DraftKings on NASDAQ The Nasdaq stock exchange is decorated for a belated welcoming for DraftKings, in Times Square in New York
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Börsengang durch die Hintertür: Mitte Juni hat der US-Wettanbieter Draft Kings mit einer börsennotierten Firma ohne Geschäftsmodell fusioniert. „Spac“ (Special Purpose Acquisition Company) werden die Zweckgesellschaften genannt. Am Times Square in New York wird der Börsenneuling von den Börsenbetreibern der Nasdaq begrüßt.

Sprungbrett für Start-ups - Risiko für Anleger

Börsenhype um leere Unternehmenshüllen

  • Sebastian Hölzle
    VonSebastian Hölzle
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An der Wall Street sind sie schwer in Mode: Börsengänge von Firmen ohne Geschäftsmodell. Ihr einziges Ziel ist es, „echte“ Unternehmen zu schlucken. Den Übernahmekandidaten ermöglichen sie damit den Gang aufs Parkett durch die Hintertür. Für Kleinanleger sind diese „Spacs“ hochriskant.

Der Flugtaxi-Bauer Lilium aus Weßling im Kreis Starnberg will bald mit der Serienproduktion seiner Senkrechtstarter beginnen. Das ist seit dem Frühjahr bekannt. Sechs Jahre nach der Gründung des Unternehmens klingt das nach dem nächsten logischen Schritt. Nur: Eine derartige Großinvestition verschlingt enorme Geldsummen.

Eine Möglichkeit, um an Kapital zu kommen: Lilium gibt Aktien aus und sammelt das Geld für Investitionen an der Börse ein. Die Anleger würden zu Miteigentümern, und Lilium hätte genug Geld, um große Investitionen zu stemmen.

Was einfach klingt, ist in der Praxis alles andere als leicht: Der Börsengang selbst ist aufwendig und teuer. Das Unternehmen benötigt eine Investmentbank, diese organisiert eine teure Roadshow, um bei Investoren für die neuen Aktien zu werben. Es müssen komplexe Börsenregularien erfüllt werden, erst dann geht es aufs Parkett.

Das Weßlinger Luftfahrtunternehmen Lilium hat sich für eine Abkürzung entschieden: Ende März kündigte das Management rund um Lilium-Gründer Daniel Wiegand an, mit der Qell Acquisition Corp. fusionieren zu wollen. Bis zu diesem Zeitpunkt dürfte von dieser Firma in Deutschland noch nie jemand etwas gehört haben, eimal abgesehen von einigen wenigen Finanzexperten.

Dass die Firma Quell weitgehend unbekannt ist, ist nicht weiter verwunderlich: Anders als Lilium hat Qell nichts mit Maschinenbau zu tun, Qell ist nichts weiter als eine leere Unternehmenshülle. Der Charme für Lilium besteht einzig und allein darin, dass Qell in den USA bereits an der Börse notiert ist. Durch eine Fusion schafft sich das Luftfahrtunternehmen damit durch die Hintertür Zugang zur New Yorker Technologiebörse Nasdaq. Damit keine Missverständnisse entstehen, kündigte Lililum auch gleich noch an: Nach der Fusion soll das neue Unternehmen weiterhin Lilium heißen.

Mit seinem Vorhaben profitiert Lilium von einer neuen Mode an den internationalen Kapitalmärkten: „Spacs“ nennen Finanzexperten solche leeren Unternehmenshüllen, die Abkürzung steht für „Special Purpose Acquisition Company“, also ein reines Zweckunternehmen für Übernahmen oder Fusionen.

Eine Auswertung der Frankfurter Beratungsfirma Kloepfel Corporate Finance zeigt: Von insgesamt 480 Börsengängen in New York im Jahr 2020 waren mehr als die Hälfte Spacs. 248 leere Unternehmenshüllen gingen dort vergangenes Jahr aufs Parkett, sie sammelten 83 Milliarden Dollar ein – 57 Prozent aller Erlöse durch Börsengänge in diesem Jahr.

In diesem Jahr ist zu beobachten, dass sich der Trend weiter beschleunigt. „Die hohe Zahl an neuen Spacs ist ein Hinweis dafür, dass eine hohe Risikobereitschaft und viel Liquidität im Markt vorhanden ist“, erklärt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte bei der DekaBank, das Phänomen.

Und in Europa? Hier gingen 2020 laut der Auswertung nur drei Spacs an die Börse, in Deutschland gab es überhaupt keinen Spac-Börsengang. „In den USA gibt es einfach mehr Risikokapital als in Europa, zumal in den USA, anders als in Europa, auch viele kleinere Firmen den Gang an die Börse wagen.“

Nur langsam kommt der Hype um die Spacs auch am Finanzplatz Frankfurt an: Mit Lakestar gab es im Februar nach vielen Jahren Pause wieder das erste deutsche Spac. Start-up-Investor Klaus Hommels brachte das Finanzvehikel aufs Parkett. Inzwischen ist auch klar, mit welcher Firma Lakestar zusammengehen wird: Mit dem deutschen Airbnb-Konkurrenten HomeToGo, mit einer Bewertung von 1,2 Milliarden Euro startet der Ferienhaus-Marktplatz bald an der Börse.

„Spacs bieten zwar hohe Chancen auf Kurswachstum, sie sind aber definitiv hochriskant“, sagt Deka-Experte Schallmayer. Beim ursprünglichen Börsengang von Lakestar war schließlich unklar, ob das Spac überhaupt einen Partner mit profitablem Geschäftsmodell finden wird. Danach sieht es jetzt zwar aus, aber selbst jetzt ist ungewiss, wie sich HomeToGo einmal am Markt durchsetzen wird.

„Für Kleinanleger ist ja schon der Kauf von Einzelaktien ein erhöhtes Risiko, wenn die Streuung nicht stimmt“, warnt Schallmayer. Investitionen in Start-ups seien noch einmal riskanter und Kleinaktionären nur mit einer extrem breiten Streuung zu empfehlen.

Für die Finanzmarktvehikel selbst, die vor allem auf der Suche nach solchen Start-ups oder weniger bekannten kleineren Firmen sind, gilt daher doppelte Vorsicht, weil Anleger hier sprichwörtlich die Katze im Sack kaufen. Nicht umsonst werden die Spacs auch „Blankoscheck-Firmen“ genannt: „Aktien von Spacs sind daher nur etwas für Profis – Kleinanleger sollten die Finger davon lassen“, warnt Schallmayer.

„Anleger kaufen die Expertise des Spac-Managements ein und vertrauen diesen Personen, dass sie einmal ein solides Unternehmen mit profitablem Geschäft finden.“ Selbst Profi-Anleger sind daher auf der Hut: „Bei einigen Spacs bekommen die Manager einen hohen Bonus, sofern es ihnen gelingt, innerhalb von zwei Jahren eine Aquisition zu tätigen.“ Schallmayer sieht, sofern eine solche Konstruktion vorhanden ist, darin einen Fehlanreiz. Denn im schlimmsten Fall kann das bedeuten, dass ein Zusammenschluss mit einem wenig profitablen Unternehmen zustande kommt – Hauptsache, der Zwei-Jahres-Zeitraum wird eingehalten und die Zahlung an die Spac-Initiatoren ist gesichert.

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Befeuert wird der Hype um die Spacs durch Profisportler wie den FC-Bayern-Star Robert Lewandowski. Er ist gemeinsam mit weiteren Profisportlern offiziell Mitglied in einem Beirat der in den USA börsennotierten Unternehmenshülle Disruptive Acquisition Corp. I. 250 Millionen Dollar hat die auf den Cayman Islands registrierte Zweckgesellschaft bei ihrem Nasdaq-Börsengang im März eigenen Angaben zufolge bei Anlegern eingesammelt.

Auch der ehemalige Siemens-Chef Klaus Kleinfeld mischt mit: Er führt die Geschäfte der Constellation Acquisition Corp. I. 300 Millionen Dollar brachte der Börsengang in den USA ein.

Prominente Namen, die Vertrauen schaffen sollen. „Sich als öffentliche Figur für ein Investment stark zu machen, sollte immer gut überlegt sein“, sagt Schallmayer. Das zeigt ein Spac-Experiment in Deutschland vor gut zehn Jahren: Damals ging Germany1 an die Börse. Mitgründer des Spacs waren unter anderem der Berater Roland Berger, Ex-Arcandor-Chef Thomas Middlehoff und Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer. Mit ihrer Bekanntheit rührten sie die Werbetrommel für die börsennotierte Firma ohne operatives Geschäft. Zwar gelang Germany1 2009 die Fusion mit dem Solarzulieferer AEG Power Solutions, 2017 schlitterte der Börsenneuling aber nach schwachen Geschäftsjahren in die Insolvenz, 2018 verschwand die Firma wieder von der Börse.

Insgesamt bewertet Deka-Experte Schallmayer die Entwicklung in den USA dennoch positiv: „Spacs sind ja per se weder gut noch schlecht, sie machen schließlich den Kapitalmarkt effizienter, indem sie sowohl Start-ups als auch etablierten Firmen ohne bisherige Börsennotiz einen schnellen Zugang zu Kapital ermöglichen“, sagt er. „Nur für Kleinanleger gibt es am Aktienmarkt definitiv weniger riskante Möglichkeiten, das Geld anzulegen.“

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