Jürgen Michels

Interview mit dem Landesbank-Chefvolkswirt

„Deutschlands Exportstärke nicht verteufeln“

München - Seit Oktober vergangenen Jahres ist Jürgen Michels neuer Chefvolkswirt der Bayerischen Landesbank. Der Ökonom, der zuvor unter anderem für die Citigroup in London gearbeitet hat, analysiert für die BayernLB und ihre Kunden, wie sich die Wirtschaft entwickelt.

Der Münchner Merkur sprach mit Michels über die Euro-Krise, die deutsche Export-Stärke und die niedrigen Zinsen für Sparer.

Die EU kritisiert die Exportstärke Deutschlands. Zurecht?

Es ist meiner Meinung nach völlig falsch, die Exportstärke Deutschlands zu verteufeln. Man muss sich aus deutscher Sicht aber Gedanken machen, wie man die Inlandsnachfrage ankurbeln kann. Dabei sollte es nicht um überzogene Lohnsteigerungen gehen, mit denen sich ein kurzes Konsumfeuer entfachen lässt. Der öffentliche Sektor und die Unternehmen müssen wieder stärker investieren. Da kann Deutschland durchaus eine Schippe nachlegen, indem man zum Beispiel Investitionen in Forschung und Entwicklung steuerlich fördert. Die Schlussfolgerung aus dem Überschuss darf für Deutschland nicht sein, weniger wettbewerbsfähig zu werden.

Wie hoch sollten die Lohnsteigerungen denn ausfallen?

In Deutschland gibt es derzeit keine Notwendigkeit, dass die Löhne langsamer steigen sollten als die Produktivität, um wettbewerbsfähiger zu werden. Man muss sich natürlich die einzelnen Branchen genau anschauen. Im Durchschnitt würde ich aber von 2,75 bis 3 Prozent Lohnplus ausgehen.

Sie fordern mehr Investitionen der öffentlichen Hand, aber das würde doch bedeuten, dass der Staat wieder mehr Schulden macht.

Es ist wichtig die Kriterien ernst zu nehmen, die in der Euro-Zone zu den Staatsfinanzen vereinbart wurden. Es gibt für Deutschland aber keinen Grund, diese Kriterien überzuerfüllen. Deutschland muss keine großen Haushaltsüberschüsse erzielen, sondern langfristig einen ausgeglichenen Haushalt hinbekommen. Die Investitionen der öffentlichen Hand lassen sich beispielsweise auch über gemeinsame Projekte mit der Privatwirtschaft steigern.

Aber Deutschland liegt deutlich über der Schuldenobergrenze von 60 Prozent. Brauchen wir nicht doch Überschüsse, um Schulden abzuzahlen?

Nicht zwangsläufig. Der relative Schuldenstand sinkt auch durch Wirtschaftswachstum bei einem ausgeglichenen Haushalt. Das sollte unser Ziel sein.

Wie stark wird die Wirtschaft denn in diesem Jahr wachsen?

Wir gehen von einem Wachstum von knapp unter 2 Prozent in diesem und im nächsten Jahr für Deutschland aus. Das ist recht ordentlich für deutsche Verhältnisse. Allerdings glauben wir, dass die Euro-Zone insgesamt nur etwas über 1 Prozent Wachstum verzeichnen wird. Da sind wir deutlich zurückhaltender als die Prognosen der EU-Kommission.

Warum sind Sie für den Euro-Raum zurückhaltender?

Es ist die große Frage, ob die neuen Regeln, die sich die Euro-Länder gegeben haben, auch eingehalten werden. Die Italiener haben bereits mehr Zeit für die Umsetzung ihrer Reformen gefordert.

Wie steht es insgesamt um die Krisenländer im Euro?

Alle Länder sind auf einem positiven Pfad, was ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihre Leistungsbilanzdefizite angeht. Allerdings handelt es sich um schmerzhafte Anpassungsprozesse: Die Arbeitslosigkeit ist in die Höhe geschnellt und das verfügbare Einkommen der Bevölkerung sinkt. Es bleibt abzuwarten, ob die Länder das durchstehen – vor allem, wenn weitere Reformen und Fiskalmaßnahmen nötig werden sollten, die über das bereits Erreichte hinausgehen.

Gilt das auch für Griechenland?

Griechenland ist sicher ein Sonderfall. Wir werden wohl wieder eine Diskussion um ein weiteres Hilfspaket für die Griechen führen müssen. Vermutlich wird es, wie von mehreren Seiten genannt, um weitere 10 bis 12 Milliarden Euro gehen. Die Europäer werden voraussichtlich bereit sein, noch einmal in die Bresche zu springen, fraglich ist aber, ob sich der Internationale Währungsfonds noch einmal beteiligen wird. Bislang reagieren die Märkte aber glücklicherweise völlig entspannt.

Selbst die Verfassungsgerichtsentscheidung zum Anleihen-Programm der EZB hat die Märkte nicht sehr beeindruckt.

Die Akteure gehen vermutlich davon aus, dass der Europäische Gerichtshof das EZB-Programm am Ende durchwinken wird. Im Moment prallt alles am Markt ab, das kann sich aber auch schnell wieder drehen. Im Moment sehe ich zwar nicht, dass uns die Euro-Krise um die Ohren fliegen wird, aber es gibt weiterhin Risiken.

Die Bevölkerung in den Krisenländern leiden unter der hohen Arbeitslosigkeit, wie lange wird das noch andauern?

Das Wachstum wird für ziemlich lange Zeit schwach bleiben in diesen Ländern. Deshalb wird auch das Arbeitslosigkeitsproblem noch länger als zwei Jahre anhalten. Die Frage wird sein: Wie lange ist der Atem, das politisch durchzustehen?

Die deutschen Sparer leiden durch die Krise unter niedrigen Zinsen. Warum lässt die EZB den Leitzins so niedrig?

Das wichtigste Ziel der EZB bleibt die Preisstabilität. Die Inflation liegt in vielen Euro-Ländern gefährlich niedrig, teilweise ist sie sogar negativ. Deshalb lässt die EZB den Leitzins auf diesem niedrigen Niveau.

Sind künftig sogar negative Zinsen möglich?

Nach wie vor würde ich einen Negativzins nicht ausschließen.

Wie lange wird diese Niedrigzinsphase noch dauern?

In Europa wird es noch eine ganze Weile dauern, bis die EZB den Leitzins anhebt. In den USA erwarten wir den ersten kleinen Zinsschritt Ende nächsten Jahres, in Europa wird es wohl frühstens 2016 soweit sein.

Interview: Philipp Vetter

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