"Die katapultieren uns in die 50er-Jahre"

Telekom: - München - Der Ton zwischen Telekom und der Gewerkschaft wird härter. Auch die 5. Verhandlungsrunde ist gescheitert. Über 50 000 Menschen zittern um ihren Job und ihren Lebensstandard - allein 2000 davon in München. Wir sprachen mit Betroffenen.

Sie sind wütend und verzweifelt. Sie fühlen sich betrogen und nicht ernst genommen. Und sie haben Angst. "Ich wache nachts schweißgebadet auf", erzählt Andreas Passian. Der 50-Jährige ist einer der rund 2000 Telekom-Mitarbeiter aus München, die von der geplanten Auslagerung und den damit zusammenhängenden Gehaltskürzungen betroffen sind. So wie ihm geht es vielen seiner Kollegen, die sich gestern bundesweit zu Warnstreiks formierten.

Die Gespräche zwischen der Gewerkschaft Verdi und der Telekom sind festgefahren. Ein nachgebessertes Angebot der Konzernführung wurde abgelehnt. "Inhaltlich sind wir weit von einer Verständigung entfernt", sagte Verdi-Verhandlungsführer Lothar Schröder. Die Zeichen stehen auf Streik.

Telekom-Vorstandschef René Obermann beharrt auf seinem harten Sparkurs: Ab Juli sollen rund 50 000 Mitarbeiter für weniger Geld länger arbeiten - nur so bleibe das Unternehmen wettbewerbsfähig. Aber genau so gefährde das Unternehmen die Existenzen seiner Mitarbeiter, argumentiert die Gewerkschaft Verdi. "Wir befürchten, dass die Auslagerung nur der erste Schritt ist", sagt Ernst Edhofer, Vize-Geschäftsführer von Verdi in München. Als Nächstes folge der stückchenweise Verkauf. "BenQ lässt grüßen", meint dazu Telekom-Betriebsrat Peter Lengfelder trocken. Auch damals habe es geheißen, das Unternehmen müsse umstrukturiert und zukunftsfähig aufgestellt werden, und dann kam der Verkauf - 3000 Menschen verloren ihren Job.

"Ich habe mich für den Betrieb krumm gebuckelt", sagt Gordana Djordjevic-Stankov. Immer wieder habe sie finanzielle Einbußen von ein paar hundert Euro hinnehmen müssen. Doch die aktuellen Pläne würden für die 32-Jährige bedeuten, dass sie am Ende des Monats nur mehr 1000 Euro netto bekommt. Wie sie damit sich und ihren zehnjährigen Sohn ernähren soll, weiß sie nicht. "München ist doch so ein teures Pflaster", sagt die Sachbearbeiterin und Tränen schießen ihr in die Augen.

"Wir werden vorzeitig in Hartz IV geschickt, nur damit gewisse Kreise mehr Geld bekommen", ärgert sich Andreas Passian. Der 50-Jährige ist seit über 30 Jahren in der Firma und arbeitet im technischen Kundenservice. "Ich hatte früher bis zu 700 Überstunden, weil ich extrem motiviert war und mir die Arbeit richtig Spaß gemacht hat", erzählt Passian. Doch diese Motivation sei nun dahin. Das bestätigen auch die anderen. "Wir sitzen bei jedem Wetter im Straßengraben und bauen Kabel zusammen", sagt Monteur Martin Ostermaier. Mit dem niedrigeren Gehalt ab Juli weiß der zweifache Familienvater nicht, wie er über die Runden kommen soll. "Die Stimmung ist schlecht, man kann nicht mehr abschalten und alles dreht sich nur noch um die Arbeit", erzählt der 50-jährige Außendienstler. Der oft bemängelte Kunden-Service der Telekom werde so sicherlich nicht besser.

Die Pläne von Telekom-Vorstandschef René Obermann gehen laut Verdi weit über die neun Prozent Gehaltskürzung hinaus. Weitere fünf Prozent fallen bei Zuschlägen weg, außerdem gibt es keine Lohnerhöhung in den nächsten dreieinhalb Jahren. "Das macht mit der derzeitigen Inflationsrate noch mal 10,5 Prozent weniger Lohn", rechnet Edhofer vor. Wenn man dann noch die längeren Arbeitszeiten in Geld umrechne, schrumpfen die Gehälter am Ende über 40 Prozent, so Edhofer. Denn nicht nur die Regelarbeitszeit wird auf 38,5 Stunden erhöht. Für den Außendienst gilt ab Juli die Regel: Die Arbeitszeit fängt erst beim Kunden an und hört auch dort wieder auf. "Wenn ich durch halb München zu einem Kunden fahre und davor noch ein Teil im Lager abhole, dann ist das also Freizeit", ärgert sich Andreas Passian.

"Dieses neue ,Modell Telekom’ katapultiert uns Arbeitnehmer zurück in die 50er-Jahre" resümiert Peter Lengfelder. Das will die Gewerkschaft verhindern. "Die Urabstimmung ist schon in der Vorbereitung", sagt Edhofer. Anfang Mai könnten die ersten echten Streiks drohen.

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