Deutschlands stumme Aktionäre

- München - Leberkäs-Semmeln und Butterbrezn locken immer weniger Aktionäre auf Hauptversammlungen. Den schwänzenden Anteilseignern entgeht nicht nur ein Imbiss, sondern auch die Kontrolle über ihre Unternehmen, warnen Aktionärsvertreter. Sie befürchten Zufallsmehrheiten und feindliche Übernahmen.

<P>Wer zahlt, schafft an. getreu diesem Grundsatz werden alle Aktionäre eines Unternehmens zur Hauptversammlung eingeladen, um dort - je nach Zahl ihrer Aktien - über das Unternehmen zu bestimmen. Doch immer weniger Anleger nehmen ihr Recht wahr, den Aufsichtsrat zu wählen oder die Höhe der Dividende abzusegnen. Die Quote des auf der Hauptversammlung vertretenen Kapitals ist bei den 30 Unternehmen im Deutschen Aktienindex seit 1998 von über 60 auf unter 50 Prozent gesunken, teilte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) mit. 47,29 Prozent der Anteile waren heuer im Dax-Durchschnitt vertreten. Die geringste Beteiligung hatte das Münchner Technik-Unternehmen Infineon mit einer Präsenz von 17,59 Prozent. Und das kann sich rächen.</P><P>"Es besteht die Gefahr von Zufallsmehrheiten, weil man mit relativ wenig Stimmen Beschlüsse fassen kann, die nicht dem Willen der Mehrheit der Aktionäre entspricht", warnt ein Sprecher des Deutschen Aktieninstituts. Im Fall von Infineon hätte heuer schon ein Anteil von 8,8 Prozent an allen Aktien gereicht, um auf der Hauptversammlung die absolute Mehrheit zu haben. "Mit der Mehrheit auf der Hauptversammlung kann man sich in den Aufsichtsrat wählen. Und da der Aufsichtsrat den Vorstand bestimmt, wäre es so möglich eine Gesellschaft zu übernehmen", erklärt DSW-Sprecher Jürgen Kurz. Dabei wäre noch nicht einmal ein Übernahmeangebot an die anderen Aktionäre nötig. "Bislang hat es das nicht gegeben. Aber auch die Unternehmen sind sich der Gefahr bewusst", sagt Kurz.</P><P>Die sinkende Präsenz hat nach Ansicht des DSW-Sprechers zwei Hauptgründe. Der Anteil institutioneller Investoren aus dem Ausland ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Und diese scheuen meist den Aufwand, ihr Stimmrecht auf Hauptversammlungen wahrzunehmen. Zum anderen hätten sich Sparkassen und Genossenschaftsbanken weitestgehend aus der Stimmrechtsvertretung zurückgezogen. Aktionäre können ihr Stimmrecht nämlich an einen Dritten übertragen. Die wenigsten haben davon aber offenbar Gebrauch gemacht. "Die Kunden haben das nicht als Dienstleistung empfunden. Daher haben wir es 2003 eingestellt", erklärt Hans Schmid, Sprecher des Sparkassenverbands Bayern.</P><P>Das Internet könnte den Trend drehen. Wenn nicht nur die Hauptversammlung live mitverfolgt, sondern auch mitabgestimmt werden kann, dürfte die Präsenz wieder steigen. Bis dahin hat auf vielen Hauptversammlungen eine Minderheit das Sagen.<BR></P>

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