Es profitieren nicht alle vom Aufschwung

Deutschlands Wirtschaftsboom dauert an - aber Einkommens-Ungleichheit

Der private Konsum, gute Geschäfte in der Industrie oder am Bau treiben den Wirtschaftsaufschwung. Doch von dem Wachstum profitieren nicht alle Menschen gleichermaßen.

Berlin - Die deutsche Wirtschaft setzt ihren ungewöhnlich langen Aufschwung fort und geht mit Volldampf ins nächste Jahr. Davon sollen auch die Beschäftigten profitieren: Die Einkommen legen nach aktuellen Konjunkturprognosen zu, auch der Beschäftigungsboom hält an. Allerdings ist laut einer Studie die Ungleichheit zwischen Gutverdienern und Einkommensschwachen in Deutschland immer noch hoch. Weltweit habe sich die Schere zwischen Arm und Reich seit 1980 weiter geöffnet.

In Deutschland ist es derzeit vor allem der private Konsum, der das Wirtschaftswachstum antreibt, begünstigt durch mehr Beschäftigung, höhere Arbeits- und Transfereinkommen und Steuerentlastungen. Auch in der Bauwirtschaft laufen die Geschäfte glänzend. Vor allem die Industrie profitiere von verbesserten Konjunkturaussichten der Weltwirtschaft. „Die deutsche Wirtschaft brummt“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest am Donnerstag in Berlin.

Ähnlich äußerten sich die Experten des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). „Die deutsche Wirtschaft fährt unter Volldampf“, sagte Konjunkturchef Stefan Kooths. Die Wirtschaft habe aber ihren nachhaltigen Wachstumspfad verlassen. Damit steigen aus Sicht der Kieler auch die Risiken eines Konjunkturumschwungs.

Gute Konjunkturprognosen für 2018

Gleich mehrere Wirtschaftsforschungsinstitute erhöhten ihre Konjunkturprognosen für das kommende Jahr. Die Ifo-Forscher erwarten nun statt wie bisher 2,0 Prozent ein Wachstum in Deutschland von 2,6 Prozent. Für das zu Ende gehende Jahr 2017 rechnen sie mit einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts um 2,3 Prozent.

Das IfW rechnet im kommenden Jahr nun mit 2,5 Prozent Wachstum. Die Kieler Ökonomen hatten mehrfach vor den Gefahren einer Überhitzung der Konjunktur gewarnt. „Ein Boom mag sich gut anfühlen, er trägt aber den Keim der Krise in sich“, sagte IfW-Experte Kooths. „Je weiter die ökonomische Aktivität über das Normalmaß hinaus zulegt, desto größer werden die Risiken für eine Anpassungsrezession.“ Für die Unternehmen werde es zunehmend schwieriger, qualifiziertes Personal zu finden. „Auf der Gewinnerseite finden sich die Arbeitnehmer, deren Effektivlöhne um drei Prozent steigen dürften. „Wegen zunehmender Knappheiten sitzen immer mehr Beschäftigte bei Lohnverhandlungen am längeren Hebel und können sich so über merkliche Kaufkraftzuwächse freuen“, sagte Kooths.

Auch das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) warnte. Es sei denkbar, dass die Produktionskapazitäten in einigen Wirtschaftszweigen nicht mehr ausreichten und dass Preissteigerungen mehr und mehr an die Stelle einer realen Produktionsausweitung treten würden. Das IWH rechnet für dieses und das nächste Jahr mit einem Wachstum von jeweils 2,2 Prozent - wie bereits das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) .„Der Aufschwung ist breit aufgestellt“, sagte IWH-Vizepräsident Oliver Holtemöller.

Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer

Wirtschaftlicher Aufschwung kommt aber nicht bei allen gleichermaßen an, wie aus einer in Paris vorgelegten Untersuchung von Forschern um den französischen Ökonomen Thomas Piketty hervorgeht. Demnach stieg in Deutschland der Anteil der obersten 10 Prozent am Gesamteinkommen seit Mitte der 1990er Jahren, wie Charlotte Bartels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagte, die die deutschen Daten auswertete. „Die unteren 50 Prozent haben in den letzten Jahren massiv an Anteil am Gesamteinkommen verloren. In den 60er Jahren verfügten sie noch über etwa ein Drittel, heute sind es noch 17 Prozent“, erläuterte sie.

„Insgesamt ist die Einkommensungleichheit in Deutschland heute nicht radikal höher oder radikal niedriger als vor 100 Jahren. Allerdings ist sie seit der Jahrtausendwende gestiegen“, sagte Bartels. „Einschließlich Sozialtransfers, die mit den Bruttoeinkommen nicht erfasst werden, sehen die Zahlen für die unteren Einkommen vermutlich aber besser aus.“

Hauptursache der ökonomischen Ungleichgewichte weltweit ist den Autoren zufolge die Verteilung von Kapital in privater und in öffentlicher Hand. Seit 1980 seien in fast allen Ländern riesige Mengen öffentlichen Vermögens privatisiert worden.

Das internationale Forscherteam um Piketty, Autor des kapitalismuskritischen Bestsellers „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, empfiehlt zur Bekämpfung der Ungleichheit unter anderem die Einführung eines globalen Finanzregisters, um Geldwäsche und Steuerflucht zu erschweren. Kindern aus ärmeren Familien müsse der Zugang zu Bildung erleichtert werden. Weitere Instrumente seien progressive Steuersätze, die mit dem Einkommen steigen, sowie eine bessere betrieblichen Mitbestimmung und angemessene Mindestlöhne.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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