Ein riesiger Bagger fährt vor der Kulisse des RWE-Kraftwerkes Niederaußem durch den Tagebau Garzweiler. Der Energieversorger wies Berichte über ein vorzeitiges Ende des Braunkohletagebaus vehement zurück. Foto: dpa

Energie

Deutschland drohen Kraftwerks-Engpässe

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Berlin - Während Kanzlerin Angela Merkel noch einen Koalitionspartner sucht, verschärft sich das Kraftwerksproblem bei der Energiewende. Die Zahl der Stilllegungsanträge steigt.

Monat für Monat trudeln bei der Bundesnetzagentur neue Stilllegungsanträge ein. Inzwischen sollen 26 Kraftwerksblöcke (Kohle und Gas) mit einer Leistung von 6735 Megawatt in Deutschland eingemottet werden, weil sich ihr Betrieb nicht mehr lohnt. Anfang September waren es erst 19 Kraftwerke. Die nun zur Disposition stehende Leistung entspricht immerhin fünf großen Atomkraftwerken.

Händeringend wartet die Branche auf politische Signale, wie immer mehr Ökostrom und die weiter notwendigen Kraftwerke sich so ergänzen können, dass die Versorgung sicher bleibt und sich die Geschäfte auch lohnen. Für Merkel dürfte neben den Kosten der Energiewende die Kraftwerksfrage eine der ersten großen Baustellen werden.

Einige Beispiele für den Kraftwerks-Irrsinn: Im Juni eröffnet der norwegische Statkraft-Konzern in Hürth ein 350 Millionen Euro teures Gaskraftwerk, fährt es aber nicht an. Im bayerischen Irsching (bei Ingolstadt) stehen zwei der modernsten Gaskraftwerke der Welt. Doch die erst 2010 und 2011 eröffneten Blöcke produzieren kaum Strom. 2012 war Irsching 5 gerade mal 1600 Stunden am Netz – üblich wären etwa 4000 Stunden. Eon drohte daraufhin mit Stilllegung. Im Frühjahr einigte sich der Energieversorger mit dem Netzbetreiber Tennet, die beiden Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von rund 1400 Megawatt als Notreserve bereitzustellen.

Und nun prüft sogar der Energiekonzern RWE einem „SZ“-Bericht zufolge das vorzeitige Ende des nordrhein-westfälischen Braunkohletagebaus Garzweiler. Das Bergwerk könnte bereits bis zum Jahr 2018 geschlossen werden, hieß es. RWE wies dies allerdings zurück. „RWE hält an seinen bisherigen Planungen zur Fortführung des Tagebaus Garzweiler II unverändert fest“, teilte RWE-Chef Peter Terium mit.

Union und FDP reagierten auf die Misere mit dem „Wintergesetz“. Damit kann die Abschaltung „systemrelevanter“ Kraftwerke von der Bundesnetzagentur untersagt werden. Daraus wurde im Juni eine Reservekraftwerksverordnung, die bis Ende 2017 befristet wurde. Das Gesetz kann die Strompreise treiben, wenn Anlagen stillgelegt werden sollen, dies aber gerade in Süddeutschland wegen des Wegfalls von drei Atommeilern untersagt wird. Bleiben die Anlagen in „stand-by“, müssen Erhaltungsausgaben, etwa für Korrosionsschutz, Brennstoffkosten sowie Personalkosten entschädigt werden. Sie werden auf die Netzentgelte umgelegt, die Teil des Strompreises sind.

Eine Dauerlösung dürfte das nicht sein – denn sonst müssen die Bürger nicht nur Milliardensummen für die Förderung von Wind- und Solarenergie zahlen, sondern auch für unrentable Stand-by-Kraftwerke. Das Abwarten der Politik riskiere „gestrandete“ Investitionen in Milliardenhöhe, hatte Statkraft-Markets-Geschäftsführer Jürgen Tzschoppe schon im Juni betont.

Gerade hoch flexible Gaskraftwerke werden gebraucht, um auf die stark schwankende Ökostromproduktion zu reagieren. Sie stoßen zudem weit weniger CO2 aus als Kohlekraftwerke. Patrick Graichen von der Denkfabrik Agora Energiewende erwartet ohne Gegensteuern bis zum endgültigen Atom-ausstieg 2022 eine Deckungslücke an sicherer, immer abrufbarer Leistung von 5000 bis 15 ´.000 Megawatt.

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Derzeit gibt es im Stromverkauf oft Ernüchterndes. Am sonnigen Tag der Deutschen Einheit war es mal wieder so weit: Viel Sonnenstrom am Mittag (20.000 Megawatt) und recht viel Windstrom (rund 11.000 Megawatt) bei wenig Verbrauch ließen die Strompreise im kurzfristigen Verkauf an der Börse purzeln. Es kam zu negativen Strompreisen. Zwischen 13 und 15 Uhr mussten 50 Euro je Megawattstunde an Abnehmer des Stroms draufgezahlt werden.

Von Georg Ismar und Steffen Habit

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