"Die Ansprüche haben sich verschoben"

- Der Ruf der Unternehmer nach politischen Reformen wird zunehmend durch die Forderung nach mehr Arbeit bei gleichem Lohn übertönt. Über alte Reformwünsche und neues Renditedenken äußerte sich Michael Heise, Chefvolkswirt von Allianz und Dresdner Bank, im Redaktionsgespräch.

Die Unternehmen haben wieder bessere Geschäftsaussichten. Ist der Reformstau, über den lange geklagt wurde, vergessen?

Michael Heise: Ich glaube, dass die bessere Stimmung in der deutschen Wirtschaft berechtigt ist, weil sich harte Wirtschaftsdaten verbessert haben. Aber die großen Reformen stehen nach wie vor aus.

Was müsste passieren?

Heise: Arbeitsmarkt, Steuern und Soziales sind die wichtigen Bereiche. Der oft angesprochene Kündigungsschutz ist dabei nur ein kleiner Teil. Ich glaube, dass wir über eine betriebsnähere Tarifpolitik in Deutschland grundsätzlich nachdenken müssen. Unternehmen, die in einer schwierigen Lage sind oder andere Produktionsmöglichkeiten im Ausland haben, müssen mehr Flexibilität bekommen.

Glauben Sie, dass die Große Koalition das in Angriff nimmt?

Heise: Beim Kündigungsschutz wird sich bedauerlicherweise wenig tun. Das heißt, die Zahl an befristeten Arbeitsverträgen und Mini-Jobs wird sehr hoch bleiben. Das sollten wir nicht bejubeln, weil es nur zeigt, dass sich die Flexibilität in anderen Bereichen des Marktes Bahn bricht, aber im Kernbereich bei regulären Beschäftigungsverhältnissen - wo sie erforderlich wäre - nicht gegeben ist. Eine Neuinterpretation des Günstigkeitsprinzips zum Beispiel wäre nur eine Anpassung der gesetzlichen Lage an die Realität. In vielen Unternehmen passiert schon genau das. Die Belegschaften sagen: "Wir sehen ein, dass etwa Tschechien mit 30 Prozent Kostenvorteil winkt. Also bewegen wir uns und tun etwas, um den Standort zu erhalten." Das sollte die Politik zulassen und erleichtern.

In vielen Fällen helfen Zugeständnisse der Belegschaften aber auch nicht - siehe AEG.

Heise: Ich glaube schon, dass es hilft. Ich denke, dass wir bereits bei relativ geringen Kostensenkungen beim Faktor Arbeit feststellen, dass Wettbewerbsfähigkeit und Standortattraktivität wieder deutlich zunehmen. Das gilt natürlich nicht für jedes Werk. In manchem Fall gibt es auch trotz hoher Kürzung noch einen anderen Standort, der weniger kostet. Aber insgesamt gibt es keine Indizien dafür, dass die Reaktion von Beschäftigung und Produktion auf die Reallohnentwicklung nicht mehr da wäre.

Die Statistik der vergangenen zehn Jahre zeigt, dass die Unternehmens- und Vermögenseinkünfte um 39 Prozent gestiegen sind, aber die Nettolöhne nur um 13 Prozent. Wenn man die Löhne noch um die Inflation bereinigt, haben wir ein Minus von zwei Prozent. Wo soll diese Lohnspirale nach unten noch hinführen?

Heise: Der Ausgangszeitpunkt 1995 ist geschickt gewählt, denn Mitte der 90er-Jahre hatten wir den Höhepunkt der Lohnsteigerungen in Deutschland erreicht und erheblich an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Wir hatten Jahre weit überzogener Lohnsteigerungen hinter uns, die uns auf ein hoffnungslos überhöhtes Niveau führten. Wenn man von diesem Zeitpunkt ausgeht, gibt es in der Tat eine relativ schwache Lohnentwicklung und eine positive Entwicklung der Gewinne. Bei der Lohnentwicklung war eine Korrektur vorangegangener Übertreibungen notwendig. In Folge der Deutschen Einheit waren die Löhne und Lohnnebenkosten zu einer riesigen Belastung für die Wirtschaft geworden. Die Gewinnsteigerungen sind natürlich eklatant, aber da haben wir einen weltweiten Trend. Es scheint eine Umverteilung von Einkommen stattzufinden.

Ist das eine Folge der Globalisierung?

Heise: Ich glaube ja. Es muss sich zeigen, ob wir irgendwann einen Investitionsboom bekommen, weil die Investitionen so rentabel sind, und die Gewinne dann wieder abschmelzen, weil Überkapazitäten entstehen. Das könnte passieren. Die andere Sichtweise ist, dass wir tatsächlich ein erhöhtes Gewinnniveau erreicht haben, weil die Globalisierung viele sehr rentable Investitionsmöglichkeiten weltweit eröffnet. Dadurch könnte das Niveau der Rendite angehoben worden sein, unterhalb derer nicht mehr investiert wird.

Sind denn Eigenkapitalrenditen von über 20 Prozent, wie sie die Deutsche Bank anpeilt, möglich? Welche Beschäftigungen können unter solchen Umständen in Deutschland noch angeboten werden?

Heise: Im Finanzsektor ist das sicher sinnvoll, um die eigene Unabhängigkeit zu sichern. Das lässt sich aber nicht auf alle anderen Bereiche unserer Volkswirtschaft übertragen, etwa Handel und Dienstleistungen. Dort sind die Renditen geringer. Und das werden sie auch bleiben.

Unser Wettbewerbssystem soll doch gerade verhindern, dass es außergewöhnlich hohe Renditen gibt. Funktioniert das nicht mehr?

Heise: Ich glaube schon, dass der Wettbewerb funktioniert. Das sieht man beispielsweise im Bankenbereich, wo der Konkurrenzdruck bekanntermaßen groß ist. Trotzdem sind hier hohe Renditen erzielbar. Das liegt an den Ansprüchen der Kapitaleigner. Die haben sich verschoben. Und das Management steht vor der Herausforderung, entsprechende Kapitalrenditen zu erzielen. Das wird nicht unbedingt durch Preissteigerungen erreicht, die im Wettbewerb gar nicht möglich wären, sondern durch geschickte Finanzpolitik oder dadurch, dass man sich von Bereichen mit unterdurchschnittlicher Eigenkapitalrendite trennt.

Aufgezeichnet von Dominik Müller.

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