"Die Eltern müssen besser werden"

- Immer mehr Ausbildungsbetriebe beklagen mangelhafte Qualifikation von Lehrstellenbewerbern. Über die Gründe dafür sprachen wir mit Reinhard Dörfler, dem Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern.

Nach Schätzungen gelten schon heute 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen als nicht oder nur sehr eingeschränkt ausbildungsfähig. Wie äußert sich das?

Reinhard Dörfler: Das zeigt sich zum einen fachlich, also was Rechnen, Lesen und Ausdrucksfähigkeit betrifft, aber auch in den sogenannten Sekundärtugenden, also Disziplin, Pünktlichkeit, Fleiß oder auch nur anständige Kleidung. Die mangelnde Ausbildungsfähigkeit von Bewerbern wird mittlerweile von Betrieben als Hauptgrund dafür genannt, dass sie keine Lehrlinge nehmen. Früher standen an erster Stelle wirtschaftliche Gründe.

Wer hat Schuld an diesen Schwächen, die Schulen?

Dörfler: In dieser Misere haben die Schulen das gleiche Problem wie die Ausbildungsbetriebe. Es sind häufig die Elternhäuser, in denen diese Dinge nicht mehr vermittelt werden. Und das betrifft das ganze Kaleidoskop von Elternhäusern. In manchen sozial schwachen Familien herrscht die Meinung vor, Erziehung ist nicht unsere Sache, das soll der Staat machen. In sogenannten besseren Elternhäusern lernen die Kinder zwar, sich auszudrücken und es wird auf die Schule mehr Wert gelegt. Dafür kann es sein, dass es mit den persönlichen Tugenden gewaltig hapert. Bei Familien mit Migrationshintergrund sind schlicht die sprachlichen Fähigkeiten oft nicht ausreichend.

Kann es nicht sein, dass die Betriebe von ihren 15- oder 16-jährigen Auszubildenden einfach zu viel verlangen?

Dörfler: Nein, das glauben ich nicht. Die persönlichen Vorstellungen der Bewerber unterscheiden sich oft gravierend von den Anforderungen ihres Wunschberufes. Jemand, der von oben bis unten gepierct oder tätowiert ist, der kann einfach nicht im Einzelhandel Kunden bedienen. Und wer nicht richtig rechnen kann, der wird heute auch den Anforderungen eines Handwerksbetriebs nicht mehr gerecht.

Was muss sich in den Elternhäusern ändern?

Dörfler: Studien sagen, dass die eigentliche Erziehung von Kindern mit fünf bis sechs Jahren abgeschlossen ist. Dann müssen die Anlagen da sein, danach bleibt oft nur das Herumdoktern an Symptomen. Ein großes Problem ist auch, dass sich vielerorts die Familienverbände auflösen. Kinder brauchen aber eine ganzheitliche Erziehung, von Mutter und von Vater. Was mir neulich ein Berufsschullehrer aus Freising erzählt hat, ist leider für viele Familien symptomatisch. Es gibt Schüler, die zum Unterrichtsbeginn erscheinen und dann zwar noch kein Frühstück, aber schon drei Stunden Fernsehen hinter sich haben. Das ist auch die dutzendfache Beobachtung von unseren Ausbildungsberatern. Da lassen Eltern ihre Kinder regelrecht verwahrlosen.

Drei Stunden Fernsehen, aber noch kein Frühstück

Konkret, was soll geschehen?

Dörfler: Wir müssen in der Öffentlichkeit ein Bewusstsein für die Verantwortung der Eltern schaffen. Eltern müssen besser werden und dürfen sich nicht davonstehlen oder sich nur auf den Staat verlassen. Dennoch brauchen auch unsere Kindergärten eine andere Qualität. Es muss weg gehen von der Verwahranstalt hin zu Beispielen aus anderen Ländern, zum Beispiel England oder Frankreich. Leistungsgesichtspunkte müssen Einzug halten, natürlich spielerisch und kindgerecht. Schon im Kindergarten kann Kommunikationsfähigkeit geübt werden.

Das Gespräch führte Corinna Maier.

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