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Stromversorgung im Winter: Wie wahrscheinlich ist der Blackout? Experte erklärt „riskantestes Szenario“

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Von: Matthias Schneider

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Wie sicher ist die deutsche Stromversorgung im Winter? Eine genaue Analyse der Netzbetreiber zeigt: Es könnte eng werden. Doch es gibt Entwicklungen, die Hoffnung machen.

München – Im Schatten der Gaskrise ist die Lage am europäischen Strommarkt schleichend eskaliert. Jetzt naht der Winter und die politischen Warnungen vor einem großflächigen Netzausfall – umgangssprachlich Blackout – werden lauter. Doch bei den Rufen wird vieles durcheinandergebracht. Wir haben den Stresstest analysiert – und zeigen, wo die Probleme wirklich liegen.

Angst vor Blackout in Deutschland: Was wurde analysiert? Stresstest liegt vor

Im Auftrag des grünen Bundeswirtschaftsministeriums haben die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber einen verschärften Stresstest unternommen, der unserer Redaktion vorliegt. Ziel war es zu klären, ob das deutsche Stromnetz verschiedenen hypothetischen Krisenszenarien standhält. Dafür wurde etwa der Ausfall diverser Kraftwerke und der massenhafte Betrieb elektronischer Heizlüfter auf die Stunde genau simuliert.

Detlef Fischer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft, erläutert: „Eines der derzeit größten Probleme ist, dass Frankreich wegen Reparaturen, Wartungsarbeiten und niedriger Flusspegel derzeit nur knapp die Hälfte seiner Kernkraftwerksflotte am Netz hat. Das muss jetzt unter anderem von Deutschland kompensiert werden.“

Doch die Bundesrepublik würde auf die Exporte gern verzichten, um ihre Gaskraftwerke zu schonen. Im härtesten Szenario schafft es Frankreich bis zum Winter nur zwei Drittel der Atom-Leistung am Netz zu halten. „Außerdem wurde eine Dürresituation simuliert, die den Transport von Kohle über die Flüsse erschwert“, so Fischer weiter. „Eingebettet wurden diese Szenarien in den Februar 2012, den kältesten Monat seit zehn Jahren.“ Dort gab es laut dem deutschen Wetterdienst teilweise Temperaturen von gut minus 30 Grad. Ein extremes Szenario, in dem der Gasverbrauch deutlich steigen würde. „Deswegen hat man im härtesten Szenario auch einen physischen Gasmangel eingerechnet, der die verbliebene Gaskraftwerksleistung in Süddeutschland und Österreich zu 50 Prozent als nicht verfügbar ansetzt“, so Fischer.

Robert Habeck möchte derweil mit einer Reihe an Energiesparverordnungen die Krise bekämpfen. Ab dem 1. Oktober treten daher neue Regeln in Kraft.

Versorgungslage in Deutschland: Woran hakt es wirklich?

„Das Problem wäre weniger die Strommenge, sondern viel mehr der Transport“, erklärt Detlef Fischer. Gemeint ist: Selbst im schlechtesten Szenario ist an maximal zwölf Stunden nicht genug Strommenge im europäischen Netz, um den deutschen Bedarf überall vollständig zu decken (siehe Kasten).

Kritischer ist der Transport: „Um Strom über weite Strecken zu transportieren, braucht es spezielle Höchstspannungsleitungen“, erklärt eine Sprecherin des Übertragungsnetzbetreibers Amprion, der die Stressteststudie mitgestaltet hat. Fällt die Erzeugung einer Region aus, kann sie also nicht immer durch Überproduktion aus anderen Regionen kompensiert werden.

Um ihre Kundschaft zu entlasten, sollen Stadtwerke und kommunale Versorgungsunternehmen eine Strompreisbremse umsetzen. Doch bislang fehlen dazu noch viele Details. (Symbolfoto)
Wie wahrscheinlich ist ein Netzausfall in Deutschland? (Symbolfoto) © Federico Gambarini/dpa

Energieexperte: „Das riskanteste Szenario ist ein trockener, kalter und windiger Winter“

„Die Frage ist also nicht nur, wie viel Strom ein Kraftwerk erzeugt, sondern auch, wo es den Strom ins Netz einspeist und wie viel Transportkapazität es gibt“, fasst die Amprion-Sprecherin zusammen. „Das riskanteste Szenario ist damit ein trockener, kalter und windiger Winter“, erklärt Detlef Fischer. „Besonders betroffen wäre Süddeutschland: Hier ist der Bedarf durch die Industrie groß und die Erzeugung durch die Windkraft gering. Kommen die schlechtesten Rahmenbedingungen im Stresstest zusammen, wird es sehr eng.“ Denn im Norden stehen zwar in der Spitze 30 Gigawatt an Windkraft zur Verfügung – die 20-fache Leistung von Isar 2. Doch das ist weit mehr, als das Netz stemmen kann.

Ursprünglich sollte die Südlink-Leitung ab 2022 die norddeutschen Windräder mit den süddeutschen Industriezentren verbinden. Bayerns Exministerpräsident Horst Seehofer hatte den Bau 2014 jedoch abgelehnt. Inzwischen werden die Leitungen unterirdisch verlegt – Experten erwarten ihren Einsatz nun erst Ende der 20er Jahre. Käme es jetzt zum oben beschriebenen Szenario, bräuchte es deshalb die zusätzliche Leistung von rund acht großen Gaskraftwerken aus dem Ausland, um in den kritischsten Stunden alle Regionen Deutschlands vollständig zu versorgen.

Wie realistisch ist der Blackout? Mangellage „unwahrscheinlich“

Das Ergebnis des Stresstests: In einigen Szenarien könnte es regional in wenigen Stunden zu Stromausfällen kommen. Doch aktuell entspannt sich die Lage etwas, erklärt Detlef Fischer: „Es regnet wieder mehr, das führt zum Steigen der Pegel in den Flüssen. Dadurch können Kohlefrachter wieder fahren und es gehen französische Kernkraftwerke wieder ans Netz.“ Über den Winter werden fast alle Anlagen erwartet. Außerdem füllen sich die Gasspeicher im Rekordtempo: „Wir haben weit vor dem Zeitplan 90 Prozent Füllstand erreicht – das macht eine Gasmangellage unwahrscheinlicher“, so Fischer.

Eine Erwartung die der Markt teilt: Seit Ende August hat sich der Gaspreis nahezu halbiert. „Wie sich der Gasverbrauch tatsächlich entwickelt, hängt aber von den Temperaturen im Winter und dem Verhalten der Verbraucher ab“, erklärt Fischer. Im besten Fall sollen die Speicher im Februar noch zu 40 Prozent gefüllt sein. „Wenn sich die Lage weiter so positiv entwickelt, werden die heftigsten Mangelszenarien deutlich unwahrscheinlicher.“

Blackout: Was muss in Deutschland getan werden? „Das ist das wichtigste Werkzeug“

Zum Aufatmen ist es aber noch zu früh: „Auch in harmloseren Szenarien sind sowohl ein Gas- als auch ein lokaler Strommangel nicht ausgeschlossen“, erklärt Fischer. „Wir müssen sparen was wir können, denn weniger Nachfrage verhindert Ausfälle, senkt die Preise und damit die Energiekosten für die Verbraucher.“ Zudem müssten alle Erzeugungskapazitäten ans Netz, unter anderem die Kohlekraftwerke. „Und wir brauchen vorläufig die verbleibenden Kernkraftwerke: Ihr zusätzliches Angebot senkt die Strompreise und beruhigt die Industrie. Außerdem leisten sie einen nicht zu vernachlässigenden Beitrag zur Netzstabilität.“

Am Ende bliebe jedoch eine große Lücke: „Im eher unwahrscheinlichen Extremszenario fehlen uns über acht Gigawatt, die wir auch wegen der fehlenden Leitungen mit keinem deutschen Kraftwerk ersetzen könnten. Die benötigte Leistung müssen wir jetzt schon in unseren Nachbarländern einkaufen, es ist bei Weitem noch nicht alles unter Vertrag“, sagt Detlef Fischer. Dort habe man aber im Zweifel dieselben Probleme wie in Deutschland, es könnte also zu Lieferausfällen kommen: „Energie sparen ist darum mit Abstand das wichtigste Werkzeug, das wir haben, um sicher durch diesen Winter zu kommen.“

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