplätze leisten, ist um ein vielfaches größer. Nach einer Studie des IW Köln haben sich alleine bis 2011 rund 28 000 Unternehmen in Deutschland allein durch die Nutzung von Google-Produkten gegründet, rund 100 000 neue Jobs sind dadurch entstanden. Man kann die Diskussion leider nicht auf diese Art verkürzen.

Eine letzte Frage: Was wünschen Sie sich für den Standort München?

Justus: Wir wünschen uns, dass die zehn nächsten Jahre ebenso spannend werden wie die vergangenen zehn Jahre. Wir sind begeistert von München und von Bayern, daher blicken wir voller Zuversicht auf die zweite Dekade von Google in München.

Interview: Sebastian Hölzle

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